«Letzte Runde» rund um die Uhr
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«Letzte Runde» rund um die Uhr

Sie ist fast schon sprichwörtlich, die «letzte Runde» in den britischen Pubs, wenn um kurz vor 23.00 Uhr alle noch einmal für ein Bier an die Theke stürzen.

Doch die Stunde der Runde hat geschlagen.

Ab November dürfen die Kneipen auf der Insel rund um die Uhr einschenken - und schon jetzt tobt ein erbitterter Streit darum. Ärzte und Polizisten warnen, die Fälle von Leberzirrhose und Randale in den nächtlichen Strassen drohten sprunghaft zu steigen.

Nur Premierminister Tony Blair findet es endlich an der Zeit, «dass gesetzestreue britische Bürger nach dem Kino oder Theater noch ein Glas trinken können», wie die Menschen in anderen Ländern Europas auch.

«Wir fordern die Regierung in aller Dringlichkeit auf, nochmals darüber nachzudenken», sagt dagegen Professor Ian Gilmore, Chef der Abteilung für Alkoholforschung am Königlichen Institut für Medizin. Die Verlängerung der Öffnungszeiten widerspreche «sämtlichen Studien, die in anderen Ländern vorgenommen wurden».

Schon ohne die Daueröffnung der Kneipen hätten die Briten ein Problem mit dem Alkohol, weiss Gilmore. So habe die Zahl der Todesfälle aufgrund von Leberzirrhose bei Frauen und Männern zwischen 25 und 44 Jahren in den vergangenen 30 Jahren um jeweils über 900 Prozent zugenommen.

Hohe Kosten

Dabei geht es nicht allein um die Volksgesundheit, sondern auch um die Volkswirtschaft. Alkoholbedingte Krankeiten und Todesfälle kosten das staatliche Gesundheitssystem umgerechnet 3,7 Milliarden Franken pro Jahr, der Produktionsausfall durch diese Krankheiten beläuft sich auf etwa 14 Milliarden Franken.

Zusammen mit knapp 15 Milliarden Franken, die für Polizeiarbeit gegen Kriminalität und Gewalt im Zusammenhang mit Alkohol ausgegeben werden muss, ist übermässiger Alkoholgenuss im Königreich schon heute ein Problem.

Allerdings nicht für alle: Durch Verkauf und Ausschank von Alkohol werden in Grossbritannien jährlich schätzungsweise 65 Milliarden Franken verdient, und davon gehen fast 15 Milliarden Franken in die Staatskasse.

Die Regierung macht jedoch keine wirtschaftlichen Argumente für die Daueröffnung geltend. Sie hofft vielmehr, dass mit dem Gesetz vom Juli 2003 ein «entspannterer» Umgang mit dem berauschenden Stoff ermöglicht werde.

Möglichst viel einflössen

Die berüchtigte Glocke, die um 22.50 die letzte Runde ankündigt, treibt demnach die Menschen dazu, sich in letzter Minute so viel Alkohol wie möglich einzuflössen und dann in unbändigen Horden durch die Strassen zu torkeln.

«Hauptproblem für die Polizei sind nämlich die Gruppen, die alle gleichzeitig aus der Kneipe kommen», sagt der Regierungsbeauftragte Richard Caborn. «Wenn die Menschen zu verschiedenen Zeiten nach Hause gehen, wird vieles leichter.»

Je später, desto blauer

Polizeichef John Stevens ist da nicht so optimistisch: Statt um elf Uhr abends «gehen die Gruppen dann morgens zwischen drei und vier Uhr nach Hause, also brauchen wir Leute in den Strassen, um sicherzustellen, dass sie sich ordentlich benehmen».

Noch drastischer drückt es Keith Povey aus, zuständig für Polizeifragen im Innenministerium: «Die Leute werden vielleicht zu verschiedenen Zeitpunkten auf die Strasse kommen, allerdings werden sie auch sehr viel betrunkener sein.»

(sda)

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