Bootsflüchtlinge: «Lieber ertrinke ich als langsam zu verenden»
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Bootsflüchtlinge«Lieber ertrinke ich als langsam zu verenden»

Weinend fragen Familienmitglieder am windigen Strand von Annaba an der Ostküste Algeriens Fischer nach Neuigkeiten von ihren Kindern, die sich drei Tage zuvor in einem Boot auf den Weg nach Europa gemacht haben.

Nur wenige Meter entfernt stösst ein weiteres Boot von der Küste ab: «Sardinien!» ruft einer der Insassen hoffnungsvoll. Während Algerien in den vergangen Jahren für viele Schwarzafrikaner ein Transitland auf dem Weg ins ersehnte Europa war, schliessen sich inzwischen die Algerier selbst dem Strom der Auswanderer an.

Fast täglich berichten nordafrikanische Medien von festgenommenen oder ertrunkenen Migranten. Im Arabischen gibt es bereits ein eigenes Wort für sie: «Harraga», diejenigen, die die Brücken zu ihrem Heimatland abbrechen. Allein in Sardinien wurden nach Behördenangaben im vergangenen Jahr etwa 1500 algerische Flüchtlinge aufgegriffen, in diesem Jahr waren es bereits rund 1000.

Appell an die Jugend

Präsident Abdelaziz Bouteflika rief die Jugend Anfang des Monats in einer Ansprache dazu auf, ihm beim Aufbau des Landes zu helfen statt falschen Versprechungen westlicher Fernsehsender zu glauben. Auf grosse Resonanz stiess sein Appell nicht: «Lieber ertrinke ich und lasse mich von den Fischen fressen als hier zu bleiben und langsam daheim zu verenden», sagt Zouhir Bounira, der unter den Fischern von Annaba aufwuchs.

Vor zwei Jahren habe er es bereits bis nach Sardinien geschafft, sagt er. Von dort kam er weiter durch ganz Italien und landete schliesslich in Marseille, wo er auf dem Bau arbeitete und schwarz gehandelte Zigaretten verkaufte, wie er erzählt. Als die algerische Regierung bekanntgab, jungen Arbeitslosen Kredite zu gewähren, sei er zurückgekehrt. «Da war aber gar kein Plan und Geld gab es nie», sagt Bounira.

Öl- und Gasreichtum, aber hohe Arbeitslosigkeit

Algerien ist der neuntgrösste Öl- und Gasexporteur der Welt, von den Einnahmen aus dem Brennstoffexport bekommt die Mehrheit der 34 Millionen Algerier allerdings nichts zu spüren. In diesem Jahr sorgte das Erdöl für einen Überschuss von 133 Milliarden Dollar im Staatshaushalt. Gleichzeitig liegt die offizielle Arbeitslosenquote bei dreizehn Prozent. Viele vermuten, dass sie tatsächlich höher liegt, besonders was die Jugendarbeitslosigkeit angeht. Die Regierung verweist auf ein 1,5 Milliarden Dollar schweres und auf neun Jahre angelegtes Programm zur Unterstützung Jugendlicher sowie auf ein Arbeitsprogramm, das den Behörden zufolge bereits zur Schaffung von 70 000 Arbeitsplätzen beigetragen hat.

Die wirtschaftliche Lage ist jedoch nicht der einzige Grund für die vermehrte Flucht nach Europa. Algerien leidet unter den Folgen des Krieges zwischen Regierungstruppen und militanten Islamisten Anfang der Neunziger Jahre, in dem schätzungsweise 200 000 Menschen ums Leben kamen. Der Aufstand schwelt weiterhin und wird von einer Al Kaida nahestehenden Gruppierung angeführt, die ihre Mitglieder aus den Reihen desillusionierter Jugendlicher rekrutiert.

Auch von der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr versprechen sich viele Algerier keine Besserung, wie Kamel Daoud von der algerischen Liga für Menschenrechte sagt. Die junge Generation mache sich auf den Weg nach Europa, weil sie «fühlt, dass da wenig Hoffnung hinter dem Horizont liegt».

«Sie verstehen, dass wir die Nase voll haben»

Seit die Regierung das illegale Verlassen des Landes im September unter Strafe gestellt hat, sieht man mehr Polizeipatrouillen, wie die Einwohner von Annaba sagen. Allerdings würden eben diese Polizeistreifen dazu neigen, die Jugendlichen zu ignorieren, die sich unweit einer grossen Wache am Strand versammelten. «Sie verstehen, dass wir die Nase voll haben», sagt Bounira. Kürzlich hatte die Küstenwache 34 potenzielle Flüchtlinge festgenommen. Die Regierung liess jedoch fast alle wieder frei, nachdem eine wütende Menge das Justizgebäude von Annaba belagerte.

«'Harraga' sind nicht nur arm, jung und männlich» sagt Kamel Belabed, der eine Selbsthilfegruppe für Familien von Flüchtlingen leitet. Sein Sohn, der vor achtzehn Monaten das Land verlassen und sich seither nicht mehr gemeldet hat, war «einigermassen gut dran und hatte Arbeit». Auch Paare mit Kindern und sogar ausgebildete Fachleute wie Ärzte habe er bereits in den Reihen der «Harraga» gesehen. «Die Menschen gehen, weil sie jede andere Form der Hoffnung verloren haben», sagt er. (dapd)

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