Flüchtende mit Beeinträchtigung – Leser zeigen Solidarität mit «unerwünschten» Flüchtenden aus der Ukraine

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Flüchtende mit BeeinträchtigungLeser zeigen Solidarität mit «unerwünschten» Flüchtenden aus der Ukraine

Täglich werden zahlreiche ukrainische Flüchtende an Schweizer Privatunterkünfte vermittelt. Dass dies Flüchtlingen aus anderen Ländern gar nicht erst ermöglicht wird, stösst auf Kritik. Verschiedene Organisationen fordern nun eine Gleichbehandlung aller Flüchtlinge.

von
Michelle Muff
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Zahlreiche Flüchtende aus der Ukraine erreichen derzeit die Schweiz. (Foto: Ukrainische Geflüchtete nach der Ankunft in der Schweiz am Flughafen Zürich, 22.03.2022)

Zahlreiche Flüchtende aus der Ukraine erreichen derzeit die Schweiz. (Foto: Ukrainische Geflüchtete nach der Ankunft in der Schweiz am Flughafen Zürich, 22.03.2022)

Fabrice COFFRINI / AFP
Doch nicht alle haben die gleichen Chancen auf eine Unterbringung in Privathaushalten: «Ältere Männer, Muslime und Menschen mit Behinderungen will fast nie jemand aufnehmen – sie landen meist im Asylzentrum», sagte Sigita Barvida, die Flüchtlingen aus der Ukraine Unterkünfte in der Schweiz vermittelt, am Freitag. (Foto: Ukrainische Geflüchtete nach der Ankunft in der Schweiz am Flughafen Zürich, 22.03.2022)

Doch nicht alle haben die gleichen Chancen auf eine Unterbringung in Privathaushalten: «Ältere Männer, Muslime und Menschen mit Behinderungen will fast nie jemand aufnehmen – sie landen meist im Asylzentrum», sagte Sigita Barvida, die Flüchtlingen aus der Ukraine Unterkünfte in der Schweiz vermittelt, am Freitag. (Foto: Ukrainische Geflüchtete nach der Ankunft in der Schweiz am Flughafen Zürich, 22.03.2022)

Fabrice COFFRINI / AFP
 Etwa sei eine Familie mit einem Kind mit Down-Syndrom von Schweizer Privatpersonen abgelehnt worden: «Weil niemand sie aufnehmen wollte, landeten sie in einem Hotel, wo sie seit zwei Wochen auf eine weitere Unterbringung warten.» (Ukrainische Geflüchtete erreichen ihre Notunterkunft in Mümliswil, Solothurn, 22.03.2022)

Etwa sei eine Familie mit einem Kind mit Down-Syndrom von Schweizer Privatpersonen abgelehnt worden: «Weil niemand sie aufnehmen wollte, landeten sie in einem Hotel, wo sie seit zwei Wochen auf eine weitere Unterbringung warten.» (Ukrainische Geflüchtete erreichen ihre Notunterkunft in Mümliswil, Solothurn, 22.03.2022)

Fabrice COFFRINI / AFP)

Darum gehts

  • Viele ukrainische Flüchtende mit Beeinträchtigungen finden keine private Unterbringung, sagt Sigita Barvida, die privat Geflüchtete vermittelt. 

  • Nach der Publikation eines 20-Minuten-Artikels konnten betroffene Geflüchtete mit Behinderungen eine private Unterkunft finden.

  • Derweil fordern die Grünen und weitere Organisationen eine Gleichbehandlung aller Flüchtlinge.

«Ältere Männer, Muslime und Menschen mit Behinderungen will fast nie jemand aufnehmen – sie landen meist im Asylzentrum», sagte Sigita Barvida, die Flüchtlingen aus der Ukraine Unterkünfte in der Schweiz vermittelt, am Freitag. Etwa sei eine Familie mit einem Kind mit Down-Syndrom von Schweizer Privatpersonen abgelehnt worden: «Weil niemand sie aufnehmen wollte, landeten sie in einem Hotel, wo sie seit zwei Wochen auf eine weitere Unterbringung warten.» Wenn sie nicht bald eine Unterkunft fänden, müssten sie ins Asylzentrum, so Barvida. Auch eine muslimische Familie aus der Ukraine wartete seit Wochen im Asylzentrum auf eine private Unterkunft – bislang ohne Erfolg.

Der 20-Minuten-Artikel vom Freitag löste aber eine grosse Welle der Solidarität aus: Nach der Publikation meldeten sich zahlreiche Personen bei Barvida sowie auch bei 20 Minuten, die den betroffenen Geflüchteten eine Unterkunft angeboten haben. «Ein Ehepaar bot unter anderem ihr Ferienhaus in Graubünden für die muslimische Familie sowie die Mutter mit ihrem zwölfjährigen Sohn mit Down-Syndrom an.» Auch eine Anwältin meldete sich und stellte ihre Wohnung zur Verfügung: «Sie sagt, sie fände es schrecklich, wenn der Junge mit der Behinderung keine private Bleibe findet», so Barvida.

