Aktualisiert 27.03.2020 09:40

Shitstorm um Corona-Experten«Leute riefen mich an und beschimpften mich»

Neuropathologe Adriano Aguzzi forderte den kompletten Lockdown – und erntete Unverständnis. Er wolle wachrütteln, sagt er und wehrt sich gegen Alarmismus-Vorwürfe.

von
Joel Probst

Neuropathologe Adriano Aguzzi vom Universitätsspital Zürich erklärt, warum alle zu Hause bleiben müssen.

Herr Aguzzi, letzte Woche forderten Sie einen schweizweiten Lockdown und bezichtigten den Bundesrat, notwendige Massnahmen nicht zu treffen. Daraufhin entlud sich ein Sitstorm in der Kommentarspalte. «Ich bin auf dem besten Weg, der meistgehasste Wissenschaftler der Schweiz zu werden», schrieben Sie daraufhin auf Twitter. Worauf führen Sie die Empörung zurück?

Ich glaube, wir stehen alle unter Stress. Es ist ein sehr emotionales Thema, die Leute machen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft. Aber in der jetzigen Situation kann man als Experte sowieso nur alles falsch machen. Was immer man sagt, man wird angefeindet.

Was haben die Reaktionen bei Ihnen ausgelöst?

Kritik gehört zur Dynamik der sozialen Medien. Aber es ist schlimm, wenn man sich in der Mitte des Sturms befindet. Leute haben mitten in der Nacht bei mir angerufen und mich beschimpft, ich musste sogar einen Anwalt engagieren. Ich habe aber auch viele nette Briefe und Solidaritätsbekundungen erhalten. Johann Schneider-Ammann hat mir zwei SMS geschickt und mir gratuliert.

Sie schlagen alarmistische Töne an und behaupten, dass nur mit einer kompletten Stilllegung des öffentlichen Lebens die Krise innert nützlicher Frist und mit wenigen Toten bewältigt werden könne. «Die Weltwoche» nennt Sie in der heutigen Ausgabe «Professor Panik». Säen Sie unbegründet Panik?

Ich bin der Meinung, dass man die Leute wachrütteln muss. Ob ich alarmistisch bin, weiss ich nicht, ich blicke nicht in die Kristallkugel. Ich sehe die Situation in Italien: Die Bestatter kommen nicht mehr nach mit ihrer Arbeit. Das bricht mir das Herz. Und ich sehe, wie ähnlich die epidemische Kurve der Schweiz aussieht. Ich hoffe inständig, dass das alles ein Albtraum ist. Wenn hundert- oder tausendmal weniger Leute sterben, bin ich noch so froh. Dann darf man mich auch als Panikmacher beschimpfen, damit kann ich leben.

Auch die Zürcher Gesundheitsdirektion wird in der «Weltwoche» deutlich: «Wir warnen davor, die Bevölkerung in Panik zu versetzen.» Beeindruckt Sie dieser Angriff aus der Verwaltung?

Dazu möchte ich mich nicht äussern.

Der Bundesrat hat mittlerweile ein Versammlungsverbot ab fünf Personen beschlossen. Reicht das?

Der Bundesrat hat schnell reagiert und ein ganz klares Signal gesetzt. Was wir jetzt haben, ist bereits ein Mini-Lockdown. Meine Befürchtung ist aber, dass Homeoffice und die Verhaltensregeln nicht konsequent eingehalten werden. Mir machen die Grossraumbüros Angst. Ich weiss nicht, in wie vielen noch Leute arbeiten. Ein rigoroser Lockdown würde nicht nur zusätzliche Menschenleben retten, sondern auch die Wirtschaft zu einem gewissen Grad besser schützen. Dann würden wir die Krankheit sehr schnell in den Griff kriegen. Das Tessin hat bereits vorgelegt.

Was könnte der Bundesrat sonst noch tun?

Alle Hotels stehen momentan leer. Man könnte sie verwenden, um Patienten zu isolieren, die nur eine milde Erkrankung zeigen. So würden die Spitäler entlastet und Ansteckungen verhindert. In Israel wird das bereits so gehandhabt. Die Schweiz könnte auch die Möglichkeit anbieten, sich freiwillig in einem Hotelzimmer zu isolieren.

Was ist im Moment das Wichtigste?

Ich glaube, das oberste Gebot muss sein, die Bevölkerung offen und ehrlich zu informieren.

Derzeit spekulieren Experten darüber, wann das Gröbste vorbei ist. Mit der heutigen Strategie des Bundesrats: Wann rechnen Sie mit dem Ende der Krise?

Ich will hoffen, dass im Sommer Schluss ist. Viele respiratorische Viren klingen ab, wenn es warm wird. Das könnte auch beim neuen Coronavirus passieren. Und ich glaube, dass im Sommer bereits Medikamente auf dem Markt sind. Sämtliche universitäre Forschung ist im Moment auf das Coronavirus gerichtet. Schnelle Ergebnisse werden kommen.

Droht dann eine zweite Ansteckungswelle?

Die Gefahr besteht. Aber bis dahin sind wir besser vorbereitet. Wir werden Medikamente zur Verfügung haben und die Spitäler werden deshalb nicht so überlastet sein. Es wird nicht so bald wieder wie früher. Die Corona-Krise ist ein riesiger Schock für die Welt und wird einiges verändern.

Wo liegen die Risiken der Bundesrats-Strategie?

Ich masse mir nicht an, das zu beurteilen.

Adriano Aguzzi ist Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich.

Blut-Tests

Der Tages-Anzeiger berichtete kürzlich, dass Adriano Aguzzi am Unispital Zürich die Einführung eines neuen Corona-Bluttests plant. Diese Tests werden aber ausschliesslich bei zur Forschung freigegebenen Blutproben durchgeführt, die sich nicht mehr einem Patienten zuordnen lassen. Man kann sich also nicht via Bluttest auf Corona testen lassen. Trotzdem werde das Unispital momentan mit Anfragen diesbezüglich überhäuft. Aguzzi bittet, die Telefonleitungen freizuhalten.

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