Terror am Arbeitsplatz: Letzter Ausweg: Selbstmord

Aktualisiert

Terror am ArbeitsplatzLetzter Ausweg: Selbstmord

In Frankreich nahmen sich alleine in den letzten eineinhalb Jahren 24 Mitarbeiter der France Télécom das Leben. Wie steht es um die psychische Gesundheit an Schweizer Arbeitsplätzen und wie stark beeinflussen andere Faktoren die Entstehung psychischer Erkrankungen? 20 Minuten Online suchte nach Antworten.

von
Runa Reinecke

Frankreich: Ein schönes Land – doch ob der Nachrichten, die derzeit in Form von Negativschlagzeilen aus der «Grande Nation» in die Welt getragen werden ist man froh, anderswo dem Broterwerb nachgehen zu dürfen: Alleine zwischen September 2006 und Februar 2007 nahmen sich drei Beschäftigte des AKW-Betreibers EDF in Chinon das Leben. Nur wenig später flüchteten Angestellte der nationalen Autoindustrie in den Freitod – Umstrukturierungen, Angst um den Arbeitsplatz und Zwangsversetzungen veranlassten sie dazu, diesen «letzten Ausweg» zu wählen, um ihrer als subjektiv ausweglos empfundenen Situation zu entfliehen.

Tragisches Ende

Und nun das: Vor den Werken der France Télécom stehen die Mitarbeiter des Konzerns und demonstrieren. Dieses Mal geht es nicht um höhere Löhne oder eine zusätzliche Woche Ferien, nein, die Mitarbeiter des Telekommunikationsunternehmen fordern ein Grundrecht ein: Mit Trillerpfeifen und Transparenten wollen sie erzwingen, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Nicht als blosse Arbeitskraft, sondern als Mensch wahrgenommen und entsprechend von ihrem Arbeitgeber behandelt zu werden. Für 24 ihrer Arbeitskollegen kommt diese Aktion zu spät: Sie hielten die Auswirkungen der Rezession, die Umstrukturierungen und das andauernde Zittern um den Arbeitsplatz nicht mehr aus und begingen Suizid. Das letzte Opfer wird seit der vergangenen Woche betrauert: Ein 51-jähriger brachte sich um, nachdem er innerhalb von France Télécom von seinem angestammten Arbeitsplatz in ein Callcenter versetzt wurde. Er hinterlässt eine Frau und zwei Kinder. So wie viele seiner durch Selbstmord verstorbenen Arbeitskollegen, schrieb auch er einen Abschiedsbrief, der die schwierigen Arbeitsbedingungen bei seiner Firma verantwortlich für sein Handeln machte. «Die Mitarbeiter werden immer weiter entwürdigt, jeder muss alles machen, keiner wird mehr für seine eigentliche Qualifikation eingesetzt», erzählt eine streikende France-Télécom-Angestellte der deutschen Nachrichtensendung «Tagesthemen». Einer ihrer Arbeitskollegen findet noch deutlichere Worte: «Das ist ein Terrormanagement, ich selbst bin ein Opfer, genau wie andere Kollegen». Depressionen seien nach Angaben der Mitarbeiter von France Télécom längst keine Seltenheit mehr.

Ein Problem alleine macht noch keine Depression

Depressionen – die je nach Belastbarkeit des Einzelnen und den äusseren Einflüssen am Arbeitsplatz in einem Suizid gipfeln können? Oder aber: Je härter die wirtschaftliche Krise, je massiver die Zwänge der Globalisierung, desto depressiver der Arbeitnehmer? Das Problem ist weitaus komplexer, wie Professor Wolfgang Gaebel vom Aktionsbündnis für seelische Gesundheit in Düsseldorf weiss: «Psychische Störungen dürfen nie linear auf eine einzige Ursache bezogen werden», erzählt er in einem ARD-Interview und ergänzt: «Sie sind – wie wir sagen – multikausal oder multifaktoriell». Probleme, die laut dem Experten längst nicht nur am Arbeitsplatz gesucht werden dürfen. Besonders schwierig wird es «wenn jemand schon Zuhause Probleme hat und es kommen welche am Arbeitsplatz hinzu». Häufen sich Niederlagen und bleiben die Erfolgserlebnisse privat und im Berufsleben aus, kann es dann als Folge zu psychischen Erkrankungen kommen.

41 Prozent leiden unter psychischer oder nervlicher Belastung am Arbeitsplatz

Besonders während der Rezession wird in vielen Betrieben die «Schraube angezogen» - auch in der Schweiz wächst an vielen Arbeitsplätzen der Druck, das Arbeitsklima wird rauer, die Angst um die Stelle zum Dauerbegleiter vieler Mitarbeiter. Der Artikel 2 der Verordnung 3 zum Arbeitsgesetzt gerät da schnell in Vergessenheit. Dieser besagt, dass :«…der Arbeitgeber alle Massnahmen treffen muss die nötig sind, um den Gesundheitsschutz zu wahren, zu verbessern und die physische und psychische Gesundheit der Arbeitnehmer zu gewährleisten.» Soviel zur Theorie, denn laut einer erst kürzlich veröffentlichten schweizerischen Gesundheitsbefragung aus dem Jahr 2007, die im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO durchgeführt wurde, klagten 41 Prozent der Umfrage-Teilnehmer über eine grosse oder teilweise grosse psychische und nervliche Belastung am Arbeitsplatz. Nur rund halb so viele gaben hingegen an, unter grosser oder teilweise grosser körperlicher Belastung zu leiden (23 Prozent). Zwei Drittel der Befragten litten unter Stress oder Zeitdruck am Arbeitsplatz, Angst verspürten gar zehn Prozent und 7,7 Prozent gaben an, im vergangenen Jahr mit einer Mobbingsituation konfrontiert worden zu sein.

«Ich kann nicht mehr»

Vor allem Männer während der Midlife-Crises sind von arbeitsituationsbedingtem Suizid betroffen. «Männer in dieser Lebensphase messen dem Job besondere Bedeutung zu. Arbeitsklima, Stress und Arbeitsdruck spielen eine grosse Rolle», weiss Barbara Meister, Präsidentin des Forums für Suizidprävention und Suizidforschung im Kanton Zürich. Sie rät Vorgesetzten und Arbeitskollegen, auf Anzeichen für eine schwere Depression zu achten, Zeichen, die der Expertin nach sehr unterschiedlich sein können: «Auch beiläufige Bemerkungen des Mitarbeiters wie 'ich halte das nicht mehr aus' oder 'ich kann nicht mehr', müssen unbedingt ernst genommen werden», erzählt Meister auf Anfrage von 20 Minuten Online. Auch ein Leistungsabfall oder massiver Konsum von Alkohol können Anzeichen für eine Lebenskrise sein. Wichtig sei - so die Spezialistin – unbedingt das Gespräch mit dem Betroffenen zu suchen.

Ein konstruktiver Austausch hilft derzeit auch bei France Télécom: Die Geschäftsleitung zeigte sich nach den heftigen Protesten ihrer Mitarbeiter einsichtig und verspricht, keine Angestellten mehr gegen ihren Willen in eine andere Abteilung zu versetzen.

Hier bekommen Sie Hilfe:

Sie leiden unter Ihrer Arbeitssituation, wissen nicht, wie es weitergehen soll? Hier bekommen Sie .

Deine Meinung