Augenzeugen: Libysche Milizen schiessen auf Flüchtlinge

Aktualisiert

AugenzeugenLibysche Milizen schiessen auf Flüchtlinge

Schiffbrüchige Immigranten berichten, libysche Milizen hätten auf sie geschossen. Nicht zum ersten Mal, wie ein Video zeigt. Derweil landen Flüchtlinge sogar im Zoo von Tripolis.

von
gux

Flüchtlinge, die das erneute Schiffsunglück vor Malta überlebt haben, erheben schwere Vorwürfe: Als sie von Libyen aus mit ihrem Boot in See gestochen seien, seien sie von libyschen Milizionären unter Beschuss genommen worden.

Es ist immer der gleiche Ort, von dem die Flüchtlinge aufbrechen: Ein Strand bei der Hafenstadt Suwara. «Die Menschenschmuggler achten darauf, dass sie wegen der strengeren Kontrollen nicht in der Nähe der Flüchtlinge sind», sagt Said Ben Suleiman vom libyschen Ausschaffungszentrum gegenüber dem «Guardian». «Die Schmuggler kaufen ein billiges Schlauchboot und übergeben einem Flüchtling den Schlüssel. Dann wählen die Flüchtlinge einen Kapitän aus ihrer Mitte. Das heisst: Sie stechen ohne jede Erfahrung in See.»

Erst verfolgt, dann beschossen

Auch vor drei Tagen waren von Suwara aus vor allem mit Syrern und Palästinensern besetzte Schlauchboote in See gestochen. Kurz nach dem Ablegen vom Strand von Suwara bemerkten die Flüchtlinge einen Verfolger – offenbar ein Schiff des libyschen Militärs. «Es folgte uns etwa sechs Stunden und die Offiziere verlangten, dass wir umkehren», berichtete der 20-jährige Molham Alrosan der Zeitung «Malta Today». Als der Kapitän sich weigerte, schossen sie auf den Motor. «Als das nicht funktionierte, begannen sie, auf uns zu schiessen.»

Zwei Flüchtlinge seien so erschossen worden, berichten Augenzeugen. Zudem habe das Schlauchboot Schaden genommen. Dies sei auch der Grund gewesen, dass es gekentert sei, so die Überlebenden. Diese Aussagen widersprechen der ersten offiziellen Version, wonach das Boot gekentert sei, weil die Flüchtlinge ein Flugzeug der maltesischen Küstenwache auf sich aufmerksam machen wollten.

Video von 2009 stützt aktuellen Bericht

Mindestens 34 Menschen ertranken bei der Havarie am Freitagabend. Dank eines zügigen Rettungseinsatzes von Italien und Malta wurden mindestens 221 Menschen gerettet.

Libyen weist diese Anschuldigungen zurück. Ministerpräsident Ali Seidan sagte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem maltesischen Amtskollegen Joseph Muscat in Tripolis, man gehe den Vorwürfen nach. Nach ersten Erkenntnissen seien die Anschuldigungen jedoch falsch.

«La Repubblica» zeigt ein Video eines Flüchtlings, das dieser mit dem Handy im Frühjahr 2009 aufgenommen hatte. Darauf sind Szenen zu sehen, welche die Vorwürfe der Flüchtlinge stützen: Mit Maschinengewehren Bewaffnete verfolgen Flüchtlinge, die sich eben erst absetzen wollten.

Flüchtlinge im Zoo von Tripolis

Wie prekär die Lage in Libyen für die kriegsgeschädigten, erschöpften Flüchtlinge etwa aus Syrien oder aus Afrika ist, machen auch neue Berichte klar, wonach die Migranten im Zoo von Tripolis untergebracht werden. Der Zoo ist seit dem Aufstand gegen Muammar Gaddafi seit 2011 geschlossen und ist jetzt zum Auffanglager umfunktioniert worden.

Jeden Tag würden über 50 Flüchtlinge in den Zoo gebracht. «Die Anzahl Flüchtlinge, die jeden Tag zu uns kommen, wächst in unglaublichem Masse an», so Said Ben Suleiman vom libyschen Ausschaffungszentrum. «Wir deportieren zehn und Hunderte kommen zu uns.»

Für Nutzer der 20-Minuten-App: Hier gehts zum Video.

Mehr Sicherheit auf dem Meer

Nach den jüngsten Flüchtlingsdramen vor Lampedusa hat Italien am Montag die stärkere Überwachung im Mittelmeer aufgenommen.

Mit der Mission «mare sicuro» will Rom auch seinen Forderungen gegenüber Brüssel Nachdruck verleihen.

Letzte Details der Mission wollte Regierungschef Enrico Letta noch am Montag in Rom mit seinen Ressortministern für Verteidigung, Aussen- und Innenpolitik festlegen. Italiens Marine hatte zuvor signalisiert, auf den Einsatz vorbereitet zu sein, der neue Unglücke vor Lampedusa verhindern soll.

«Wir wollen mehr tun, dann werden wir das auch von der EU verlangen können», hatte Verteidigungsminister Mario Mauro erklärt. Italien hat dabei den Brüsseler EU-Gipfel am 24./25. Oktober im Auge, bei dem nach den jüngsten Unglücken im Mittelmeer auch die europäische Flüchtlingspolitik erörtert werden soll. Auch Maltas Regierungschef Joseph Muscat betonte von neuem, ein europäisches Konzept müsse den «Grenzstaaten» im Süden helfen, das Flüchtlingsproblem zu bewältigen.

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