Die letzte Kurve war entscheidend: Lewis Hamilton ist neuer Weltmeister
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Die letzte Kurve war entscheidendLewis Hamilton ist neuer Weltmeister

Im zweiten Anlauf hat es geklappt. Lewis Hamilton genügte zum Saisonschluss in Brasilien in einem am Ende an Dramatik nicht zu überbietenden Rennen Platz 5, um erstmals Formel-1-Weltmeister zu werden. Felipe Massa nützte der Heimsieg nichts mehr.

Der letzte Teil des finalen Aktes der Formel-1-Saison 2008 war nichts für schwache Nerven. Die Schlussphase dieses Grand Prix von Brasilien wird ohne Zweifel als einer der dramatischsten Abschnitte in die Geschichte eingehen. Als fünf Runden vor Schluss in São Paulo noch einmal der Regen einsetzte, wurde die Szenerie im Autodromo José Carlos Pace zum Wechselbad der Gefühle.

Hamilton im «Glock»

Regisseur des «Dramas» war einer, dem aufgrund des Startplatzes und seiner Vorstellung bis zu jenem Zeitpunkt im Titelkampf eigentlich keine Rolle zugeschrieben war: Timo Glock. Als einziger Fahrer hatte der Deutsche im Toyota auf einen neuerlichen Wechsel von Trocken- auf Regenreifen verzichtet, war vom 7. in den 4. Zwischenrang vorgestossen - und hatte Hamilton wieder auf den 5. Platz abrutschen lassen. Für den Engländer sollte es noch schlimmer kommen. Im zweitletzten Umgang musste er Sebastian Vettel passieren lassen, womit der Weltmeister Felipe Massa geheissen hätte.

Letzte Wende 800 Meter vor dem Ziel

Doch rund 800 Meter trat abermals Glock auf den Plan und liess Massas Traum platzen, als erster Brasilianer seit dem legendären Ayrton Senna vor 17 Jahren die wichtigste Trophäe im Autorennsport zu gewinnen. Hamilton machte auf Kosten von Glock, der auf der stellenweise nassen Piste mit den Trockenreifen das Tempo drosseln musste, wieder eine Position gut und fuhr als Fünfter über die Ziellinie - just auf jenem Platz, der ihm zum Titel reichte. «Ich bin noch zu aufgewühlt, um zu realisieren, was ich geschafft habe», sagte der neue Titelhalter unmittelbar nach der Siegerehrung. «Das war das intensivste Rennen meines Lebens. In den letzten Runden war ich kurz davor, verrückt zu werden.»

Die sieben Punkte Vorsprung, mit denen er das Finale in Angriff genommen hatte, hatten Hamilton zu einer konservativen Fahrweise veranlasst. Im Wissen, dass ihm der 5. Rang zum Titel reichen würde, vermied der Engländer jegliches Risiko. Die Geschichte aus dem letzten Jahr, als er das grosse Ziel nach eigenem Fahrfehler und zwischenzeitlichen technischen Problemen im allerletzten Moment verpasste, sollte sich nicht wiederholen.

Startverzögerung um zehn Minuten

Ein kurzer Regenschauer just zur vorgesehenen Startzeit hatte nicht nur zu einer Verzögerung des Beginns des Showdowns um zehn Minuten geführt, weil an den Autos kurzfristig anstelle der Trockenreifen Regenpneus aufgezogen werden mussten. Die schnell wieder abtrocknende Strecke warf auch die Strategien der Teams über den Haufen; die Fahrer waren gezwungen, ihre ersten Stopps zum neuerlichen Reifenwechsel vorzuziehen.

In dieser Phase nach zehn, elf Runden hatte sich die Situation mit Blick auf die WM-Wertung ein erstes Mal temporär zu Gunsten von Massa gewendet, weil Hamilton an die 7. Stelle abgerutscht war. Doch der im Vergleich zum Vorjahr gereifte neue Titelhalter liess sich auch dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Nach Überholmanövern gegen Jarno Trulli im Toyota und Giancarlo Fisichella im Force India nahm er wieder den 5. Rang ein.

Hamilton machte sich zum jüngsten Weltmeister der Geschichte. Am Tag der Entscheidung war der Engländer 23 Jahre und 301 Tage alt. Der bisherige «Benjamin» unter den Formel-1-Champions war Fernando Alonso, der 2005 bei seinem ersten Titelgewinn 24 Jahre und 25 Tage auf dem Buckel hatte.

Massa, ein trauriger Sieger

Auf dem Weg zu seinem sechsten Sieg in diesem Jahr (und dem elften insgesamt) blieb Massa ungefährdet. Der Brasilianer nützte die Pole-Position weidlich aus und musste die Führung lediglich im Zuge der Boxenstopps für Momente abgeben. Gleichwohl wurde Massa zu einem der traurigsten Sieger der Formel-1-Historie. Das Gefühl, Weltmeister zu sein, durfte er nur kurze Zeit auskosten. Der Funkspruch aus der Box, Hamilton habe es im letztmöglichen Moment doch noch geschafft, traf den ehemaligen Zögling von Peter Sauber wie ein Hammerschlag.

«Auf diese Weise den Titel doch noch zu verlieren, ist brutal», sagte Massa mit Tränen in den Augen. Der Fakt, nach 2006 zum zweiten Mal in der Heimat triumphiert und Ferrari zusammen mit Kimi Räikkönen zum 16. Mal zum Team-Champion gemacht zu haben, wird dem Paulista ein schwacher Trost sein. Uneingeschränkt freuen durfte sich dagegen Fernando Alonso. Mit Rang 2 legte der Asturier nochmals Zeugnis der Fortschritte von Renault im Verlauf der Saison ab.

