ETH-Ingenieur erklärt Krise – Libanon ohne Strom – «Ohne Generator läuft hier gar nichts»
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Schwere WirtschaftskriseLibanon ohne Strom – «Ohne Generator läuft hier gar nichts mehr»

Am Samstag sind die zwei grössten Kraftwerke des Libanons aufgrund Treibstoffmangels stillgelegt worden. Für den libanesischen ETH-Ingenieur Mohamad Khaled ist die Stromkrise nur ein weiterer Ausdruck des politischen Versagens im Land.

von
Daniel Krähenbühl
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Duschen, einkaufen, arbeiten in totaler Dunkelheit: Die libanesische Bevölkerung ist immer öfter von langen Stromunterbrüchen betroffen. Dieses Bild wurde am 9. Oktober in der Nähe von Bhamdoun aufgenommen.

Duschen, einkaufen, arbeiten in totaler Dunkelheit: Die libanesische Bevölkerung ist immer öfter von langen Stromunterbrüchen betroffen. Dieses Bild wurde am 9. Oktober in der Nähe von Bhamdoun aufgenommen.

REUTERS
Bereits in der Vergangenheit kam es immer wieder zu grossflächigen Stromausfällen, so wie etwa hier am 3. April 2021. 

Bereits in der Vergangenheit kam es immer wieder zu grossflächigen Stromausfällen, so wie etwa hier am 3. April 2021.

AFP
Seit Samstag sind die zwei grössten Kraftwerke des Landes – al Zahrani und Deir Ammar – wegen Treibstoffmangels stillgelegt. In der Folge kam es zu einem landesweiten Stromausfall.

Seit Samstag sind die zwei grössten Kraftwerke des Landes – al Zahrani und Deir Ammar – wegen Treibstoffmangels stillgelegt. In der Folge kam es zu einem landesweiten Stromausfall.

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Darum gehts

  • Die Wirtschaftskrise im Libanon verschärft sich weiter.

  • Übers Wochenende kam es zu einem landesweiten Ausfall des Stromnetzes.

  • Der im Libanon wohnhafte ETH-Ingenieur Mohamad Khaled erklärt die Hintergründe.

Der Libanon taucht in die Dunkelheit ab: Seit Samstag sind die zwei grössten Kraftwerke des Landes – al Zahrani und Deir Ammar – wegen Treibstoffmangels stillgelegt. In der Folge kam es zu einem landesweiten Stromausfall. Eine Treibstoff-Notlieferung der libanesischen Armee an das Kraftwerk al Zahrani am Sonntag linderte die Not nur für kurze Zeit: Am Montag ist in der Ölraffinerie des Stromkraftwerks ein Grossbrand ausgebrochen. Strom gibt es im Land seither wieder nur für eine bis zwei Stunden am Tag.

Der Stromausfall und die Stromengpässe im Land dürften nicht als isoliertes Ereignis betrachtet werden, sagt der aus dem Libanon stammende und in Beirut wohnhafte ETH-Ingenieur Mohamad Khaled. Der Schweizer doktorierte im Bereich Hochspannungsnetzwerke an der Hochschule und arbeitete über 20 Jahre in der Schweiz, unter anderem bei Brown Boveri, ABB und Alstom.

Herr Khaled, übers Wochenende fiel im ganzen Libanon der Strom aus. Wie kam es dazu?

Kurz gesagt: Dem Libanon geht das Geld aus. Der Nationalbank fehlen die Reserven, um die Treibstoffversorgung für die Kraftwerke im Land sicherzustellen. Durch die Trennung der Kraftwerke al Zahrani und Deir Ammar vom nationalen Stromnetz brach die Stromversorgung zusammen. Die ganze Situation muss jedoch im entsprechenden Kontext betrachtet werden.

Sie sprechen die Wirtschaftskrise an, in der sich der Libanon befindet?

Genau. Wir befinden uns in einer der schwersten Wirtschaftskrisen weltweit. Über 60 Prozent der libanesischen Bevölkerung leben mittlerweile in Armut. Der Hauptgrund dafür ist die grassierende Korruption, die von den einfachen Beamten bis hin zu den politischen Eliten reicht. Man mag den Libanon eine Demokratie nennen, doch die Bezeichnung der demokratisch legitimierten Kleptokratie ist viel zutreffender. Geld, das in den Ausbau und den Unterhalt des Staates gesteckt werden sollte, wandert seit Jahren in die Taschen der Parteifunktionäre.

Wie äussert sich dies im Alltag der Menschen?

Die Infrastruktur fällt auseinander. Nicht nur die Stromversorgung ist betroffen, auch die Wasserversorgung funktioniert nicht. In unserer Wohnung strömt seit zwei Wochen kein Wasser aus dem Hahn. Wasser zum Kochen oder für die Hygiene müssen wir kaufen. Auch die Versorgung mit Medikamenten und Lebensmitteln ist nicht mehr sichergestellt – vielen Leuten mangelt es an allem, auch an Essen.

An die Stromausfälle hat sich die Bevölkerung in den letzten Jahren gewöhnt. Um diese zu überbrücken, schaffte sich die Mehrheit der Leute einen Generator an. Doch nur die wenigsten haben mittlerweile die finanziellen Mittel, die immer teurer werdenden und fast nur auf dem Schwarzmarkt erhältlichen Treibstoffe zu kaufen. Ohne Generator läuft hier aber nichts – sei das in Privathaushalten, Spitälern oder Geschäften. Ein grosses Problem ist auch die galoppierende Inflation im Land.

«Ohne eine dramatische Neuordnung der politischen und gesellschaftlichen Schichten ist der Libanon nicht weiter lebensfähig»

Mohamad Khaled

Was sind die Konsequenzen?

In den letzten zwei Jahren verlor die Landeswährung rund 90 Prozent ihres Werts. Da die Löhne der meisten Angestellten aber weiterhin gleich hoch sind und in libanesischen Pfund ausbezahlt werden, ist das Lohnniveau dramatisch gesunken. Gleichzeitig erhält man Treibstoffe und andere wichtige Güter nur noch gegen US-Dollar. Zur Veranschaulichung: Ein US-Dollar ist auf dem Schwarzmarkt rund 20’000 libanesische Pfund wert. Auf der Bank erhält man pro Dollar nur rund 3500 Pfund. Vor der Krise war ein US-Dollar rund 500 libanesische Pfund wert.

Wie geht es Ihrer Meinung nach weiter?

Ohne politisches Erdbeben, ohne eine dramatische Neuordnung der politischen und gesellschaftlichen Schichten, ist der Libanon nicht weiter lebensfähig. Die Chancen für eine politische Neuordnung schätze ich jedoch sehr tief ein – zu gross ist die Macht der herrschenden Clans, zu gering die Hoffnung der Bevölkerung, mit Wahlen etwas bewirken zu können.

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