13.07.2015 08:09

Baselbieter Bildungsdirektorin

«Lieber länger zur Schule als Lehrstelle suchen»

Grössere Schulklassen, weniger Therapien, kürzere Ausbildungszeiten: So will die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind sparen.

von
D. Pomper
Frontalunterricht oder Gruppenarbeiten? Bildungsdirektorin Monica Gschwind glaubt, dass autoritäre Lehrer bei Schülern besser ankommen als ihre Laissez-faire-Kollegen.

Frontalunterricht oder Gruppenarbeiten? Bildungsdirektorin Monica Gschwind glaubt, dass autoritäre Lehrer bei Schülern besser ankommen als ihre Laissez-faire-Kollegen.

Frau Gschwind, die Bildungsausgaben nehmen seit Jahren konstant zu. Als neue Baselbieter Bildungsdirektorin wollen Sie sparen. Wie?

Viele Jugendliche finden es gemütlicher, in die Schule zu gehen, als sich mühselig für eine Lehrstelle zu bewerben. Auch wer unsicher ist, geht dann halt noch ein bisschen zur Schule. Gewisse Jugendliche haben kein genaues Berufsziel vor Augen. Also entscheiden sie sich für weitergehende Vollzeitschulen, wie etwa Wirtschafts- oder Fachmittelschulen – um danach doch noch eine KV-Lehre zu beginnen. Dies ist einer der Gründe, weshalb bei uns im Kanton die Verweildauer der Ausbildung zunimmt. Hier wollen wir Gegensteuer geben und die Ausbildungszeiten wieder verkürzen.

Wie?

Wir wollen die Schüler und ihre Eltern frühzeitig und gezielter über mögliche Laufbahnen orientieren, damit sie ohne Umwege eine Berufslehre in Angriff nehmen. Gerade Bürger mit Migrationshintergrund kennen unser duales Bildungssystem zu wenig und setzen eher auf den akademischen Weg. Das würde es auch den Betrieben erleichtern, einfacher gute Schüler zu gewinnen und ihre Lehrstellen zu besetzen.

Wie wollen Sie sonst noch sparen?

Wir müssen die Klassengrössen auf der Stufe Sek I und Sek II von 24 auf 26 Schüler erhöhen, damit wir die geplante Reduktion beim Personalaufwand umsetzen können. Es gibt keine wissenschaftliche Studie in der Schweiz, die beweisen würde, dass die Qualität der Ausbildung darunter leiden könnte.

Viele Kinder werden im Laufe ihrer Schulzeit therapiert. Zu viele?

Baselland ist ja Schweizermeister, was spezielle Förderungen anbelangt. Dabei sind die Kinder heute ja nicht dümmer oder kränker als früher. Ein Problem sehe ich darin, dass viele Therapeuten, wie etwa Logopäden, selber die Abklärungen machen und sich die Aufträge selber zuweisen. Heute steuert die Nachfrage das Angebot, dabei müsste es umgekehrt sein. Deshalb wollen wir in Zukunft Kontingente einführen. So wird genauer geprüft, ob ein Kind wirklich therapiert werden muss oder nicht. Je mehr Heilpädagogen im Schulzimmer herumschwirren, desto unruhiger wird es in der Klasse. Und viele Eltern nerven sich darüber, dass so viele Sonderwünsche abgedeckt werden.

Ist es wirklich richtig, ausgerechnet in der Bildung zu sparen?

Mehr Geld bedeutet nicht automatisch eine bessere Bildung und weniger Geld nicht unbedingt eine schlechtere Bildung. Die Mittel müssen einfach gezielt eingesetzt werden – was heute zu wenig konsequent geschieht.

Grössere Klassen, kürzere Ausbildungszeiten: Ihr Rezept zu einem günstigeren und effizienteren Bildungswesen lautet: Back to the roots. Braucht es nicht gerade im Bildungswesen Innovation?

Natürlich braucht es Innovation. Ein effizienteres Bildungswesen schliesst dies aber auch nicht aus. So planen wir etwa eine Schülerpauschale. Sprich, die Schulen sollen pro Schüler einen bestimmten Betrag erhalten. So tragen die Schulleitungen mehr Eigenverantwortung und können unternehmerisch denken und handeln. So können sich Schulen profilieren und attraktiv sein.

In den letzten Jahren haben moderne Lehrmethoden wie antiautoritärer Unterricht und die Abschaffung des Frontalunterrichts zugunsten von Gruppenarbeiten in Schweizer Schulen Einzug gehalten. Was halten Sie davon?

Ich stehe eher auf der konservativen Seite. Mit den bisherigen Unterrichtsmethoden haben wir gute Erfahrungen gemacht. Ich stelle fest, dass Schüler vor allem Lehrerpersonen schätzen, die ihnen Leistung abverlangen.

Autoritäre Lehrer kommen bei Schülern also besser an als ihre Laissez-faire-Kollegen?

Ich denke, ja. Das sind Lehrer, die ihre Schüler fordern, ihnen aber auch etwas bieten. Experimenten wie zum Beispiel sogenannten Lernlandschaften, in denen mehrere Lehrerpersonen im Grossklassenzimmer gleichzeitig unterrichten und Schüler selbstständig arbeiten, stehe ich eher skeptisch gegenüber.

Eine neue Untersuchung der London School of Economics hat gezeigt, dass seit in Finnland Lehrer nicht mehr autoritär und dominierend sind, die Leistung der Schüler zurückgeht.

Das ist eine spannende Untersuchung, die in die bildungspolitische Diskussion miteinfliessen muss. Es ist sicher ein Trugschluss zu glauben, dass Schüler nur an einer Wohlfühlschule Spass am Lernen haben. Die grössere Befriedigung ist es, wenn man am Ende des Tages das Gefühl hat, etwas geleistet und erreicht zu haben. Erfolg macht die Schüler glücklicher als vom Leistungsdruck verschont zu bleiben.

Wird sich diese «Generation der Wohlfühlschüler» auf dem Markt gegenüber den leistungsorientierten Asiaten überhaupt noch behaupten können?

Wir müssen gar nicht so weit gehen. Bereits in der Lehre sind die Ansprüche der Lehrmeister hoch. Die wachsende Quote von Lehrabbrüchen mag ein Hinweis darauf sein, dass manche Lehrlinge vielleicht noch etwas leistungsbereiter sein könnten. Wir brauchen dringend gute Berufsleute und Fachkräfte.

Monica Gschwind (FDP).

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