Aktualisiert 26.06.2017 16:29

Callcenter-Mitarbeiter

«Leute rasteten aus, als sie meinen Namen hörten»

Obwohl Emre T. perfekt Deutsch spricht, gab er sich im Callcenter als Schweizer aus. Vor allem Inner- und Ostschweizer hätten ein Problem mit fremden Namen.

von
alp
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Im Callcenter der Swiss Life wurde den Mitarbeitern mit fremden Namen empfohlen, einen Schweizer Namen zu verwenden. Die Sonntagszeitung nahm das zum Anlass, über Diskriminierungen aufgrund von ausländischen Namen zu berichten. So sei es ein Nachteil in verschiedenen Bereichen, etwa bei Bewerbungen oder bei der Arbeit. (Symbolbild)

Im Callcenter der Swiss Life wurde den Mitarbeitern mit fremden Namen empfohlen, einen Schweizer Namen zu verwenden. Die Sonntagszeitung nahm das zum Anlass, über Diskriminierungen aufgrund von ausländischen Namen zu berichten. So sei es ein Nachteil in verschiedenen Bereichen, etwa bei Bewerbungen oder bei der Arbeit. (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally
Im Editorial kommentierte Andrea Bleicher, Redaktionsleiterin der «SonntagsZeitung»: «Die Schweiz hat ein ernsthaftes Diskriminierungproblem.» Wenn man versuche, das Ganze positiv zu sehen, könnte man sagen, dass Swiss Life versuche, seine Angestellten vor der misstrauischen Bevölkerung zu schützen, schreibt sie.

Im Editorial kommentierte Andrea Bleicher, Redaktionsleiterin der «SonntagsZeitung»: «Die Schweiz hat ein ernsthaftes Diskriminierungproblem.» Wenn man versuche, das Ganze positiv zu sehen, könnte man sagen, dass Swiss Life versuche, seine Angestellten vor der misstrauischen Bevölkerung zu schützen, schreibt sie.

Keystone/Jean-christophe Bott
Dass Swiss Life seinen Angestellten mit der Regelung irgendwie helfe, hält der Geschäftsführer der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, Dominic Pugatsch, nicht für einleuchtend. «Der Name einer Person ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Wenn man sagt, man solle ihn nicht verwenden, dann wirkt das selbstverleugnend und verletzend.»

Dass Swiss Life seinen Angestellten mit der Regelung irgendwie helfe, hält der Geschäftsführer der GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, Dominic Pugatsch, nicht für einleuchtend. «Der Name einer Person ist ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Wenn man sagt, man solle ihn nicht verwenden, dann wirkt das selbstverleugnend und verletzend.»

Emre T.* ist 28 Jahre alt und arbeitet seit seinem Studienabschluss vor einem Jahr in der Kommunikationsbranche. Seit 19 Jahren besitzt er den Schweizer Pass, ist in der Schweiz auf die Welt gekommen und aufgewachsen. Vor seinem Studium hielt sich der Zürcher mit türkischen Wurzeln mit Studentenjobs über Wasser. Unter anderem arbeitete er auch in einem Callcenter. Dort musste er – trotz perfektem Schweizerdeutsch – seine Herkunft am Telefon verleugnen.

Emre, du hast dich beim Telefonieren im Callcenter jeweils mit falschem Namen vorgestellt.

Das stimmt. Statt meines türkischen Nachnamens habe ich jeweils als Herr Sonderegger telefoniert. Aber nur in ländlichen Gebieten wie in der Ost- und der Innerschweiz. In Grossstädten wie Zürich, Bern oder Basel konnte ich mehr oder weniger problemfrei mit meinem richtigen Nachnamen telefonieren.

Wieso hast du das gemacht?

Es wurde uns von der Unternehmensleitung nahegelegt. Sie liessen uns zwar stets die Wahl, forderten jedoch eine bestimmte Quote an Abschlüssen pro Tag. Wenn du die nicht erreicht hast – und das war mit einem ausländischen Namen fast unmöglich –, wurdest du nach wenigen Tagen wieder entlassen.

Was musstest du verkaufen?

Ich musste den Leuten Krankenkassen andrehen. Wir tätigten rund 300 Telefonate pro Tag. Fünf bis sechs Abschlüsse wurden in dieser Zeit verlangt. Mit ausländischen Namen war dies kaum zu schaffen.

Wie haben die angerufenen Leute reagiert?

In Grossstädten gab es nur wenige Menschen, die negativ auf meinen Namen reagiert haben. In Kantonen wie Appenzell rasteten manche Leute regelrecht aus, als sie hörten, dass sie von einem gewissen Herrn T. angerufen wurden. Ich musste mir regelmässig die übelsten Beleidigungen anhören und das erst, nachdem ich meinen Namen genannt hatte.

Könnte dies nicht auch damit zu tun haben, dass Leute allgemein nicht gern von Callcentern angerufen werden?

Klar, es gab auch Fälle, in denen mir als Herr Sonderegger Beschimpfungen an den Kopf geschmissen wurden. Generell waren die Angerufenen stets kurz angebunden und versuchten, das Gespräch schnell zu beenden. Beleidigungen waren die Ausnahme. Mit meinem richtigen Namen jedoch geschah das mehrmals pro Tag.

Wie hast du dich dabei gefühlt?

Ganz ehrlich? Das ist jetzt fast zehn Jahre her und ich habe mir damals keine grossen Gedanken darüber gemacht. Ich wollte vor allem die verlangte Quote übertreffen und so durch das Bonus-System zusätzliches Geld verdienen. Mittlerweile stimmt mich das Phänomen traurig. Schliesslich unterscheide ich mich in meinem Verhalten und meiner Sprechweise überhaupt nicht von einem Schweizer. Trotzdem wurde ich als Herr T. despektierlich behandelt und nicht mal angehört. Das ist Rassismus in seiner reinsten Form. Die Angerufenen wähnen sich auf der sicheren Seite, weil es nicht in der Öffentlichkeit geschieht, aber für uns Ausländer ist das sehr verletzend.

*Name von der Redaktion geändert

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