Umfrage: Lenin soll unter die Erde
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UmfrageLenin soll unter die Erde

Eine klare Mehrheit der Russen will laut einer Online-Umfrage, dass der Leichnam des Revolutionsführers Lenin aus seinem Mausoleum geholt und beerdigt wird.

von
pbl
Nur zehn Prozeht von Lenins einbalsamiertem Leichnam sollen «echt» sein.

Nur zehn Prozeht von Lenins einbalsamiertem Leichnam sollen «echt» sein.

In der Sowjet-Ära gehörte der Besuch des Lenin-Mausoleums auf dem Roten Platz in Moskau zum Pflichtprogramm für in- und ausländische Touristen. Jeden Tag bildeten sich vor dem Eingang lange Warteschlangen von Menschen, die am einbalsamierten Leichnam des Revolutionsführers vorbeidefilierten. Heute ist die Grabstätte nur noch an vier Vormittagen pro Woche geöffnet. Im nächsten Monat wird sie zudem wieder geschlossen, damit Lenins Leichnam und seine Kleidung aufgefrischt werden können.

Seit dem Ende der Sowjetunion 1991 gibt es Forderungen, Wladimir Iljitsch Uljanow – so Lenins richtiger Name – auf einem Friedhof zu beerdigen. Aus Furcht vor einer Spaltung des Landes wurde bislang davon abgesehen, doch jedes Jahr zu Lenins Todestag am 21. Januar flammt die Diskussion wieder auf. Nun mehren sich auch innerhalb der Regierungspartei Einiges Russland die Befürworter, die den vor 87 Jahren gestorbenen Revolutionsführer beerdigen wollen.

«Dumme, heidnische Mission»

«Es ist eine dumme, heidnische Mission der Liebe zu Leichen, die wir auf dem Roten Platz haben. Experten wissen, dass nur noch zehn Prozent des Körpers erhalten sind», sagte der Parlamentsabgeordnete Wladimir Medinski. Der Menschenrechtler Arseni Roginski von der Organisation Memorial bezeichnete Lenin als Begründer des «Staatsterrors». Auch der an der Kremlmauer beerdigte Sowjet-Diktator Josef Stalin müsse von dort verschwinden.

Das Volk scheint gleicher Meinung, wie eine von Medinski lancierte Online-Umfrage mit der bezeichnenden Adresse goodbyelenin.ru zeigt. Knapp 70 Prozent von mehr als 280 000 Menschen, die sich bis Dienstag an der Umfrage beteiligten, sprachen sich dafür aus, den Leichnam des Revolutionsführers zu beerdigen. Die Kommunistische Partei hingegen bezeichnete die Umfrage als «verzerrt» – nur 40 Prozent der Russen hätten Internetzugang.

Image-Projekt für Medwedew?

Das führende Parteimitglied Andrej Worobjow bestritt, dass Medinski die offizielle Linie von Einiges Russland vertrete. Bei der Umfrage handle es sich um die Initiative einzelner Partei-Mitglieder, sagte er der Nachrichtenagentur RIA-Nowosti. Am Montag räumte er zumindest ein, dass das Thema für die Gesellschaft aktuell sein. Worobjow schloss eine Initiative für Lenins Beerdigung nicht aus. Auch im Kreml scheint man darüber nachzudenken.

Die Überführung des bisher für Millionenbeträge erhaltenen Lenin-Leichnams in ein Grab könnte zu einem echten Image-Projekt für Kremlchef Dmitri Medwedew werden, sagte ein Mitarbeiter der Präsidialverwaltung der Zeitung «Wedomosti». Dabei gehe es vor allem um einen Bruch mit der umstrittenen sowjetischen Vergangenheit und einen Aufbruch in ein modernes Russland, das Medwedew immer wieder ankündige.

Ein Sprecher der Kremlverwaltung sagte, dass es derzeit aber keine Pläne für ein Begräbnis gebe. Der Friedensnobelpreisträger und Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow zeigte sich überzeugt, dass der Leichnam über kurz oder lang unter die Erde komme. Das Gehirn des Revolutionshelden wird in einem medizinischen Institut in Moskau aufbewahrt. (pbl/sda)

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