Ungesund, kontraproduktiv: «Light-Getränke machen Dicke dicker»
Aktualisiert

Ungesund, kontraproduktiv«Light-Getränke machen Dicke dicker»

Bei hohen Temperaturen vertrauen viele für eine Last-Minute-Bikini-Figur auf kalorienarme Getränke. Ein Trugschluss, sagt Lebensmittelchemiker Udo Pollmer.

von
Fee Riebeling
Softdrinks ohne Zucker gaukeln vor, gesünder zu sein und schlank zu machen.

Softdrinks ohne Zucker gaukeln vor, gesünder zu sein und schlank zu machen.

Für Abnehmwillige sind Light- und Zero-Getränke ohne Zucker ein Heilsversprechen. Sie sollen schlank machen und sogar gesünder sein als klassische Softdrinks. Doch wissenschaftliche Studien kommen seit Jahren zu anderen Ergebnissen. Demnach können die kalorienreduzierten Getränke die Zähnen schädigen und Krebs fördern. Forscher um Hannah Gardener von der Columbia Universität in New York meldeten gar, dass bei täglichem Konsum das Risiko eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls um 48 Prozent steigt. Auch zum Abnehmen taugen sie kaum, wie Udo Pollmer vom Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften erklärt.

Herr Pollmer, was halten Sie von Süssstoffen in Getränken?

Udo Pollmer: Es ist eine Täuschung des Gaumens. Süssstoffe haben mit Nahrung so viel zu tun wie eine Gummipuppe mit einer echten Frau.

Kann man denn so einfach Zucker gegen Süssstoffe austauschen?

Meist werden mehrere Süssungsmittel miteinander kombiniert, um einen besseren Geschmack zu bekommen. Zucker bringt aber nicht nur Süsse, sondern auch «Mundgefühl». Ist viel Zucker drin, erhalte ich einen zähflüssigen Sirup. Softdrinks sind deshalb etwas dickflüssiger als Wasser. Das schmeckt man. Deshalb muss auch das Mundgefühl durch Zusätze eingestellt werden. Der Beschiss auf der Zunge erfordert viel technisches Know-how.

Wie steht es um die Nebenwirkungen?

In puncto Zahngesundheit gibt es keine Unterschiede zum normalen Softdrink. Die darin enthaltene Säure greift den Zahnschmelz an und davon ist in beiden Varianten etwa genauso viel drin. Problematischer ist der Glaube vieler Konsumenten, dass sie mit Hilfe dieser Getränke abnehmen können. Aber das klappt meist nicht. Wer zur Korpulenz neigt, wird tendenziell dicker.

Wie kommt das?

Das hat zwei Gründe. Der eine ist, dass der Körper die kalorische Zufuhr misst. Denn er muss ja irgendwie seinen Hunger regeln. Konsumiert man Light- oder Zero-Getränke, dann signalisiert der Gaumen: Gleich gibt es Zucker, also Energie. Daraufhin wird etwas Insulin ausgeschüttet. Weil das Versprochene aber nicht kommt, wird der Appetit verstärkt und der Hunger wächst. Denn der Körper will sich die fehlenden Kalorien holen. Das ist gut für den Handel, denn so generiert er mehr Umsatz.

Was ist der zweite Grund?

Der Körper braucht die Energie, um vor allem die Organe auf der Betriebstemperatur von 37 Grad Celsius zu halten. Weil die Innereien bei dünnen Personen wegen der nicht vorhandenen Fettschicht nicht so gut isoliert sind, muss der Körper zusätzliche Energie aufbringen, um diese warm zu halten - sie nehmen ab. Bei Übergewichtigen ist das anders: Deren Organe sind durch die Fettschicht ausreichend isoliert und müssen daher kein zusätzliches Fett verbrennen. Deshalb nehmen sie zu. Das zeigt sich auch darin, dass natürliche und naturidentische Süssstoffe in der EU als Hilfsmittel in der Tiermast zugelassen sind - und zwar ausdrücklich zum Fattening (Mästen).

Sollte man also besser zu normalen Softdrinks greifen?

Wenn Sie eine Cola trinken wollen, dann trinken Sie lieber eine echte. Aber es fällt niemand tot um, nur weil er ein kalorienreduziertes Produkt zu sich nimmt. Die Geschmäcker sind verschieden. Wer Gummipuppen mag, soll sie sich kaufen.

Udo Pollmer

Der Lebensmittelchemiker ist wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften und Autor von Fachbüchern zum Thema Ernährung. Er war massgeblich am Aufbau des Deutschen Zusatzstoffmuseums in Hamburg beteiligt.

Überprüfen, was drinsteckt

Lebensmittelexperten empfehlen, auf Produkte mit künstlichen Süssstoffen zu verzichten. Wer wissen will, ob sich diese in seinem Getränk oder Nahrungsmittel verstecken, dem hilft die Codecheck-Website beziehungsweise -App (iOS und Android). Dafür muss man nur den Barcode eines Produkts einscannen. Sekunden später erhält man eine detaillierte Übersicht. Neben Infos über die Gefährlichkeit der Inhaltsstoffe erfährt man auch, ob und welche gesünderen Alternativen es gibt.

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