Aktualisiert 27.08.2012 14:03

Totenkult in IndonesienLiebling, hol die Leichen aus dem Keller

Alle Jahre wieder holen die Toraja, die in Indonesien leben, ihre verstorbenen Verwandten aus den Gräbern, um ihre Kleidung zu putzen und zu striegeln. Das Totenritual ist weltweit wohl einmalig.

von
phi

In Indonesien, genauer gesagt im Süden der Insel Sulawesi, lebt die Volksgruppe der Toraja. Obwohl es unter ihnen auch Christen und Muslime gibt, ist ein Grossteil der rund 650 000 Menschen Anhänger einer polytheistischen Naturreligion namens Aluk. Diesem Glauben zufolge kamen die Urahnen des Volkes über eine Treppe aus der Überwelt, dem Himmel, in die Welt der Menschen.

Nachdem das Volk von den Niederländern Anfang des 19 Jahrhunderts missioniert worden war, nahmen die Christen nicht mehr an den Ritualen der Aluk-Anhänger teil. Es war ihnen allerdings gestattet, die Beisetzungen zu besuchen – und die sind bei den Toraja besonders wichtig. Die Menschen sehen den Tod nicht als abruptes Ende an. Sie glauben, dass die Seelen der Toten langsam ihren Weg in die Unterwelt «Puya» antreten, wenn die Beerdigung vorbei ist. Und das kann – je nach sozialem Status – Wochen dauern.

Aufwändige Beerdigungen

Die Toraja veranstalten richtige Totenfeste, bei denen musiziert und Lieder gesungen werden. Wasserbüffel werden geopfert, die der Seele auf der Reise ins Puya als Reittier dienen sollen. Auch Schweine werden geschlachtet, die teilweise von den Trauergästen als «Geschenk» überreicht werden. Tatsächlich müssen die Hinterbliebenen diese aber zurückzahlen: Umsonst ist das Präsent also nicht wirklich. Abgerundet wird das Ritual durch mindestens 25 Hahnenkämpfe («bulangan londong»), die als heilig gelten, weil dabei Blut auf die Erde fliesst.

Das ungewöhnlichste Totenritual findet jedoch statt, wenn die Leichen schon lange liegen. Einmal jährlich werden diese aus ihren Gräbern, Gruften und Grotten geholt, um ihre Kleidung zu säubern und womöglich zu ersetzen. Das «Ma 'Nene'» findet immer im August statt. Familie und Freunde behandeln den leblosen Körper dabei so, als würde die Person noch leben.

Darum werden die Leichen herausgeputzt

Der Brauch geht auf einen Jäger namens Pong Rumasek zurück. In einem Wald beim Berg Balla entdeckte er vor langer Zeit eine verlassene, verweste Leiche. Ihr Zustand bekümmerte den Jäger, so dass er ihr seine Kleider anlegte und sie umbettete. Von da an hatte Pong Rumasek bei seiner Arbeit stets grosses Glück. Die Tiere liefen ihm gleich herdenweise vor Pfeil und Bogen. Und damit nicht genug: Zuhause waren seine Reisfelder plötzlich erntereif. Seither, so die Legende, pflegen die Toraja das «Ma 'Nene'»-Ritual.

Es hat im Prinzip von seiner Wunderwirkung nichts verloren: Zwar sorgt es nicht unbedingt für grössere Jagd- oder Felderträge, doch heute kommen dafür scharenweise Touristen auf die Insel, wenn wieder die Zeit für die Verschönerung Verstorbener ist. Die Tradition erfüllt nach wie vor ihren Zweck.

Ähnliche Tradition in Madagaskar

Die Totenumwendungsfeier in Madagaskar erinnert an die Tradition der Toraja in Indonesien. Bei der Totenumwendungsfeier werden die gesamte Familie und das Dorf des verstorbenen eingeladen. Die Feier beginnt am Morgen mit Tanz und Musik, die Überreste des Toten werden aus dem Grab geholt. Die Leiche bekommt ein frisches Leichentuch und wird durch das Dorf getragen, dabei werden dem Toten die neuesten Nachrichten aus dem Dorfleben erzählt.

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