«Links gehen - Gefahr sehen» gilt nicht immer

Aktualisiert

«Links gehen - Gefahr sehen» gilt nicht immer

Der Grundsatz «links gehen - Gefahr sehen» gilt laut Bundesgericht nicht in jedem Fall. Das Aargauer Obergericht hat einem Fussgänger, der rechts neben der Fahrbahn angefahren wurde, zu Unrecht 10 Prozent des Unfallschadens aufgebürdet.

Der Mann war im Dezember 2000 auf einem schmalen Kiesstreifen rechts neben der nach Küttigen AG führenden Benkenstrasse spaziert. Er wurde von einem Auto erfasst und schwer verletzt. Das Aargauer Obergericht entschied im vergangenen Mai, dass der Autofahrer 90 und das Opfer 10 Prozent des Unfallschadens zu tragen hätten.

Leichtes Selbstverschulden

Es war zum Schluss gekommen, dass den Fussgänger ein leichtes Selbstverschulden treffe, weil er mangels Trottoir nicht auf der linken Strassenseite gegangen sei, wie vom Strassenverkehrsgesetz (SVG) vorgeschrieben. Auf jeden Fall hätte er den im Volksmund bekannten Grundsatz «links gehen - Gefahr sehen» beachten müssen.

Das Bundesgericht hat dieser Auffassung nun widersprochen und die Berufung des Verletzten gutgeheissen. Die Regel von Artikel 49 SVG gelte nur bei Benutzung der Fahrbahn selber, was hier nicht der Fall gewesen sei, hielt es fest. Auch eine Missachtung des Slogans «links gehen - Gefahr sehen» könne ihm nicht vorgeworfen werden.

Rechts besser geschützt

Nach dem Willen des Gesetzgebers sollte diese ins SVG aufgenommene Regel nicht unter allen Umständen gelten. Vielmehr sollte Fussgängern die Freiheit belassen werden, allenfalls rechts zu gehen, wenn sie dort besser geschützt seien, etwa weil links eine Mauer oder ein Graben vorhanden und rechts die Flur frei sei.

Im konkreten Fall könne dem Fussgänger nur vorgeworfen werden, dass er zu nahe am rechten Fahrbahnrand unterwegs gewesen sei. Diese Teilschuld betrage aber deutlich weniger als 10 Prozent und dürfe daher bei der Schadensverteilung nicht berücksichtigt werden.

(Urteil 4C.212/2005 vom 11. Oktober 2006; BGE-Publikation)

(sda)

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