Aktualisiert 20.05.2020 07:40

Coronakrise

Lockdown löste bei jedem Fünften depressive Symptome aus

Laut einer neuen Studie der Universität Basel entwickelten 20 Prozent der Befragten im Lockdown schwere depressive Symptome. Viele der Betroffenen hatten vorher keine psychischen Probleme.

von
Bettina Zanni
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Laut der «Swiss Corona Stress Study» der Universität Basel verdreifachte sich in der erhobenen Phase des Lockdown die Häufigkeit von schweren depressiven Symptomen fast.

Laut der «Swiss Corona Stress Study» der Universität Basel verdreifachte sich in der erhobenen Phase des Lockdown die Häufigkeit von schweren depressiven Symptomen fast.

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Der Ausnahmezustand hinterliess in der Psyche einiger Menschen tiefe Spuren.

Der Ausnahmezustand hinterliess in der Psyche einiger Menschen tiefe Spuren.

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20 Prozent der Befragten mit schweren depressiven Symptomen im Lockdown hatten vor der Coronakrise keine oder minimale depressive Symptome, wie CH Media aus der Studie zitiert.

20 Prozent der Befragten mit schweren depressiven Symptomen im Lockdown hatten vor der Coronakrise keine oder minimale depressive Symptome, wie CH Media aus der Studie zitiert.

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Zum Schutz vor der Ansteckungen mit einem gefährlichen Virus sollten alle Menschen zu Hause bleiben: Was wie ein Szenario aus einem dystopischen Film klingt, wurde während der Coronakrise in der Schweiz für rund sieben Wochen Realität. Der Ausnahmezustand hinterliess in der Psyche einiger Menschen tiefe Spuren. Laut der «Swiss Corona Stress Study» der Universität Basel verdreifachte sich in der erhobenen Phase des Lockdown die Häufigkeit von schweren depressiven Symptomen fast.

20 Prozent der Befragten mit schweren depressiven Symptomen im Lockdown hatten vor der Coronakrise keine oder minimale depressive Symptome, wie CH Media aus der Studie zitiert. Bei 80 Prozent verschlimmerte sich eine bereits bestehende depressive Symptomatik. Damit entwickelte jeder Fünfte bedingt durch die Coronakrise überhaupt Symptome.

Übergangsphase könne gefährlich werden

Bei einigen Betroffenen hätten die Symptome sehr rasch zugenommen, innerhalb von rund zwei, drei Wochen nach Beginn des Lockdown, sagt Dominique de Quervain, Neurowissenschafter und Initiator der Studie. Die Symptome könnten nun genauso schnell wieder verschwinden, wie sie aufgetreten seien oder aber chronisch werden.

Dominique de Quervain warnt vor der Übergangsphase. Diese könne für gewisse Menschen erst recht gefährlich werden, da alte Stressfaktoren wie etwa Druck bei der Arbeit wieder eine Rolle spielten, Erholung und soziale Kontakte aber weiterhin eingeschränkt seien. Sollten sich die Symptome nicht bessern, rät er zu professioneller Hilfe. Auch die Stiftung Pro Mente Sana registriert einen markanten Anstieg an Beratungsgesprächen. Laut Geschäftsleiter Roger Staub stammt rund die Hälfte aller Anrufe von Menschen ohne einschlägige psychiatrische Vorgeschichte.

«Leute trauen sich nicht mehr aus dem Haus»

«Es rufen Leute an, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, deren soziale Ängste zunehmen. Die alles desinfizieren müssen, die einen Waschzwang entwickeln», sagt Staub. Knapp ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung sei bereits von einer oder mehreren psychischen Erkrankungen betroffen. Die soziale Isolation und Gefühle von Einsamkeit könnten die negative Spirale oft noch verstärken, bis die Betroffenen keinen Ausweg mehr sähen. Laut Dominique de Quervain zeigt die Studie auch, dass sich die Häufigkeit von Personen mit täglichen Suizidgedanken von 0,8 Prozent vor der Coronakrise auf 1,5 Prozent im Lockdown erhöht und damit fast verdoppelt hat.

Die Kommunikation des Bundes kritisiert Roger Staub gerade für psychisch labile Menschen als nicht immer glücklich. «Bleiben Sie zu Hause» führe bei einigen nun eben auch dazu, dass sie übermässige Angst vor anderen Menschen entwickeln würden. Er rechnet daher mit einer Zunahme von sozialen Phobien und Langzeitfolgen der Coronakrise. Erhoben wurde die Studie zwischen dem 6. und 8. April 2020. Befragt wurden über 10’000 Personen.

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)


Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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38 Kommentare
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Bartli

20.05.2020, 12:46

Widersprüchliche Infos führten zu Unsicherheiten, Waschzwänge waren voraussehbar. Depressionen? Menschen wurden von sich selber permanent abgelenkt. Öffentliche Vergnügen, Wettbewerb, Spass- und Konsumgesellschaft, zich Anlässe. Weiterbildungen, Orientierungslosikeit was Zukunft angeht. Sport? Inzwischen bei einigen Körperwahn. Händyabmachungen vielen weg, virtuelle Freunde sind Fake. Dafür fehlt es uns nicht an Therapeuten, welche bestimmt nicht am Hungertuch nagen werden.

Kopfschüttler

20.05.2020, 12:30

Unsere Gesellschaft muss ja total verweichlicht sein, wenn sowas depressive Symptome auslöst! Was um himmelswillen wäre bei Krieg, Hungersnot und Ähnlichem? Wenn jemand seine Zeit nicht gerne zu Hause verbringt, muss er ein anderes Problem haben. Aber man hat natürlich mit dem Corona-Lockdown nun eine praktische Ausrede.

Nachdenklicher

20.05.2020, 12:17

Wenn jemand depressiv wird, wenn er zu Hause ist, dann hat er wohl ein anderes Problem als der "Lockdown"...... Zu Hause ist's am schönsten. Und im Normalfall ist man leider fast nie da!