Aktualisiert 05.05.2020 18:28

Corona-Krise

«Eine solche Armutswelle haben wir noch nie erlebt»


Plötzlich reicht das Geld nicht mehr fürs Essen: In der Schweiz stürzt Corona selbst Menschen in finanzielle Nöte, die zuvor ihre Rechnungen bezahlen konnten. Alessandro Menna vom Verein Siidefade erzählt.

von
Bettina Zanni
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«Wir erhalten seit Beginn der Krise deutlich mehr Anfragen von in der Schweiz wohnhaften Personen, die wegen der Corona-Krise erstmals in die Armut rutschen», sagt Alessandro Menna, Gründer des Vereins Siidefade.

«Wir erhalten seit Beginn der Krise deutlich mehr Anfragen von in der Schweiz wohnhaften Personen, die wegen der Corona-Krise erstmals in die Armut rutschen», sagt Alessandro Menna, Gründer des Vereins Siidefade.

Siidefade
«Betroffen sind meist Personen, die vor der Corona-Krise knapp über dem Existenzminimum lebten. Die Kurzarbeit mit deutlich weniger Lohn oder ein Stellenverlust gab ihnen den Rest.»

«Betroffen sind meist Personen, die vor der Corona-Krise knapp über dem Existenzminimum lebten. Die Kurzarbeit mit deutlich weniger Lohn oder ein Stellenverlust gab ihnen den Rest.»

Siidefade
«Plötzlich mit drohender Armut konfrontiert sind auch Personen, die selbstständig waren und in der Corona-Krise ihre Aufträge verloren haben. Also auch Leute, die vorher gut über die Runden kamen, brauchen Essenspakete.»

«Plötzlich mit drohender Armut konfrontiert sind auch Personen, die selbstständig waren und in der Corona-Krise ihre Aufträge verloren haben. Also auch Leute, die vorher gut über die Runden kamen, brauchen Essenspakete.»

Darum gehts

  • Die Corona-Krise treibt viele Menschen in der Schweiz in die Armut.
  • Der Verein Siidefade verteilt deshalb Einkaufsgutscheine.
  • Betroffen sind nicht nur Menschen, die vor der Krise knapp am Existenzminimum lebten.
  • Auch etwa Junge, die über kein Polster verfügen, sind betroffen.
  • Viele der Betroffenen schämen sich für ihre Armut.

Herr Menna*, kürzlich standen über 2500 Bedürftige in Genf für Grundnahrungsmittel an. Darunter waren vor allem Sans-Papiers. Wen treibt die Coronakrise sonst noch in die Armut?

Wir erhalten seit Beginn der Krise deutlich mehr Anfragen von in der Schweiz wohnhaften Personen, die wegen der Corona-Krise erstmals in die Armut rutschen. Eine solche Armutswelle hat unser Verein in der Schweiz noch nie erlebt. Betroffene die sich an uns wenden, unterstützen wir unter anderem beim Antrag für die «Winterhilfe», die Gutscheine für die Überbrückung ausstellt. Wenn es wirklich akut ist, springen wir mit der Soforthilfe in die Bresche und versorgen die betroffenen Personen mit Lebensmitteln mittels unseres Helfernetzwerks. Diese Helfer kaufen für die betroffenen Haushalte Lebensmittel ein und bringen sie «kontaktlos» vorbei. Je länger die Situation andauert, desto schwieriger wird es. Personen, die ihren Job verloren, fangen am 11. Mai nicht einfach wieder mit der Arbeit an.

Was ist mit den Menschen passiert, die jetzt vor dem finanziellen Abgrund stehen?

Betroffen sind meist Personen, die vor der Corona-Krise knapp über dem Existenzminimum lebten. Die Kurzarbeit mit deutlich weniger Lohn oder ein Stellenverlust gab ihnen den Rest. Plötzlich mit drohender Armut konfrontiert sind auch Personen, die selbstständig waren und in der Corona-Krise ihre Aufträge verloren haben. Also auch Leute, die vorher gut über die Runden kamen, brauchen Essenspakete. Es gibt auch viele Junge, die in einen Notsituation geraten, weil sie noch kein finanzielles Polster angelegt haben.

Aus welchen Branchen sind Angestellte besonders betroffen?

Am meisten betroffen sind Angestellte aus der Gastro-, Event-, Reise- und Tourismusbranche. Wenn die Menschen bei uns anklopfen, sind sie schon an dem Punkt angelangt, an dem sie wissen, dass sie in den kommenden Tagen nicht mehr über die Runden kommen.

Wie muss man sich das vorstellen?

