Erdölreichtum: Libyens Luxus-Problem
Aktualisiert

ErdölreichtumLibyens Luxus-Problem

Im Vergleich zu Ägypten und Tunesien werden die neuen Machthaber in Libyen keine Geldsorgen haben. Doch die Petromilliarden sind ebenso Fluch wie Segen.

von
Kian Ramezani
Öl und Gas machen 95 Prozent der libyschen Exporte aus.

Öl und Gas machen 95 Prozent der libyschen Exporte aus.

Der arabische Frühling wird seit Beginn von zweierlei Missständen angetrieben: Repression und Armut. Der eine lässt sich, zumindest vordergründig, mit der Absetzung eines Despoten relativ schnell lösen. Eine schwache Volkswirtschaft hingegen ist ein zähes und komplexes Übel. Die Menschen in Tunesien und Ägypten, wo der allgemeine Wohlstand infolge ausbleibender Touristen zuletzt sogar eher gesunken als gestiegen ist, können davon ein Lied singen. So gesehen befindet sich Libyen in einer beneidenswerten Lage: Das Land ist spärlich bevölkert und gleichzeitig mit reichen Öl- und Gasvorkommen gesegnet.

Knapp 6,5 Millionen Menschen leben in Libyen. Vor Ausbruch des Bürgerkriegs im Februar 2011 exportierte das Land 1,3 Millionen Fässer Erdöl pro Tag. Laut Schätzungen des IWF resultierte daraus 2010 ein kaufkraftbereinigtes BIP von 90 Milliarden US-Dollar. Das BIP pro Kopf lag somit bei knapp 14 000 Dollar – vor Brasilien, der Türkei und zahlreichen osteuropäischen Ländern. Subtrahiert man die Korruption des Gaddafi-Clans und addiert ihre eingefrorenen Vermögenswerte im Ausland, sind die Aussichten für die Menschen in Libyen blendend. Soweit die Theorie.

Erdölindustrie leidet noch während Jahren

Die Realität präsentiert sich weniger rosig: Infolge des Bürgerkriegs waren ausländische Erdölfirmen gezwungen, ihr Personal aus Libyen abzuziehen. Die Produktion sank in der Folge auf 60 000 Fass pro Tag oder fünf Prozent des Vorkriegsniveaus. Damit die Petrodollars wieder sprudeln, müsste die Infrastruktur repariert und wieder sicher betrieben werden können. Die Beschädigungen an Quellen, Pipelines und Terminals sind laut Analysten überschaubar.

Ob und in welchem Zeitrahmen eine neue Regierung in der Lage sein wird, Sicherheit und Stabilität wieder herzustellen, bleibt abzuwarten. Dessen ungeachtet zeigt die Erfahrung, dass sich Erdölnationen nur sehr schleppend von politischen Unruhen erholen. Irak brauchte acht Jahre nach der Invasion der USA, um seine Erdölförderung wieder auf Vorkriegsniveau zu bringen. Iran hinkt den sechs Millionen Fass pro Tag vor der Revolution von 1979 bis heute nach.

Jeder Dritte ist arbeitslos

Selbst wenn sich die Erdölwirtschaft wieder erholt, bleibt das fundamentale Problem der Abhängigkeit. Die libysche Exportwirtschaft basiert zu 95 Prozent auf Erdöl. Aussicht auf industrielle und landwirtschaftliche Diversifizierung besteht wenig. Das Wüstenland muss drei Viertel seines Bedarfs an Lebensmitteln importieren. Gaddafi investierte in die Ausbildung seiner Untertanen, schickte junge Leute zum Studium ins Ausland. Doch zurück in der Herimat gibt es kaum berufliche Aussichten.

Schon vor Ausbruch des Bürgerkriegs war jeder Dritte in Libyen arbeitslos, wobei gleichzeitig rund 200 000 Gastarbeiter für unqualifizierte Jobs ins Land geholt wurden. Die Wertschöpfung in den wenigen, nicht erdölnahen Betrieben, ist gering: So lässt Nestlé etwa in Dubai hergestellte Kitkat-Schokoriegel in Tripolis verpacken. Einzig der Tourismus böte noch ein gewisses Entwicklungspotential.

Der Fluch des Erdöls

Ungeachtet dieser strukturellen Probleme, die auch ein befreites Libyen noch eine Weile beschäftigen werden, muss eine Nachfolgeregierung zunächst beweisen, dass sie nicht dieselben Fehler macht wie zuvor Gaddafi: «Der Nationale Übergangsrat muss zeigen, dass dies nicht ein weiteres Beispiel dafür ist, wie eine kleine Elite den ganzen Öl-Wohlstand behält», sagte der Libyen-Experte Imad Al-Anis von der britischen Universität Nottingham. Die Geschichte hält diesbezüglich mehr negative als positive Beispiele parat. Dass Erdöl ebenso Fluch wie Segen sein kann, beklagen Beobachter im Nahen Osten seit Jahrzehnten.

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