Aktualisiert 09.05.2017 16:06

Brandhärd-Rapper Joël Gernet

«Lieber junger Weinkenner als alter Rapper»

Fetch kennt man als Rapper von Brandhärd. Bürgerlich ist Joël Gernet profilierter Weinkenner und Mitorganisator der Schweizer Weintage, die am Donnerstag in der Markthalle beginnen.

von
lha
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«Wein Verkosten ist mindestens so aufregend wie das durchhören des neusten Kendrick Lamar-Albums», sagt Traubensaft-Aficionado Joël Gernet.

«Wein Verkosten ist mindestens so aufregend wie das durchhören des neusten Kendrick Lamar-Albums», sagt Traubensaft-Aficionado Joël Gernet.

Eleni Kougionis
In seinem zweiten Leben ist Gernet als Fetch Teil der bekannten Rapcrew Brandhärd. Der Rapper ist auch als Journalist tätig und schreibt auch für Weinmagazine.

In seinem zweiten Leben ist Gernet als Fetch Teil der bekannten Rapcrew Brandhärd. Der Rapper ist auch als Journalist tätig und schreibt auch für Weinmagazine.

Tim Luedin
Zusammen mit Valentin Lottner und Kat Fischer organisiert Gernet die vierten Basler Weintage in der Markthalle. Am 11. und 12. Mai dreht sich dort alles um junge Winzer aus der Schweiz.

Zusammen mit Valentin Lottner und Kat Fischer organisiert Gernet die vierten Basler Weintage in der Markthalle. Am 11. und 12. Mai dreht sich dort alles um junge Winzer aus der Schweiz.

Eleni Kougionis

Joël, die Weintage werden von jungen Winzern und Enthusiasten wie dir organisiert. Ist der vergorene Rebensaft das neue Craft Beer?

Das wäre schön! Schliesslich geht es wie beim Craft Beer um die Leidenschaft zu einem handwerklich gefertigten Genussmittel mit Charakter abseits der Massenproduktion. Winzer sowie Konsumenten interessieren sich zunehmend dafür, wie das Gebräu in ihrem Glas entstanden ist. Ein schöner Trend! Die Bärte einiger Winzer stehen jenen der hippen Craft-Beer-Brauer übrigens in nichts nach.

Weinmessen gelten als elitäre Versammlungen, wo jeder mit seinem Fachwissen prahlt. Darf Wein auch einfach fresh sein?

Unbedingt. Fresh ist gut – und Teil meines Wein-Wortschatzes. Fachwörter sind vor allem für die eigenen Memoiren wichtig. Dank ihnen weiss ich auch in zwanzig Jahren noch, was ich beim Trinken empfunden habe. Und ich sehe, wie sich dieser Wein entwickelt hat. Vom öffentlichen Fresse-Aufreissen halte ich – anders als beim Rap – wenig. Die Weintage sollen eben gerade nicht elitär sein. Oft schmecken Neulinge sowieso schon instinktiv erstaunlich viel aus dem Glas raus. Aber seien wir ehrlich: heimlich finden wir die elitäre Aura des Weins doch auch ein bisschen geil.

Du bist als Rapper bekannt geworden, heute schreibst du professionell über Wein. Wie wichtig ist bei einem Wein ein gute Punchline?

Ein Überraschungs-Punch ist immer gut. Eine Wein-Punchline ist für mich etwa, wenn mir ein Cru beim Abgang, also je nach Vorliebe beim Spucken oder Schlucken, nochmals eine völlig neue Seite offenbart. Etwa ein frisch-ätherisches Finish nachdem der Auftakt rund und fruchtig war. Als Punchline empfinde ich auch, wenn sich ein Wein über Stunden und Tage verändert in Geruch und Geschmack. So wird Verkosten mindestens so aufregend wie das durchhören des neusten Kendrick Lamar-Albums.

Du nimmst als Kritiker kein Weinblatt vor den Mund: Wein-Schönsprech schade der Credibility, hast du unlängst geschrieben. Ist Authentizität und Attitude für Winzer genauso wichtig wie für Rapper?

Ich finde schon. Aber im Gegensatz zu Rappern, die mit Lügen und unflätigem Verhalten zum Millionär werden können, ist der Winzer auf gutes Handwerk angewiesen. Da er mit der Natur arbeitet, muss er sich und seinen Rebberg jedes Jahr neu interpretieren – und entsprechend verkaufen. Da ist es natürlich verständlich, dass einer von seinem 2016er-Jahrgang nicht sagt: ‹Dieser Wein ist voll whack, der krasse Hagelschlag in seiner Hood hat ihn komplett zerschossen und verfaulen lassen und die Kirschessigfliege, diese Bitch, gab ihm dann den Rest.»

Wie bist Du eigentlich auf den Wein gekommen? Rapper lassen sonst ja lieber teuren Champagner sprudeln.

Als preiswerte Alternative zu Champagner empfehle ich Cava. Zum Wein gefunden habe ich, als ich mich als Familienvater anderen Themen widmen musste als dem Rock'n'Roll. Es ist zum ersten Mal seit der Entdeckung der HipHop-Kultur in den 90ern, dass ich mich wieder freiwillig so krass in ein Thema vertiefe. Ausserdem bin ich lieber ein junger Weinkenner als ein alter Rapper.

Was zeichnet für dich einen guten Wein aus?

Charakter, Balance und Komplexität. Das klingt ausgelutscht, ist aber so. Ein guter Wein ist interessant und lebendig, weil er jedem, der sich auf ihn einlässt, etwas zu entdecken gibt. Es geht um das perfekte Zusammenspiel von Komponenten wie Frucht, Säure, Würze und Mineralität. Dafür muss man nicht zwingend tief ins Portemonnaie greifen.

Rapper und Bonvinvant

Joël Gernet (37) hat sich mit Brandhärd weit über die Region hinaus einen Namen als Rapper gemacht. Als Journalist entdeckte er irgendwann den Wein für sich und liess sich an der Académie du Vin (WSET Level III) und an der ZHAW Wädenswil (Weinsensorik-Lizenz) weiterbilden. Während zwei Jahren verkostete er professionell für das Magazin Vinum. Der Hobby-Winzer publiziert heute freischaffend zum Thema und bloggt regelmässig über seine Entdeckungen als Bonvinvant.

Schweizer Weintage

Die Schweizer Weintage finden am 11. und 12. Mai zum vierten Mal in der Basler Martkhalle statt. 25 Schweizer Winzer stellen dort ihre Weine persönlich vor. Mit von der Partie sind auch Jost&Ziereisen und Valentin Schiess Vinigma aus Basel sowie die jungen Arlesheimer Winzer von Quergut. Junge Winzer stehen speziell im Fokus. Die Gruppe «Junge Schweiz Neue Winzer» hat erstmals einen eigenen Stand.

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