Aktualisiert 23.01.2015 10:30

Antidiskriminierende Sprache

Liebe Lese**, so schreiben Sie geschlechtsneutral

Zürcher Germanistik-Studenten schreiben nicht mehr von Lesern, sondern von Lese**. Ein Beitrag zur Gleichstellung oder eine Verschandelung der Sprache?

von
J. Büchi
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Ab März gelten im Magazin der Zürcher Germanistik-Studenten neue Sprachregeln. «D* Layoute*» dankt online bereits jetzt fürs Beherzigen.

Ab März gelten im Magazin der Zürcher Germanistik-Studenten neue Sprachregeln. «D* Layoute*» dankt online bereits jetzt fürs Beherzigen.

Redaktion Denkbilder
An diese Vorgaben müssen sich die Autorinnen und Autoren der Zeitschrift künftig halten.

An diese Vorgaben müssen sich die Autorinnen und Autoren der Zeitschrift künftig halten.

Redaktion Denkbilder
Thomas Widmer, Redaktor des Magazins, sagt: «Insbesondere möchten wir die Vorstellung herausfordern, dass es nur zwei Geschlechterkategorien gibt - nämlich Frau und Mann.» Künftig sollen sich alle angesprochen fühlen.

Thomas Widmer, Redaktor des Magazins, sagt: «Insbesondere möchten wir die Vorstellung herausfordern, dass es nur zwei Geschlechterkategorien gibt - nämlich Frau und Mann.» Künftig sollen sich alle angesprochen fühlen.

Keystone/Alessandro Della Bella

In ihrem Alltag dreht sich alles um die deutsche Sprache: Die Germanistik-Studenten der Universität Zürich befassen sich mit Linguistik und Literatur, studieren die Werke grosser deutschsprachiger Schriftsteller und Dichter. Was die Zürcher Nachwuchs-Germanisten auf der Website ihres halbjährlich erscheinenden Magazins «Denkbilder» schreiben, hat auf den ersten Blick aber wenig mit der Sprache von Goethe und Schiller zu tun.

«‹Denkbilder› ist das von Studier** gemachte Germanistikmagazin der Universität Zürich», heisst es dort. Die Sternchen haben sich nicht zufällig in den Satz verirrt, sie weisen auch nicht auf Ergänzungen am Ende des Texts hin. Vielmehr sind sie ein Ausdruck «antidiskriminierender Sprachhandlung», wie aus den Richtlinien des Hefts hervorgeht.

«Bireweich»

Ab der März-Ausgabe werden die Autorinnen und Autoren der Studentenzeitschrift dazu angehalten, «bei Anrede der Lese**» immer geschlechterneutrale Endungen zu verwenden: «Substantive Singular: Studier*; Substantive Plural: Studier**; Personalpronomen: *; Fragepronomen: We*?» Die NZZ stänkert in der Ausgabe vom Donnerstag, die Studenten trügen damit zur «Sinnentleerung» der deutschen Sprache bei: «Les** werden dabei mehr Sternchen sehen als zehn römische Legionär** nach dem Kontakt mit Asterix' Fäusten – und somit k. o. gehen.»

Auch Anian Liebrand, Präsident der Jungen SVP, findet klare Worte für das Sternchen-System: «Bireweich» sei es – Ausdruck einer «ideologischen Verkrümmung». «Es nützt keiner Frau etwas, wenn wir unsere Sprache aus Gendergründen dermassen verhunzen», ärgert er sich. «Ich befürchte, dass dieser Ideologie-Wahn bald auch auf den offizielle Uni-Betrieb überschwappt, wenn das so weitergeht.»

Professx oder ProfessorInnen?

Tatsächlich gibt es im deutschsprachigen Raum Universitäten, an denen es bereits entsprechende Bestrebungen gibt. An der Humboldt-Universität in Berlin sorgte eine Professorin am Zentrum für Transdisziplinäre Geschlechterstudien unlängst mit der Forderung für Aufsehen, deutsche Endungen mit «-x» zu ersetzen. An der Uni Leipzig finden seit einiger Zeit gar nur noch die weiblichen Formen Verwendung – auch Männer werden als «Professorinnen» bezeichnet. Praktisch flächendeckend durchgesetzt haben sich an den Hochschulen das Binnen-I («ProfessorInnen») und Doppelnennungen («Professorinnen und Professoren»).

Für die Juso ist das eine erfreuliche Entwicklung: «Es ist extrem wichtig, dass wir auch in der Sprache versuchen, uns geschlechterneutral auszudrücken», sagt Hanna Bay von der Geschäftsleitung. Ob dies mit Sternen oder einem anderen System passiere, sei egal. «Zentral ist, dass wir von der Vorstellung wegkommen, dass es nur Männer und Frauen gibt – die Sprache muss auch Transgender-Menschen miteinbeziehen.»

«Gewöhnungssache»

So begründet auch «Denkbilder»-Redaktor Thomas Wismer die Umstellung. Ziel sei, dass sich wirklich alle Menschen angesprochen fühlten: «Insbesondere möchten wir die Vorstellung herausfordern, dass es nur zwei Geschlechterkategorien gibt.» Dies gelinge weder mit Doppelnennungen noch mit Binnen-I.

Den Vorwurf, die Sprache auf diese Weise zu verschandeln, lässt Wismer nicht gelten: «Der Vorwurf der Sprachentstellung kann nur bestehen, wenn Sprache als etwas Festes, Unveränderliches aufgefasst wird; wir hingegen glauben an die Vielfältigkeit, Dynamik und an das kreative Potenzial der Sprache.» Was schön ist und was nicht, darüber lasse sich streiten. «Vieles ist Gewöhnungssache.» Für den mündlichen Sprachgebrauch eignet sich die Sternform übrigens nicht. Dann müsste man laut Wismer auf die x-Endung ausweichen (sprich: «Studierix»).

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