Nuller für BMW-Sauber

Für BMW-Sauber endete der letzte Auftritt der Saison mit einer enttäuschenden Bilanz. Nick Heidfeld und Robert Kubica kamen nicht über die Plätze 10 und 11 hinaus, womit das Team nach 34 Grands Prix in den Punkterängen erstmals wieder leer ausging.

Kubica wollte trotz vorerst nasser Fahrbahn das Rennen mit Trockenreifen aufnehmen, kam nach der Aufwärmrunde aber auf seinen Entscheid zurück. Der Pole fasste vor der Garage doch noch Regenpneus aus, musste dafür aber aus der Boxengasse starten. Der ins Auge gefasste Poker machte Kubica zum grossen Verlierer. Aus den hintersten Regionen musste er mitansehen, wie Räikkönen Dritter wurde und ihm so noch Rang 3 in der Gesamtwertung wegschnappte. Kubica hat wohl gleich viele Punkte wie der abgetretene Weltmeister gesammelt, in Bezug auf die GP-Siege in dieser Saison mit 1:2 aber das Nachsehen.

Coulthards kurze Finalissima

Nur von ganz kurzer Dauer war die Abschiedsvorstellung von David Coulthard. Das Red-Bull-Auto mit dem Schotten, der nach 15 Saisons in der Formel 1 «good bye» sagte, wurde nach wenigen Metern von Nico Rosberg im Williams von hinten touchiert. Coulthard wurde so zur Aufgabe gezwungen. Praktisch im gleichen Moment kam das Aus für Nelson Piquet im Renault. Für die zur Bergung der beiden Autos benötigte Zeit wurde das Rennen durch den Safety-Car neutralisiert.

São Paulo. Grand Prix von Brasilien (71 Runden à 4,309 km/305,909 km):

1. Felipe Massa (Br), Ferrari, 1:34:11,435 (189,222 km/h).

2. Fernando Alonso (Sp), Renault, 13,298 Sekunden zurück.

3. Kimi Räikkönen (Fi), Ferrari, 16,235.

4. Sebastian Vettel (De), Toro Rosso-Ferrari, 38,011.

5. Lewis Hamilton (Gb), McLaren- Mercedes, 38,907.

6. Timo Glock (De), Toyota, 44,368.

7. Heikki Kovalainen (Fi), McLaren-Mercedes, 55,074.

8. Jarno Trulli (It), Toyota, 68,463.

9. Mark Webber (Au), Red Bull-Renault, 79,666.

10. eine Runde zurück: Nick Heidfeld (De), BMW-Sauber.

11. Robert Kubica (Pol), BMW-Sauber.

12. Nico Rosberg (De), Williams-Toyota.

13. Jenson Button (Gb), Honda.

14. Sébastien Bourdais (Fr), Toro Rosso-Ferrari.

15. Rubens Barrichello (Br), Honda.

16. zwei Runden zurück: Adrian Sutil (De), Force India-Ferrari.

17. Kazuki Nakajima (Jap), Williams-Toyota.

18. Giancarlo Fisichella (It), Force India- Ferrari.

20 Fahrer gestartet, 18 klassiert und am Ziel

Schnellste Runde: Massa (36.) mit 1:13,736 (210,377 km/h).

Ausfälle. Piquet (Startplatz 11/1. Runde): Unfall. Coulthard (Startplatz 14/1. Runde): Kollision mit Rosberg.

WM-Schlussklassemente (18/18).

Fahrer:

1. Hamilton 98 - neuer Weltmeister

2. Massa 97.

3. Räikkönen 75.

4. Kubica 75.

5. Alonso 61.

6. Heidfeld 60.

7. Kovalainen 53.

8. Vettel 35.

9. Trulli 31.

10. Glock 25.

11. Webber 21.

12. Piquet 19.

13. Rosberg 17.

14. Barrichello 11.

15. Nakajima 9.

16. Coulthard 8.

17. Bourdais 4.

18. Button 3.

19. Fisichella 0.

20. Sutil 0

Teams:

1. Ferrari 172 - Konstrukteure-Weltmeister.

2. McLaren-Mercedes 151.

3. BMW-Sauber 135.

4. Renault 80.

5. Toyota 56.

6. Toro Rosso-Ferrari 39.

7. Red Bull-Renault 29.

8. Williams-Toyota 26.

9. Honda 14.

10. Force India-Ferrari 0. (si)

Lewis Hamilton

7. Januar 1985 in Stevenage (Grafschaft Hertfordshire/Gb)

Wohnort: Luins im Kanton Waadt. - 1,74 m/68 kg. - Ledig.

Karriere-Höhepunkte:

Kart (1995 bis 2000). 2000: Weltcup-Sieger.- Automobil.

2001: Fünfter Britische Formel-Renault-Winterserie.

2002: Dritter Britische Formel Renault, Fünfter Formel-Renault- Eurocup.

2003: Meister Britische Formel Renault.

2004: Fünfter Formel-3-Euroserie.

2005: Meister Formel-3-Euroserie.

2006: Meister GP2-Serie.

2007: Formel-1-Debüt und erste WM-Punkte am 18. März in Australien (3.). Erste Pole-Position und erster Sieg im 6. Grand Prix in Kanada. WM-Zweiter.

2008: Jüngster Formel-1-Weltmeister.

Formel 1.

2007 (McLaren-Mercedes): 17 GP, 4 Siege (Ka, USA, Un, Jap), 2 SR (Mal, Jap), 6 PP (Ka, USA, Gb, Un, Jap, China), 109 Punkte, WM-Zweiter

2008 (McLaren-Mercedes): 18 GP, 5 Siege (Au, Monaco, Gb, De, China), 1 SR (China), 7 PP (Au, Ka, De, Un, Be, Jap, China), 98 Punkte, Weltmeister.

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