Aktualisiert 29.03.2016 09:42

Bauern-Delikatessen

Lidl setzt auf Geissen-Glace aus dem Entlebuch

Mit regionalen Bauernspezialitäten will Lidl neue Kunden anlocken. Passt das zum Konzept eines Discounters?

von
Isabel Strassheim

Regional soll es sein und zugleich exklusiv. «Klein, aber fein» lautet der Slogan, den sich Lidl Schweiz in den ersten beiden Wochen nach Ostern auf die Fahnen schreibt. Damit will der Discounter nicht nur seine Swissness unterstreichen. Sondern auch sein Delikatessen-Sortiment: Insgesamt 110 Artikel von Kleinbauern kommen vorübergehend in die Regale.

So hat die Bauernfamilie von Beat und Rita Wigger im Entlebuch in den drei Wochen vor Ostern 7680 Becher Glace produziert. Nicht irgendeine, sondern eine Delikatesse: Ziegenglace. Mit Erdbeer, Schokolade, Vanille oder Haselnuss. Aus rund 1400 Litern Milch von den 80 Ziegen. «Die Etiketten für die Becher haben wir selbst gestaltet», sagt Beat Wigger, als ihn 20 Minuten kurz vor Ostern per Telefon kontaktiert. Er ist noch etwas aus der Puste, denn er kommt kurz vor Ostern gerade von der Auslieferung an Lidl zurück. Statt im Hofladen, der nur im Sommer für die Wanderer geöffnet ist, die es auf die 1200 Meter hoch gelegene Luzerner Ortschaft Heiligkreuz schaffen, findet sich Wiggers Ziegenglace nämlich ab dem 31. März in den Filialen von Lidl Schweiz.

Anderes Konzept als Migros und Coop

Anders als «Minii Region» von Coop und «Aus der Region, Für die Region» von Migros geht es Lidl nicht um Produkte aus der näheren Umgebung, die deswegen auf regionale Filialen beschränkt sind. Lidl bietet die regionalen Spezialitäten nämlich schweizweit in sämtlichen seiner Filialen an. Der Grund: «Die mit 105 Filialen noch überschaubare Grösse von Lidl Schweiz wird bewusst als Vorteil genutzt und macht die Realisation eines solchen schweizweiten Konzepts erst möglich», sagt Lidl-Sprecherin Corina Milz.

Lidl macht 2014 einen geschätzten Umsatz von 800 Millionen Franken, im Vergleich zu den Umsätzen von Migros und Coop, die sich auf knapp 15 Milliarden respektive gut 14 Milliarden Franken beliefen, ist dies wenig. Diese Nische will Lidl nicht nur den Konsumenten mit Spezialitäten, sondern auch den Kleinbauern schmackhaft machen: Sie können auch mit geringen Mengen mit dem Discounter die ganze Schweiz beliefern.

«Regionale Produkte sind gegenwärtig im Trend. Aus Lebensmittel aus dem Wallis oder Tessin gehören hierzu», sagt der Detailhandels-Experte vom Marktforschungsinstitut GfK, Thomas Hochreutener. Dennoch: Lidl geht es nicht um eine Positionierung als ökologischer Regio-Markt. Sondern als Delikatessen-Discounter: «In der Schweiz profilieren sich auch die Discounter nicht allein über den Preis, sondern über das Preis-Leistungs-Verhältnis. Deshalb passen auch Delikatessen ins Konzept», so Hochreutener.

Ob Ziegenglace bleibt, enscheiden Kunden

Die Bauernfamilie Wigger hat zwar bislang nicht bei Lidl eingekauft, ist aber von der Zusammenarbeit positiv überrascht: «Wenn wir produzieren und verkaufen wollen, dann müssen wir den Konsumenten erreichen», sagt Beat Wigger. Bislang hat er die Ziegenmilch, die er nicht für seinen Hofladen verarbeiten konnte, an eine Käserei geliefert. Mit der Lidl-Aktion kann er nun seine Wertschöpfung erhöhen. Vielleicht sogar über die «Klein, aber fein»-Wochen hinaus. Kommt die Glace gut an, könnte sie vielleicht im Sortiment bleiben. «Das wird der Konsument entscheiden», sagt Wigger.

Auch ein Discounter wie Lidl könne sich für Bauern lohnen, sagt Urs Schneider vom Schweizer Bauernverband. «Lidl ist mit seiner Politik bei den Produzentenpreisen kein Preisdrücker», sagt der Vizedirektor der Verbandes. Den Bauern zugute kommt laut Schneider zudem, dass sie durch die Selbstverarbeitung ihre Wertschöpfung steigern.

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