«Alle Geflüchteten kommen voraussichtlich bei Privathaushalten unter»

Soweit kommt es nun nicht: «Es laufen noch letzte Abklärungen, aber so wie es derzeit aussieht, kommt die muslimische Familie sowie auch die Mutter und ihr beeinträchtigter Sohn bei Privathaushalten unter», sagt Barvida. Auch für die Familie mit der blinden Tochter, die im Artikel vom Freitag erwähnt wurde, konnte eine private Beherbergung gefunden werden.

Barvida freut sich sehr über die Solidaritätsaktionen der 20-Minuten-Leserschaft: «Die Geflüchteten sind wahnsinnig glücklich, dass sie nun ein privates temporäres Zuhause gefunden haben. Sie sind froh, dass sie aus dem Asylzentrum rauskommen oder gar nicht erst dorthin gehen müssen.»

Trotzdem hofft die alleinerziehende Mutter, dass die Solidarität mit Geflüchteten, die nicht dem klassischen Ideal des ukrainischen Flüchtenden entsprechen, nicht bald schon wieder abklingt: «Alle Flüchtenden sind gleichermassen dringend auf Unterstützung und die Solidarität von Schweizerinnen und Schweizern angewiesen.»

Grüne Partei fordert Ausweitung der Rechte für alle Flüchtenden

Auch die Grünen sowie andere Organisationen verlangen eine Ausweitung der Solidarität auf alle Geflüchteten: In einem offenen Brief an Bundesrätin Karin Keller-Sutter fordern sie, dass auch nicht-ukrainische Flüchtende nach der Ankunft in der Schweiz bei Gastfamilien statt in Asylzentren wohnen können. Ausserdem soll bei der Kantonszuteilung der Ankommenden auch bei nicht-ukrainischen Geflüchteten auf bestehende Familien- und Freundschaftsbeziehungen in der Schweiz Rücksicht genommen werden.

«Eine Ungleichbehandlung zwischen Ukrainern und Ukrainerinnen und anderen Geflüchteten ist weder nachvollziehbar noch gerechtfertigt», so die Autoren der Petition. Vielmehr müssten die neuen Möglichkeiten, die das Wohlergehen von Geflüchteten ins Zentrum stellen, für alle gelten.

«Ausweitung der Solidarität ist eine Willensfrage»

«Eine Anpassung der Flüchtlingspolitik ist überfällig», sagt Grünen-Vizepräsidentin Sibel Arslan. Seit Jahren forderten die Grünen, dass Flüchtenden der Sprung ins gesellschaftliche Leben erleichtert werde, so Arslan: «Die aktuelle riesige Solidarität mit Geflüchteten aus der Ukraine zeigt, dass unsere Praxis keine Frage der Machbarkeit, sondern eine Willensfrage ist.»

Daher müsse die aktuelle erfreuliche Solidaritätswelle auch auf nicht-ukrainische Flüchtende ausgeweitet werden, sagt Arslan: «Für den Zusammenhalt ist es wichtig, dass auch sie von der grossen Anteilnahme der Schweizer und Schweizerinnen spüren, um bei uns schnell Fuss fassen zu können.» Die Unterbringung bei Schweizer Gastfamilien sowie die Berücksichtigung von Freundschafts- und Familienverhältnissen wäre gemäss dem Gleichbehandlungsgebot unabdingbar und erleichtere etwa die rasche Integration, so Arslan: «So haben sie in der Schweiz nicht nur behördliche, sondern auch private Ansprechpersonen. Das fördert eine Vertrauensbasis in die Schweiz, die derzeit vielen Geflüchteten wegen langer erschwerter bürokratischer Prozesse fehlt.»

SP unterstützt die Forderung, SVP hält dagegen

Auch Yvonne Feri, Nationalrätin bei der SP, unterstützt die Forderung der Grünen: «Alle flüchtenden Personen sollten gleich behandelt werden, unabhängig von ihrer Religion, Hautfarbe oder Herkunft», so Feri. Jeder, der aus einem Kriegsgebiet stamme, habe das Recht auf unkomplizierte Aufnahme und Schutz: «Es spielt keine Rolle, wo dieser Krieg stattfindet.»

Anders sieht es SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer: «Die Privatunterbringungen sind speziell für Ukrainer und Ukrainerinnen vorgesehen, weil diese den Schutzstatus S erhalten. Sie brauchen für die ersten drei Monate kein Visum und auch keinen Asylantrag.» Die Beherbergung in Privathaushalten soll laut Schläpfer den Ukraine-Flüchtenden vorbehalten bleiben: «Die Flüchtenden sind bereits vom Krieg traumatisiert. Wenn – etwa bei Flüchtlingen aus dem arabischen oder afrikanischen Raum – zusätzlich auch noch grosse Diskrepanzen bei der Mentalität und Glauben bestehen, kann das das Zusammenleben mit Privatpersonen für beide Seiten erschweren.» 

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

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