16.09.2020 10:10

Psychische GesundheitLernen, über Suizid zu reden

Ein Kurs bildet Laien im Umgang mit psychisch erkrankten Personen aus. Wie führt man ein Gespräch, wenn einem die Worte fehlen? 20 Minuten hat mit den Teilnehmenden gesprochen.

von
Remo Schraner
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Ensa, ein Programm der Stiftung Pro Mente Sana, bildet seit 2018 Laien im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen aus. Wegen Corona finden diese unter anderem als siebenteilige Webinare à zwei Stunden statt.

Ensa, ein Programm der Stiftung Pro Mente Sana, bildet seit 2018 Laien im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen aus. Wegen Corona finden diese unter anderem als siebenteilige Webinare à zwei Stunden statt.

zvg
Laura hat den Ensa-Kurs absolviert und sagt: «Es ist so simpel und doch so effektiv. Ich würde mir wünschen, dass man das auch im ‹normalen› Nothelferkurs lernen würde.»

Laura hat den Ensa-Kurs absolviert und sagt: «Es ist so simpel und doch so effektiv. Ich würde mir wünschen, dass man das auch im ‹normalen› Nothelferkurs lernen würde.»

Im Leben von Teilnehmer René gab es drei Personen, bei denen er das Thema Suizid hätte ansprechen sollen. Eine dieser Personen beging Suizid. «Im Kurs habe ich gelernt, die Frage nach Suizidgedanken überhaupt aussprechen zu können.»

Im Leben von Teilnehmer René gab es drei Personen, bei denen er das Thema Suizid hätte ansprechen sollen. Eine dieser Personen beging Suizid. «Im Kurs habe ich gelernt, die Frage nach Suizidgedanken überhaupt aussprechen zu können.»

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Darum gehts

  • 20 Minuten hat den Erste-Hilfe-Kurs für psychische Gesundheit besucht.
  • Den Teilnehmenden wird das Grundwissen über die häufigsten psychischen Krankheiten vermittelt.
  • Jemanden zu fragen, ob er Suizidgedanken habe, «sei extrem», sagt Teilnehmer René, «aber es schafft Klarheit».
  • Am Samstag, 3. Oktober, organisiert 20 Minuten einen kostenlosen Kurs. Melde dich hier an!

«Wir waren mitten in der Massage, als meine Klientin mir von ihren Suizidgedanken erzählte», erinnert sich Naturheilpraktikerin Laura. Sie spürte, dass sie die Frau mit diesen Gedanken nicht mehr alleinlassen konnte. «Sie sass neben mir, als ich die Sanitätspolizei anrief. Wir beiden wussten, dass sie dringend professionelle Hilfe braucht.» Als die Polizei die Klientin abholte, um sie in eine Klinik begleiten, fiel von Laura eine grosse Last ab.

Aber sie machte sich viele Gedanken. «Habe ich richtig gehandelt? Oder habe ich eine Grenze überschritten?» Mit einer befreundeten Psychologin redete sie über den Vorfall. Diese empfahl ihr den Ensa-Kurs. Laura meldete sich an.

Um was gehts beim Ensa-Kurs?

«Ensa» bedeutet in einer Sprache der australischen Ureinwohner «Antwort» und ist ein Programm der Stiftung Pro Mente Sana. Das Programm bildet seit 2018 Laien im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen aus. Denn das Grundwissen über psychische Krankheiten sei in der Schweiz nicht weit verbreitet. Entsprechend sei die Stigmatisierung hoch. «Menschen mit psychischen Problemen haben Angst vor Diskriminierung und holen sich erst Hilfe, wenn sie es nicht mehr aushalten», sagt Roger Staub, Geschäftsleiter der Stiftung Pro Mente Sana. «Und die Fachpersonen warten, bis die Patienten zu ihnen kommen.» Diese Situation führe dazu, dass sich Personen mit Depressionen jahrelang keine oder gar nie Hilfe holten. Ensa hat inzwischen über 1000 Laien ausgebildet.

