27.06.2020 02:54

Alfred Escher und Co.

Linke wollen «Friedhof» für «rassistische» Denkmäler errichten

Durch die Black-Lives-Matter-Bewegung ist auch die Diskussion über Statuen aus der Kolonialzeit neu entbrannt. Die Alternative Linke (AL) der Stadt Bern will diese nun auf einem Abstellplatz für Denkmäler entsorgen.

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Tabea Rai, Stadträtin der Alternativen Linken (AL), wünscht sich einen «Ballenberg der Denkmäler» auf der Berner Allmend.

Foto: Franziska Rothenbühler

Tabea Rai, Stadträtin der Alternativen Linken (AL), wünscht sich einen «Ballenberg der Denkmäler» auf der Berner Allmend.

Foto: Franziska Rothenbühler

Ins Visier der Antirassismus-Proteste gerieten etwa die Statuen von Eisenbahnpionier Alfred Escher am Zürcher Hauptbahnhof…

Michele Limina

Ins Visier der Antirassismus-Proteste gerieten etwa die Statuen von Eisenbahnpionier Alfred Escher am Zürcher Hauptbahnhof…

Michele Limina

… oder von Bankier David de Pury in Neuenburg.

… oder von Bankier David de Pury in Neuenburg.

Leandre Duggan/KEYSTONE

Darum gehts

  • Die Alternative Linke (AL) will Denkmäler, die im Zuge der Antirassismusproteste in Verruf geraten sind, auf einem Abstellplatz entsorgen.
  • Dazu gehören unter anderem Eisenbahnpionier Alfred Escher und Bankier David de Pury.
  • Ein solcher Denkmalpark würde für eine kritische Aufarbeitung der Schweizer Kolonialgeschichte sorgen und ausserdem Touristen anziehen, glaubt die AL.
  • Erich Hess (SVP) kann der Idee dagegen überhaupt nichts abgewinnen.

Im Zuge der weltweiten Anti-Rassismus-Demonstrationen entflammte jüngst in der Schweiz (nicht zum ersten Mal) die Diskussion, ob wir eine Süssigkeit noch Mohrenkopf nennen dürfen oder nicht. Doch nicht nur das: Auch historische Statuen wurden wegen ihrer kolonialen Vergangenheit zum Ziel der Proteste. So wurde unter anderem gefordert, die Standbilder von Eisenbahnpionier Alfred Escher oder Bankier David de Pury vom Sockel zu stürzen oder ins Museum zu stellen. Eschers Familie besass in Kuba eine von Sklaven bewirtschaftete Kaffeeplantage, de Pury erwarb einen Teil seines Vermögens durch Diamanten-, Finanz- und Sklavenhandel am portugiesischen Hof, wie Historiker bestätigten.

Dem antirassistischen Bildersturm will die stadtbernische Alternative Linke (AL) nun zum Durchbruch verhelfen: Auf der Grossen Allmend in Bern will sie einen Abstellplatz für besagte Denkmäler errichten lassen, wo sich Escher, de Pury, Bubenberg und Co. «Gute Nacht sagen» können, wie es in einer Mitteilung der Partei heisst. Mit entsprechenden Infotafeln, so die Überzeugung der AL, könne ein solcher «Ballenberg der Denkmäler» die historische Einordnung und kritische Betrachtung der «verschiedenen Relikte» fördern. Mehr noch: Die Stadt Bern würde eine weitere «touristische Attraktion» erhalten, die nicht nur Gäste aus dem Ausland, sondern auch Schulklassen anziehen würde. Die AL hat gemeinsam mit Juso und PDA eine entsprechende Motion eingereicht.

«Man kann trotzdem ganze Geschichte darlegen»

Doch ist es gerechtfertigt, die Statuen bedeutender Persönlichkeiten, die in ihrem Leben viel Positives geleistet haben, aufgrund ihrer Verbindungen zur Kolonialgeschichte in eine Art Freilichtmuseum der Rassisten zu verbannen? Es gehe nicht darum, gute und schlechte Taten der Protagonisten gegeneinander auszuspielen, sagt AL-Stadträtin Tabea Rai. Jedoch müsse thematisiert werden, warum diese zu Geld und Einfluss gekommen seien – unter anderem eben durch den Sklavenhandel. «Man kann ja trotzdem die gesamte Geschichte dieser Personen darlegen», sagt Rai. Was allerdings nichts daran ändert, dass der Denkmalpark unter dem übergeordneten Aspekt der kolonialen Vergangenheit stehen würde.

Dass Debatten über Dessert-Bezeichnungen, Namen von Gaststätten oder eben Denkmäler dem Kampf gegen den Alltagsrassismus mehr schaden als nützen könnten, glaubt Rai nicht: «Sie zeigen letztlich auf, wie tief Rassismus bewusst und unbewusst in der Gesellschaft verankert ist.» Die Arbeit an Begrifflichkeiten und die Ergründung der Schweizer Kolonialgeschichte könnten zu mehr Bildung und Verständnis in der Gesellschaft führen, glaubt die in Indien geborene Stadträtin.

«Historische Personen nicht mit heutigen Massstäben messen»

Als «absolute Frechheit» betitelt dagegen SVP-Nationalrat Erich Hess den Vorschlag der AL. «Man kann historische Personen und Epochen nicht mit heutigen Massstäben messen», sagt er. Menschen wie Alfred Escher hätten enorme Leistungen vollbracht, und es dürfe nicht sein, dass man all dies einfach verkenne. Nach Ansicht von Hess hat die Schweiz «grundsätzlich nichts zu tun mit Kolonialismus», da sie ja auch keine Kolonien gehabt habe. «Daher haben wir uns nichts vorzuwerfen.»

Während sich der SVP-Politiker klar gegen die Idee eines Denkmalparks in Bern ausspricht, hätte er grundsätzlich nichts gegen das Anbringen von Infotafeln, die auf die Verbindung von Escher und Co. zur Kolonialgeschichte verweisen: «Solange die Statuen am jeweiligen Ort bleiben, ist mir das egal. Ob ein solcher Verweis angebracht wird, soll aber immer der Eigentümer entscheiden können.»

(sul)

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