Schweinegrippe: Lieber länger warten mit Impfen?
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SchweinegrippeLieber länger warten mit Impfen?

16 Millionen Spritzen und 13 Millionen Impfdosen: Die Schweiz bereitet sich wegen der Schweinegrippe auf eine der grössten Impfaktionen der Geschichte vor. Ergebnisse zu möglichen Nebenrisiken des H1N1-Vakzins fehlen aber noch. Ist der Impfstoff gegen die Schweinegrippe wirklich sicher? Oder wird er möglicherweise selbst zum Risiko? Erste warnende Stimmen werden laut.

von
amc

«Was wir hier erleben, ist ein Grossversuch an der Bevölkerung», sagte der Herausgeber des pharmakritischen «Arznei-Telegramms», Wolfgang Becker-Büser dem «Spiegel». Mitten in den Vorbereitungen der wohl grössten Impfaktion in der Geschichte der Schweiz und Europas werden warnende Stimmen laut. Experten machen im Hinblick auf die geplanten Massenimpfungen gegen Schweinegrippe auf die Sicherheitstests der Musterimpfstoffe aufmerksam, «die nicht besonders streng gewesen sind», wie der «Spiegel» schreibt. Die Impfseren profitierten vielmehr von einem einmaligen beschleunigten Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMEA) in London.

«Impfstoffe nicht völlig durchgetestet»

Lediglich «häufige Nebenwirkungen», die mindestens bei einem von 100 Geimpften auftreten, sollten demnach erkannt werden. Über seltenere Impfzwischenfälle, die durchaus schwerwiegend sein können, sei somit bisher nichts bekannt, kritisiert Becker-Büser. Rein rechnerisch bedeute dies, dass bei 25 Millionen Geimpften fast 250 000 eine schlimme Impfreaktion erleiden könnten, ohne dass dies in den Studien aufgefallen wäre.

«Tatsache ist, dass die Impfstoffe eine beschleunigte Zulassung durchliefen und nicht völlig durchgetestet sind», sagt Beda Stadler, Direktor am Institut für Immunologie des Berner Inselspitals. Hätte man aber eine grosse klinische Studie verlangt, hätte man den Impfstoff frühestens in einem Jahr. «Die Risiken einer Impfung gegen Schweingerippe sind im Weitesten aber bekannt und stellen keine Gefahr dar», sagt Stadler. Im Zentrum der Diskussion müsse deshalb die Frage nach der Güterabwägung stehen. «Was haben wir lieber: Die Nebenwirkungen einer Impfung oder die Nebenwirkungen der Infektion?», so Stadler.

«Die Länder müssen Risiken und Nutzen abwägen»

Doch Sorgen bereitet den kritischen Stimmen nicht nur das schnelle Zulassungsverfahren: Gemäss «Spiegel» kommen bei der Schweinegrippe nicht erprobte Standardimpfungen zum Einsatz, sondern «neuartige Herstellungsverfahren sowie neue, das Immunsystem aufputschende Wirkstoffe». Erfahrungen und Studien über mögliche Nebenwirkungen seien aber nicht vorhanden. «Bei einer Massenimpfung wie dieser greift man doch lieber auf bewährte Verfahren und Stoffe zurück», wundert sich der Vizechef der deutschen Ärztekammer, Frank Ulrich Montgomery.

Montgomery und Becker-Büser sind längst nicht die einzigen, die vor möglichen Nebenwirkungen warnen: «Die Länder müssen Risiken und Nutzen der Schnellzulassung eines H1N1-Impfstoffes sorgfältig gegeneinander abwägen», schreibt das britische Fachblatt «The Lancet» in der aktuellen Ausgabe. Insbesondere, da die meisten Schweinegrippe-Erkrankungen bislang milde verliefen, heisst es weiter. Trotz mehr als 1100 offiziell bestätigten Schweinegrippe-Toten stellt sich die Frage: Wie gefährlich ist eine Impfung? Schützt sie tatsächlich? Und welche Risiken gibt es?

«Die Wirkstoffe und Herstellungsverfahren bei den Schweinegrippe-Impfstoffen sind - entgegen anderen Stimmen - seit Jahren im Einsatz und haben sich bewährt», beschwichtigt Stadler. Nebenwirkungen gebe es bei jedem Medikament. Es bleibe eine Frage des Risikos. Für ihn ist klar: «An der Schweinegrippe sind Menschen gestorben, an einer Impfung noch nicht.»

«Warten kann auch gut sein»

Die Kantone bestimmen zurzeit, wo es Impfzentren geben wird und welche Personengruppen zuerst an die Reihe kommen. Noch gibt es dazu aber keine Empfehlungen – weder vom BAG noch von der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, wie Jean-Louis Zurcher, Sprecher des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), gegenüber der AP sagte. Konkrete Informationen seien frühestens für Mitte August zu erwarten.

Dann sollen auch die ersten Dosen des neuen Impfstoffes zur Verfügung stehen, sagte Claire-Anne Siegrist, Leiterin der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, gegenüber der «NZZ». Diese würden zunächst auf ihre Sicherheit und Wirksamkeit getestet, was wahrscheinlich bis September dauere. Die Ergebnisse gingen dann an die nationalen Zulassungsbehörden, welche für die Autorisierung zuständig sind. Diese bestimmen, wie schnell es weiter geht. Siegrist hofft, dass sich die Schweizer Zulassungsbehörde Swissmedic beeilt.

Swissmedic: «Wir behalten den Impfstoff genau im Auge»

«Wir werden die Ergebnisse aufgrund der begrenzten klinischen Studien sehr genau prüfen», sagt Pressesprecher Joachim Gross auf Anfrage von 20 Minuten Online. Statt an 10 000 basierten die klinischen Studien nur auf Erfahrungen von 200 Testpatienten. Das sei aber kein aussergewöhnlicher Ausnahmefall und trotz möglicher Massenimpfung vertretbar, sagt Gross. Man behalte den Impfstoff nach der Freigabe «sehr genau im Auge».

Für Siegrist wäre aber auch eine Verzögerung der Markteinführung kein Problem, wie sie der «NZZ» sagte. «Es kann auch gut sein, ein bisschen abzuwarten, um entstehende Risiken und Nebenwirkungen besser abschätzen zu können.» Die Risiken müssten für jede Alters- und Patientengruppe einzeln abwägen. «Das braucht natürlich etwas Zeit», so Siegrist. Was wohl so viel heisst wie: Wer warten kann, sollte lieber nicht als erster zur Impfung rennen.

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