Aktualisiert 25.07.2014 08:28

Vernunftehe

«Liebe ist eine Entscheidung»

Paartherapeuten werben für die Vernunftehe. Auch das Schweizer Ehepaar Markus und Diane Fuchs hat geheiratet, ohne verliebt zu sein. Die beiden erklären, wie das funktioniert.

von
Nicole Glaus
«Die Verliebtheit, die andere Leute von Anfang an haben, die spüre ich heute», sagt Markus Fuchs. Somit hätten sie sich als Paar im Gegensatz zu vielen anderen zusammengelebt.

«Die Verliebtheit, die andere Leute von Anfang an haben, die spüre ich heute», sagt Markus Fuchs. Somit hätten sie sich als Paar im Gegensatz zu vielen anderen zusammengelebt.

Bei dieser Ehe war Amors Pfeil nicht im Spiel: 1993 lernten sich die damals 28-jährige Diane, eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, und der 32-jährige Junggeselle Markus durch eine christliche Partnervermittlung kennen. Bereits nach vier Wochen verlobten sich die zwei und heirateten knapp ein Jahr später - ohne lange verliebt zu sein. «Das war aufgrund der grossen Entfernung gar nicht möglich», sagt Diane Fuchs heute. Denn sie lebte in der ehemaligen DDR, Markus Fuchs in der Schweiz. Zwischen dem ersten Treffen und der Hochzeit haben sie sich nur selten gesehen. «Wir hatten noch gar keine Zeit, uns richtig kennenzulernen.»

Trotzdem sei von Beginn weg klar gewesen, dass Sie Markus heiraten wollte: «Ich habe einen Mann gesucht, weil ich nicht länger alleine bleiben wollte und weil die Kinder in einer Familie besser aufgehoben sind.» Da für Markus Fuchs von Anfang an klar war, die Kinder zu adoptieren, sei einer Hochzeit nichts mehr im Weg gestanden.

«Es waren Welten, die uns trennten»

Doch nach der Hochzeit und dem Zusammenziehen kam die Härteprobe: «Die ersten sechs Monate waren die schlimmste Zeit unserer Ehe», erklärt Markus Fuchs. Kulturelle und sprachliche Unterschiede hätten den Alltag erschwert. Als Basler habe er zu einem der Kinder gesagt: «Hebs Muul»! «In unserem Dialekt ist das zwar auch nicht so schön, aber im Deutschen ist ?Halt's Maul!? wirklich sehr schlimm.» Auch seine Frau spricht von schwierigen Situationen, die das gemeinsame Erziehen der Kinder mit sich gebracht hätten. Aber auch der Schweizer Wohlstand und die überbordende Konsumlust hätten ihr am Anfang zu schaffen gemacht: «Es waren Welten, die uns trennten.»

Trotzdem kam den beiden nie in den Sinn, einfach davonzulaufen. «Das Ja bei der Hochzeit war für mich eine definitive Zusage», sagt Markus Fuchs. Wegen der Kinder und auch aufgrund ihres christlichen Glaubens sei für beide eine Trennung nicht infrage gekommen. Diane Fuchs war ebenfalls bereit zu kämpfen, auch wenn sie vom Gefühl her «am liebsten wieder weggegangen» wäre. Es habe viel Arbeit, Gespräche und Umstellungen gebraucht: «Wir selber mussten uns ändern und gleichzeitig unsere Verschiedenheiten akzeptieren.»

Markus Fuchs ist überzeugt: «Liebe ist eine Entscheidung.» Es gebe immer Momente in ihrer Beziehung, in denen sie aneinander vorbeiredeten. «Dann diskutieren wir das aus und sagen uns, wir haben uns entschieden zu heiraten, darum bleiben wir auch dabei.»

Vernunftehe oder Liebesheirat?

Aus der Vernunftehe ist heute laut Diane Fuchs eine «tiefe Herzensbeziehung» entstanden. «Ich würde bei ihm bleiben, egal was kommt.» Auch ihr Ehemann spricht von einer bedingungslosen Liebe. «Die Verliebtheit, die andere Leute von Anfang an haben, die spüre ich heute.» Somit hätten sie sich als Paar - im Gegensatz zu vielen anderen - zusammengelebt.

Ob nun die Vernunftehe oder die Liebesheirat besser sei, können beide nicht abschliessend beantworten. Jede Beziehung sei Arbeit und bringe schwierige Entscheidungen mit sich. «Es ist aber einfacher, wenn man sich dessen von Anfang an bewusst ist», sagt Diane Fuchs. Auch ihr Mann ist überzeugt, dass man eine Beziehung nicht nur auf Gefühlen aufbauen kann: «Es gibt Momente, da hat man keine Schmetterlinge im Bauch. Da muss man einfach vernünftig sein.»

Zukunftsmodell Vernunftehe?

Auch das deutsche Ehepaar Susanne Wendel und Frank-Thomas Heidrich hat vor drei Jahren die Suche nach dem Traumpartner aufgegeben und «aus Vernunft» geheiratet. Die beiden haben ihre Geschichte in einem Buch veröffentlicht. Schweizer Paartherapeuten sehen in der Vernunftehe Vorteile: Diese würde erfahrungsgemäss «erstaunlich» gut und lange funktionieren, sagt der Surseer Paartherapeut Reinhard Felix. «Es sind eher die romantischen Liebesbeziehungen, die nicht von langer Dauer sind. Denn Liebe ist ein Gefühl und daher sehr kurzlebig.» (ngl)

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