Illettrismus: «Leseschwache gelten als dumm oder faul»

Aktualisiert

Illettrismus«Leseschwache gelten als dumm oder faul»

Rund 800'000 Menschen in der Schweiz leiden an einer Lese- oder Schreibschwäche. Mit Intelligenz habe das aber nichts zu tun, sagt Christian Maag vom Dachverband Lesen und Schreiben.

von
V. Fehlmann
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Jacques Dubochet hat den Chemie-Nobelpreis gewonnen. Der Wissenschaftler erklärte an einer Pressekonferenz, dass er an einer Leseschwäche leidet und deshalb während der Schulzeit Probleme hatte.

Jacques Dubochet hat den Chemie-Nobelpreis gewonnen. Der Wissenschaftler erklärte an einer Pressekonferenz, dass er an einer Leseschwäche leidet und deshalb während der Schulzeit Probleme hatte.

Keystone/Laurent Gillieron
Dubochet beweist, dass das nichts mit Intelligenz zu tun hat.

Dubochet beweist, dass das nichts mit Intelligenz zu tun hat.

Keystone/Laurent Gillieron
In der Schweiz gibt es rund 800'000 Menschen, die an einer Lese- oder Schreibschwäche leiden. (Symbolbild)

In der Schweiz gibt es rund 800'000 Menschen, die an einer Lese- oder Schreibschwäche leiden. (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally

Herr Maag, was sagen Sie zum Erfolg von Jacques Dubochet?

Es zeigt, dass die Lese- und Schreibschwäche nichts mit Intelligenz zu tun hat. Sie kommt in allen Bildungsschichten vor.

Wie werden Leute mit Schreib- oder Leseschwächen in der Gesellschaft wahrgenommen?

Heute ist es typisch, dass Menschen mit einer solchen Schwäche als dumm oder faul angesehen werden. Ausserdem haben viele Menschen das Gefühl, dass die Schwäche zum Beispiel bei Gesprächen auffallen würde. Aber das Beispiel von Herrn Dubochet zeigt, dass es eben nicht so ist. Betroffene können nicht nicht lesen und schreiben, sondern höchstens ungenügend. Davon abgesehen, sind sie Leute wie Sie und ich oder eben der neuste Nobelpreisträger der Schweiz.

Weshalb dann das Vorurteil, Betroffene seien dumm oder faul?

Es könnte damit zusammenhängen, dass die Schweiz als reiches Land mit einem gut funktionierenden Schulsystem angesehen wird. Dass Menschen trotzdem in den Grundkompetenzen Probleme haben, damit haben die Leute Mühe. Insbesondere dann, wenn sie selbst damit keine Probleme hatten.

Was ist der wahre Grund, weshalb jemand an einer Schreib- oder Leseschwäche leidet?

Die Ursachen für Schreib- und Leseschwächen sind vielfältig. Es spielen sicher mehrere Faktoren mit. So haben etwa familiäre und soziale Hintergründe einen Einfluss, zum Beispiel, wie wohl sich ein Kind in der Schule fühlt und wie Lernen in der Schule und zu Hause erlebt wird. Die Gründe sind sehr individuell.

Wie macht sich die Schwäche im Alltag bemerkbar?

Gerade in der heutigen Gesellschaft und ganz besonders im Berufsleben ist die Situation für Betroffene nicht einfacher geworden. Es gibt kaum mehr Arbeitsplätze in denen nicht geschrieben werden muss. Früher waren Lesen und Schreiben Schlüsselkompetenzen. Heute muss man aber auch einen PC bedienen können. Ein Zugbillett lösen, Zeitung lesen, Abstimmungen – überall, wo es darum geht, zu lesen und das Gelesene zu verstehen, wirkt sich die Schwäche aus.

Wie gehen Betroffene damit um?

Viele haben sich dafür «Umgehungsstrategien» ausgearbeitet. Teilweise sind die Betroffenen sehr geschickt: Wenn sie etwa ein Formular ausfüllen müssen, sagen sie, sie hätten ihre Brille vergessen, und machen es zu Hause, wo sie Unterstützung haben. Jacques Dubochet konnte seine Schreibschwäche durch andere Stärken kompensieren und hat sich nicht – wie viele andere – stigmatisieren lassen.

Wie kann man Betroffenen helfen?

Seit diesem Jahr wollen Bund und Kantone die Grundkompetenzen bei Erwachsenen über das Weiterbildungsgesetz fördern. Es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem, das man mit politischen Massnahmen angehen muss. Der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben hat gemeinsam mit der Interkantonalen Konferenz für Weiterbildung unter dem Namen «Einfach besser!» eine Kampagne lanciert. Sowohl die Bevölkerung als auch Betroffene sollen so sensibilisiert werden. Wir wollen zeigen, dass eine Lese- oder Schreibschwäche ganz normal ist, das passiert vielen. Ziel ist es, dass Lese- und Schreibschwächen nicht als Stigma, sondern als etwas Normales wahrgenommen werden.

Schweizweite Kampagne «Einfach besser!»

Der Schweizer Dachverband Lesen und Schreiben hat gemeinsam mit der Interkantonalen Konferenz für Weiterbildung eine Kampagne lanciert, um Betroffenen zu helfen. Sie sollen sich nicht verstecken müssen. In Kursen lernen sie, mit ihrer Schwäche umzugehen und die Grundkompetenzen zu stärken. Ausserdem soll auch die Bevölkerung sensibilisiert werden. Interessierte können sich über die Hotline 0800 47 47 47 persönlich beraten lassen. Weitere Informationen zur Kampagne «Einfach besser!» finden Sie hier.

Besser lesen. Besser leben.

Jede sechste erwerbstätige Person in der Schweiz hat Mühe mit Lesen und Schreiben. Das sind rund 800'000 Erwachsene – eine unglaubliche Zahl. Für die betroffenen Menschen bedeutet das oft grosse Einschränkungen im sozialen und beruflichen Leben. Die Orell Füssli Thalia AG hat sich zum Ziel gesetzt, ihren Teil zur Verbesserung dieser Situation beizutragen. Mit der Kampagne «Besser lesen. Besser leben.» soll das Tabu Illettrismus gebrochen und die Öffentlichkeit auf die Problematik aufmerksam gemacht werden. Gemeinsam mit dem Dachverband Lesen und Schreiben werden betroffene Personen ermutigt, Kurse zu besuchen und so mehr Lebensqualität zu erhalten.

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