Neben Laura nehmen rund zwölf weitere Leute am Kurs teil. Wegen Corona findet dieser als siebenteiliges Webinar à zwei Stunden statt.
In einem ersten Schritt wird den Kursteilnehmenden das Grundwissen über die häufigsten psychischen Krankheiten wie Depressionen, Angststörungen, Psychosen und Suchtabhängigkeiten vermittelt. «Die Filme, die im Kurs gezeigt werden, sind sehr eindrücklich», sagt Teilnehmerin Sarah. «In einem Video reden Betroffene über ihre Psychosen – da bekam ich Gänsehaut. Manchmal reichen Worte einfach nicht, um etwas zu erklären.» Die beiden Kursleiter vermitteln aber nicht nur Fakten, die Teilnehmenden üben auch konkrete Gespräche mittels Rollenspielen.

So übernimmt zum Beispiel eine Kursteilnehmerin die Rolle der «helfenden Person» und eine andere die Rolle der Nachbarin Miriam. Miriam habe sich von ihrem Mann getrennt und nun wachse ihr alles über den Kopf: Die Lebensumstellung fordere viel Energie, die Gedanken würden unentwegt kreisen und die Erziehung des Sohnes überfordere sie. Die helfende Person erhält die Aufgabe, vom alltäglichen Smalltalk in die Tiefe zu gehen, da sie sich Sorgen um Miriam mache.

Das Rollenspiel beginnt. Nach wenigen Minuten sagt Miriam in einem Nebensatz: «Manchmal glaube ich, mein Umfeld wäre ohne mich besser dran.» Statt ihr nun gut gemeinte Ratschläge zu geben, fragt die helfende Person: «Hast du Suizidgedanken?» «Ja», kommt die prompte Antwort.

«Der Mythos, dass man Suizid auf keinen Fall ansprechen soll, ist Quatsch.»

Roger Staub, Geschäftsleiter der Stiftung Pro Mente Sana

Eine simple Frage, eine simple Antwort und viele Emotionen – selbst in diesem fiktiven Szenario. «Wir haben gelernt, nicht über Suizid zu reden», sagt Roger Staub, Geschäftsleiter der Stiftung Pro Mente Sana. «Doch der Mythos, dass man Suizid auf keinen Fall ansprechen soll, ist Quatsch. Die Leute wollen in erster Linie nicht sterben. Sie brauchen Hilfe.» Deswegen würden die meisten suizidgefährdeten Menschen auf die konkrete Frage ehrlich antworten. «Wenn man noch nie jemanden gefragt hat, ob er Suizidgedanken hat, kommen die Worte kaum über die Lippen.» Deswegen brauche es solche Rollenspiele.

Jetzt anmelden!

Gratis-Kurs für dich

In Kooperation mit der Ensa veranstaltet 20 Minuten am Samstag, 3. Oktober, um 13 Uhr an der Werdstrasse 21 in Zürich den Kurs «Erste-Hilfe-Gespräche über Suizidgedanken». In diesem Kurs lernst du, wie man Menschen mit Suizidgedanken akut helfen kann. Der Kurs ist für dich kostenlos. Melde dich hier via Formular an. Von allen Einreichungen können zehn Leserinnen und Leser den Kurs besuchen. Der Kurs wird von uns mit Video und Interviews festgehalten.

Auch für Ersthelfer René ist diese Situation ungewohnt: «Es ist eine extreme Frage – aber sie schafft Klarheit. Für mich war es wichtig, diese Frage in den Rollenspielen üben zu können.» In seinem Leben gab es drei Personen, bei welchen er das Thema Suizid hätte ansprechen sollen. Eine dieser Personen beging Suizid. «Im Kurs habe ich gelernt, die Frage nach Suizidgedanken überhaupt aussprechen zu können.»Sollen Ersthelfende also Suizide verhindern? «Im besten Fall, ja», sagt Roger Staub. In erster Linie gehe es aber schlicht darum, Betroffene anzusprechen, wenn man sich Sorgen um sie mache.

Die fiktive Nachbarin Miriam hat also Suizidgedanken. Was nun? «Hast du einen konkreten Plan, wie du sterben möchtest?», fragt die Kursteilnehmerin. Diese Frage ist ungewohnt, aber wichtig, wie man im Kurs lernt. Denn die Antwort darauf bestimmt das weitere Vorgehen. Hätte Miriam bereits einen konkreten Plan, sich das Leben zu nehmen oder hat sie bereits Suizidversuche hinter ihr, gilt die Situation als akute Krise. Die Ersthelfende müsste sofort eine Fachperson kontaktieren (siehe Box am Ende des Artikels).

