Kreditwürdigkeit: Lob für Zürich, Schelte für Jura und Neuenburg
Aktualisiert

KreditwürdigkeitLob für Zürich, Schelte für Jura und Neuenburg

Was die grossen Ratingagenturen für internationale Konzerne und Staaten machen, analysiert die Credit Suisse bei den Kantonen. Absteiger bei den Bonitätsnoten sind Jura und Neuenburg.

von
S. Spaeth
Die meisten Schweizer Kantone stehen finanziell gut da und übertrafen 2011 ihre Budgets. Zwanzig Kantone erzielten einen Überschuss, nur sechs ein Defizit.

Die meisten Schweizer Kantone stehen finanziell gut da und übertrafen 2011 ihre Budgets. Zwanzig Kantone erzielten einen Überschuss, nur sechs ein Defizit.

Wenn die amerikanischen Ratingriesen einem Staat die Bonitätsnoten stutzen, schwitzt der Finanzminister. Für ihn steigen dann nämlich die Kosten für neue Kredite. Ähnliche Analysen wie Standard & Poor's oder Moody's machen auch die Spezialisten der Credit Suisse. In ihrem neusten Kredithandbuch beurteilen sie die Bonität von Kantonen und wichtigen Schweizer Firmen. Unter die Lupe genommen werden unter anderem die Verschuldung pro Kopf, der Eigenfinanzierungsgrad und die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung.

Die grossen Verlierer und neu auch die Schlusslichter in der CS-Bonitätsbewertung sind die Kantone Jura und Neuenburg. Beide tragen neu noch lediglich die Note «High A». Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine Stufe weniger. In die Gruppe ganz am Ende der Rangliste gehören auch die Kantone Tessin (High A – Ausblick stabil) und Genf.

Im bonitätsmässig abgestraften Kanton Jura betrug die Verschuldung der öffentlichen Hand Ende 2011 pro Kopf 6089 Franken, in Neunburg sogar 8339 Franken. Noch viel schlimmer ist die Situation in Genf: Hier beträgt der Schuldenberg sogar 30 242 Franken pro Bewohner – und trotzdem ist Genfs Bonitätsnote leicht besser: «Jura und Neuenburg sind zwar von ihrer Finanzkraft stärker, haben aber wegen ihrer Strukturschwäche wenig Möglichkeiten, dass sich ihre Situation verbessert», sagt CS-Kreditanalyst Daniel Rupli.

Gefahr wegen Pensionskassen

Auf die Bonität der Kantone drückt auch die Unterdeckung der staatlichen Pensionskassen. Über alle Kantone gerechnet beträgt das Defizit 28 Milliarden Franken. «Müssen die Kassen dereinst saniert werden, könnten die Ratings unter Druck kommen», folgert Rupli. Beim Kanton Jura beispielsweise beträgt das Loch 618 Millionen Franken, bei Neuenburg sind es rund zwei Milliarden, bei Genf sogar 6,6 Milliarden Franken. Doch auch hier ist nicht die absolute Zahl entscheidend: Der Kanton Genf, dessen Verschuldung über die letzten Jahre abgenommen hat, könnte eine Sanierung seiner Pensionskasse laut Rupli viel besser stemmen als Jura oder Neuenburg.

Aufsteigerin in der neusten kantonalen Bonitätsbewertung ist die Waadt. Der rund 720 000 Einwohner zählende Kanton konnte sein Rating um eine Stufe auf «High AA» erhöhen. Grund dafür sind unter anderem eine starke finanzielle Entwicklung in den letzten Jahren sowie eine überdurchschnittliche Bevölkerungszunahme kombiniert mit einem Wachstum bei den hohen Einkommen.

Auch schlechte Kantone stehen gut da

Insgesamt hat sich die Kreditqualität der Kantone im Vergleich zum Vorjahr nicht gross verändert. Die meisten Kantone übertrafen ihre Budgets, zwanzig erzielten einen Überschuss, nur sechs ein Defizit. Spitzenreiter und mit einer Triple-A-Bonität ausgerüstet sind weiterhin die Kantone Appenzell Ausserrhoden, Zug und Zürich.

Obwohl Neunburg, Jura und Tessin mit ihren A-Noten gegenüber dem Triple-A der Zürcher, Zuger, Schwyzer und Appenzeller etwas abfallen, sind auch die Bonitätsnoten der Schlusslichter vergleichsweise gut. «Sie würden im vordersten Teil abschneiden», sagt Rupli, sofern man alle rund neunzig im CS-Kredithandbuch bewerteten Institutionen als Vergleich beizieht. Mit gleich guten Bonitätsnoten wie die schlechtesten Kantone schneiden nämlich die Vorzeigefirmen Migros oder Lindt & Sprüngli ab. Auch ihre Note ist ein «High A». Besser – und zwar mit einem «Mid AA» bewerten die Analysten der CS die Pharma-Riesen Novartis und Roche sowie den Nahrungsmittelgiganten Nestlé.

Die Bonitätsnoten auf einen Blick

Credit SuisseStandard & Poor'sMoody'sAAAAAAAaaHigh AAAA+Aa1Mid AAAAAa2Low AAAA-Aa3High AA+A1Mid AAA2Low AA-A3High BBBBBB+Baa1Mid BBBBBBBaa2Low BBBBBB-Baa3High BBBB+Ba1Mid BBBBBa2Low BBBB-Ba3

Strom Branche muss Federn lassen

Die meisten Schweizer Unternehmen konnten ihre Position in der bestehenden Ratingkategorie halten. Grosse Ausnahme bildet der Schweizer Energieversorgungssektor. So wurden das Rating von Alpiq um zwei Stufen (auf Low A) und jenes der BKW um Stufe (auf High A) gesenkt. Das zog auch die Tochterunternehmer der Strom-Giganten in Mitleidenschaft. Total verzeichnet die Branche zehn Rückstufungen. Die CS führt diese Entwicklung u.a. auf gesunkene Erträge in der Strombranche zurück.

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