Lipstick Index: Deuten mehr Lippenstift-Verkäufe auf eine Krise hin?

In Krisenzeiten schnellen die Verkaufszahlen von Lippenstift in die Höhe – Experten bezeichnen das Phänomen als Lipstick Index.

In Krisenzeiten schnellen die Verkaufszahlen von Lippenstift in die Höhe – Experten bezeichnen das Phänomen als Lipstick Index.

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WikrtschaftskriseWarum der aktuelle Lippenstift-Boom nichts Gutes bedeutet

Hast du schon mal vom Lippenstift-Index gehört? Der Beauty-Liebling und seine Absatzzahlen sollen einiges über die aktuelle Wirtschaftslage aussagen.

von
Malin Mueller

Egal, ob Krankenkassenprämien, Strom, Gas oder Lebensmittel: Die Preise steigen gerade überall, viele Schweizerinnen und Schweizer müssen den Gürtel aktuell enger schnallen. Man sollte meinen, die Verkaufszahlen von Dingen, die nicht unbedingt nötig sind, sinken zuerst. Doch ein Produkt zeigt sich unbeeindruckt von Krisenzeiten und bricht stattdessen Rekorde: der Lippenstift. Das Phänomen dahinter nennt sich Lipstick Index.

Worauf würdest du auch in schlechten Zeiten nie verzichten?

Das ist der Lipstick Index

Seinen Namen verdankt der Lipstick Index dem US-amerikanischen Geschäftsmann Leonard Lauder. Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 stellte der damalige CEO der Estée-Lauder-Gruppe fest, dass plötzlich merklich mehr Lippenstifte verkauft wurden, und benannte den Effekt.

Neu ist er da aber nicht. Schon in der Grossen Depression, der schweren Wirtschaftskrise in den USA Anfang der 1930er-Jahre, setzten mehr Frauen auf Lippenstift. Die Finanzkrise in den USA zwischen 2008 und 2009 zeigte ein ähnliches Bild. Sogar im Krieg und in Gefängnissen tragen Frauen Lippenstift – Männer kaufen in schweren Zeiten hingegen mehr Parfüm.

Gerade während Krisen und wirtschaftlich schwieriger Zeiten wird mehr Lippenstift gekauft. 

Gerade während Krisen und wirtschaftlich schwieriger Zeiten wird mehr Lippenstift gekauft. 

Pexels/Tima Miroshnichenko

Die Annahme dahinter: Wenn das Geld für teure Autos, Kleider oder Reisen fehlt, dient eine kleinere Anschaffung als Ausgleich. Lippenstift ist ein sichtbares Luxusgut, das nicht direkt ein Loch ins Portemonnaie reisst. Prof. Dr. Jörg Funder von der Hochschule Worms erklärt gegenüber der «Tagesschau»: «Der Lippenstift-Effekt steht heute dafür, dass Menschen sich auch in Krisensituationen etwas Gutes tun wollen.» Er dient also als Belohnung, hilft dabei, im Chaos ein Stückchen Normalität zu bewahren … und ist dementsprechend gerade wieder im Kommen.

Lippenstift-Hoch als Kristallkugel?

Bei unseren Nachbarn in Deutschland stieg der Verkauf von Kosmetikprodukten wie Lippenstiften, Make-up und Nagellack von 2021 bis 2022 um knapp 16 Prozent an, bei Pflege- und Reinigungsproduken ist es dagegen nicht mal ein Prozent. Nach Angaben des Marktforschungsinstituts GfK kauften im vergangenen Jahr etwa acht Millionen Menschen in Deutschland einen Lippenstift – ganze zwei Millionen mehr als 2021.

Auch Daten aus den USA zeigen, dass der Umsatz von Lippenprodukten im zweiten Quartal 2022 um 28 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist. Gloss, Balms und Stifte sind damit die am stärksten wachsende Make-up-Kategorie. Selbst als der Ukraine-Krieg ausbrach, brachen die Verkäufe nicht ein. Immer wieder taucht daher die Frage auf, ob ein Anstieg bei den Lippenstift-Verkäufen Krisenzeiten sogar vorhersagen kann.

Als Vorhersage für Krisen kann der Lipstick Index nicht dienen. 

Als Vorhersage für Krisen kann der Lipstick Index nicht dienen. 

Pexels/Cottonbro Studio

Dem ist allerdings nicht so. Der Anstieg folgt jeweils erst, wenn die Krise bereits begonnen hat. Bei der Corona-Pandemie kommt hinzu, dass die Lippen mehr als ein Jahr hinter Masken versteckt waren und plötzlich wieder gesehen werden. Statt eines Indikators für schlechte Zeiten sind sie damit vielleicht einfach ein Beweis dafür, dass etwas Normalität dabei helfen kann, in Krisen einen kühlen Kopf zu bewahren.

Welchen kleinen Luxus gönnst du dir gerne als Stimmungsaufheller?

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