In diesem Fall hat Miriam zwar manchmal Gedanken an den Tod, aber keine Absicht, sich das Leben zu nehmen. In diesem Fall kommt «Roger» ins Spiel:

Alles Roger?

Im Gespräch mit Menschen, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, empfiehlt die Ensa den «Roger»-Massnahmenplan. Die fünf Schritten sollen dabei helfen, das Gespräch aufzubauen:

Reagiere: Die Situation ansprechen und einschätzen und der Person beistehen.

Offen und unvoreingenommen zuhören und kommunizieren.

Gib Informationen und Unterstützung.

Ermutige zu professioneller Hilfe .

Reaktiviere die Ressourcen der Person.

Die fünf Massnahmen helfen, das Gespräch zielführend zu gestalten. Im Rollenspiel endet das Gespräch damit, dass Miriam im Beisein der Nachbarin einen Termin bei ihrem Hausarzt macht. «Würdest du mich begleiten?», fragt Miriam ihre Nachbarin. Sie nickt.

Nach jedem Rollenspiel folgt die Feedbackrunde. Die anderen Teilnehmer, die das Szenario beobachtet haben, heben hervor, was alles gut gelaufen ist und was das nächste Mal anders gemacht werden sollte. So soll die Frage nach Suizidgedanken nicht vor der Haustür erfolgen. Gut wäre zum Beispiel ein Spaziergang, da man nebeneinander geht und einander nicht direkt in die Augen schaut. Wichtig dabei ist immer, dass sich die betroffene Person wohl fühlt.

Rebecca gefiel der Kurs so gut, dass sie sich nun als Instruktorin ausbilden lässt, um künftig selbst Ensa-Kurse zu leiten: «Wir alle haben in unserem Umfeld jemanden, der an einer psychischen Krankheit leidet und Hilfe braucht. Um diese Person zu erkennen, müssen wir uns trauen, hinzuschauen. Jemanden nicht anzusprechen, weil man nicht weiss, wie man das Gespräch führt, sollte nicht mehr vorkommen.»

Auch Laura ist vom Kurs begeistert: «Meine Hemmschwelle, über psychische Krankheiten zu reden, ist enorm gesunken.» Besonders gefällt ihr das «Roger»-Modell: «Es ist so simpel und doch so effektiv. Ich würde mir wünschen, dass man das auch im ‹normalen› Nothelferkurs lernen würde.» Als frischgebackene Ersthelferin ist sie überzeugt, dass sie damals richtig reagierte, als sie wegen den Suizidgedanken ihrer Klientin die Sanitätspolizei anrief. «Sie ist später sogar zu mir gekommen und bedankte sich für mein Handeln», sagt Laura.

Suizidgedanken? Hier findest du Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)


Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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40 Kommentare
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Ironischer

16.09.2020, 13:58

Ich dachte immer, einen Suizid müsse man gut planen, nicht darüber reden? Nun also darüber reden dass, falls es jemand meldet, man noch in die Klapse kommt? Ironie beiseite, ich bin etwas älter, lebe gut, das hoffentlich noch lange. Ich bin jedoch der Meinung, es sollte eine Möglichkeit geben zu gehen für Menschen welche einfach genug haben, sei es wegen Krankheit oder weil einfach für sie nichts mehr stimmt. Ich meine mein Leben ist mir gehört mir nicht einen Arzt oder Psychiater

Susi und Strolch

16.09.2020, 12:55

Liebes Redaktionsteam Vielen lieben Dank, dass diskriminierende und menschenverachtende Kommentare veröffentlicht werden und die sachlichen zensiert. Wir haben „noch“ eine Meinungsfreiheit. Nur weil man gewisse Themen nicht sehen, hören und wahrnehmen will, einfach zu zensieren, finde ich nicht korrekt. In den Kommentarregeln ist alles klar aufgelistet, insofern verstehe ich die Auslegung nicht.

Stella

16.09.2020, 12:25

Ich finde es als Fachperson eine super Sache. Ich habe den Instruktoren-Kurs gemacht und bestanden. Leider wusste ich nicht, dass man als Fachperson umbedingt den Vorkurs für Laien besuchen muss und aus diesem Grund, darf ich nicht als Instruktorin tätig sein.