Eine alleinerziehende Mutter aus Bellinzona, die sich erstmals bei uns gemeldet hat, sagte: «Ich habe nichts mehr auf dem Tisch und nichts mehr im Kühlschrank.» Sie wusste nicht mehr, wie sie sich und ihre beiden 14- und 17-jährigen Kinder am nächsten Tag ernähren sollte. Die Mutter hatte zuvor 100 Prozent bei einem Bahnunternehmen gearbeitet und fiel in die Kurzarbeit.

Hatte sie kein Erspartes?

Ihre Rücklagen hatte sie schnell aufgebraucht. Ein grosser Teil ihres Einkommens brach weg, die Ausgaben aber blieben gleich. Zuvor konnte die Mutter wöchentlich Einkaufe beim Verein «Tischlein deck dich» machen. Dass Abgabestellen aufgrund der Corona-Krise schliessen mussten, verschärfte die Situation der Familie.

Warum kommen diese Menschen in eine solch akute Situation, wenn sie Sozialhilfe beantragen könnten?

Sozialhilfe haben sie meist natürlich schon beantragt. Bis die Anträge bearbeitet werden und die Antragsteller die Sozialhilfegelder beziehen können, dauert es aber immer eine gewisse Zeit.

Wie reagieren die Menschen, wenn sie Milch und Brot plötzlich nicht mehr selber bezahlen können?

Viele der Betroffenen sind vor der Corona-Krise mit dem Thema Armut noch nicht in Berührung gekommen. Sie schämen sich sehr für ihre Situation. Das Thema Armut wird in der Gesellschaft oft totgeschwiegen. Sie haben Angst, sich ihrer Familie oder ihrem Freundeskreis zu offenbaren. Schliesslich denken viele Leute auch, Armut gebe es in der Schweiz nicht. Es ist ein Prozess, sich selbst eingestehen zu können, dass man von Armut betroffen ist.

Unternimmt der Bund genug für Bürger, die von der Corona-Krise hart getroffen werden?

Der Bund hat sehr schnell und unbürokratisch Unterstützung in die Wege geleitet, damit Firmen und Arbeitsstellen erhalten bleiben. Dies ist ein guter erster Schritt gewesen und hat mit dazu beigetragen, dass die Solidarität gross geworden ist. Wir von unserer Seite wünschen uns, dass der Bund zukünftig auch gemeinnützige Vereine unterstützt, die sich schon vor der Krise für Armutsbetroffene engagiert haben und es auch nach der Krise weiterhin tun werden. Der Gang auf das Sozialamt wird dadurch nicht mehr nötig und entlastet den Sozialapparat.

*Alessandro Menna ist Gründer des Vereins Siidefade. Dieser richtet sich an die 666’000 Armutsbetroffenen, die in der Schweiz wohnhaft sind und am oder unter dem Existenzminimum leben.

*Alessandro Menna ist Gründer des Vereins Siidefade. Dieser richtet sich an die 666000 Armutsbetroffenen, die in der Schweiz wohnhaft sind und am oder unter dem Existenzminimum leben.

Siidefade

Entschädigungen

Anrecht auf Entschädigungen für den Erwerbsausfall wegen des Coronavirus haben Eltern mit Kindern, die ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen müssen, weil die Fremdbetreuung der Kinder nicht mehr gewährleistet ist. Müssen Personen wegen einer Quarantänemassnahme ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen, können sie ebenfalls Entschädigungen beanspruchen. Vorgesehen sind die finanziellen Leistungen weiter für Selbstständigerwerbende und Künstler, die einen Erwerbsausfall erleiden.
Sans-Papiers arbeiten illegal und haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und Sozialhilfe. Wenn sie in Not geraten, können sie aber Nothilfe beantragen.

Wie kann ich helfen?

Siidefade – Gemeinsam statt einsam
Der Verein richtet sich mit den Spenden an die 666’000 Armutsbetroffenen, die in der Schweiz wohnhaft sind und am oder unter dem Existenzminimum leben. Auch auf Facebook ist der Siidefade sehr aktiv.
Caritas Schweiz
Das Hilfswerk setzt die Spenden für Menschen ein, die schon vor dem Coronavirus am Existenzminimum lebten und wegen der Krise unverschuldet in eine Notlage geraten sind.
Tischlein deck dich – Lebensmittelrettung – Lebensmittelhilfe
Die Organisation rettet mit den Spenden Lebensmittel vor der Vernichtung und verteilt sie armutsbetroffenen Menschen in der ganzen Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein.
Die Schweizer Tafel
Die Schweizer Tafel verteilt täglich rund 16 Tonnen überschüssige, einwandfreie Lebensmittel in sechs Regionen der Schweiz an soziale Institutionen und Abgabestellen zu Gunsten armutsbetroffener Menschen.

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