Normalisierung im Sommer - Lockerungen sorgen für Konsum-Boom
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Normalisierung im SommerLockerungen sorgen für Konsum-Boom

Der gebeutelten Wirtschaft steht ein vielversprechender Sommer bevor: Mit den Öffnungen geben Konsumenten ihr Geld wieder aus. Der Konsum ist laut Ökonomen einer der Haupttreiber für die baldige Erholung.

von
Pascal Michel
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Drinnen und draussen: Seit Montag dürfen Restaurants wieder mehr Gäste empfangen. Ein Stück Normalität kehrt zurück. 

Drinnen und draussen: Seit Montag dürfen Restaurants wieder mehr Gäste empfangen. Ein Stück Normalität kehrt zurück.

20min/Simon Glauser
«Das Bedürfnis nach Konsum und Normalität ist sehr gross». Mitte-Nationalrat, Bierbrauer und Gastro-Suisse-Mitglied Alois Gmür stellt fest, dass viele Leute in die Restaurants gehen und auch gerne ein grosszügiges Trinkgeld geben. 

«Das Bedürfnis nach Konsum und Normalität ist sehr gross». Mitte-Nationalrat, Bierbrauer und Gastro-Suisse-Mitglied Alois Gmür stellt fest, dass viele Leute in die Restaurants gehen und auch gerne ein grosszügiges Trinkgeld geben.

PARLAMENTSDIENSTE

Auch die Bindella-Gruppe ist positiv gestimmt: «In den kommenden Tagen und am Wochenende ist die Nachfrage insbesondere bei online Reservation gross», heisst es auf Anfrage.


Auch die Bindella-Gruppe ist positiv gestimmt: «In den kommenden Tagen und am Wochenende ist die Nachfrage insbesondere bei online Reservation gross», heisst es auf Anfrage.

Andrea Zahler / Tamedia AG

Darum gehts

  • Am Montag konnte sich die Schweiz über weitere Lockerungen freuen.

  • Ökonomen sind zuversichtlich: Die Wirtschaft dürfte sich bald erholen.

  • Ein wichtiger Treiber ist dabei der private Konsum.

Ein kühles Feierabendbier auf der sonnigen Restaurant-Terrasse oder ein gediegenes Abendessen im Restaurant: Seit Montag kehrt in der Gastronomie der Alltag zurück. «Das Bedürfnis nach Konsum und Normalität ist sehr gross», sagt Mitte-Nationalrat, Bierbrauer und Gastro-Suisse-Mitglied Alois Gmür. Die Bier-Bestellungen hätten stark angezogen.

«Ich rechne damit, dass wir bald wieder das Niveau von 2019 erreichen.» Gmür stellt fest, dass die Leute derzeit gerne «mal ein Glas mehr trinken oder das Trinkgeld grosszügiger aufrunden». So auch er: «Ich gebe bei 8 Franken eine Zehnernote, früher hätte ich wohl auf 9 Franken aufgerundet.»

Mehr Trinkgeld und mehr Restaurant-Besuche

Ähnlich positiv tönt es bei der Bindella-Gruppe: «In den kommenden Tagen und am Wochenende ist die Nachfrage insbesondere bei Online-Reservation gross», heisst es auf Anfrage. Zudem spüre man beim Trinkgeld oder bei erneuten und häufigen Besuchen eine grosse Solidarität.

Vor den Sommerferien hat der Bundesrat noch einen weiteren Lockerungsschritt in Aussicht gestellt. Und mit dem geplanten Covid-Zertifikat steht den Sommerferien nichts im Wege. Die Konjunkturforscher der ETH Zürich rechnen deshalb damit, dass sich die Konsumausgaben im zweiten und dritten Quartal normalisieren werden. Grosse Nachfrage gebe es bei Gütern wie Schuhen oder Kleidern, aber auch im Gastrobereich (siehe Box). Wie letzten Sommer sei dort «mit einer raschen Belebung zu rechnen», heisst es in der Prognose.

Normalisierung im Sommer

Im Jahr 2021 wird der private Konsum um drei Prozentpunkte zulegen, im Jahr 2022 gar um 5,7 Prozentpunkte. Laut Jan-Egbert Sturm, Professor für Wirtschaftsforschung an der ETH Zürich und Taskforce-Mitglied, trägt der private Konsum massgeblich zur «wirtschaftlichen Wiederbelebung» bei. «Zu Beginn, wenn die Öffnungen neu und aufregend sind, wird sich ein Nachholbedarf zeigen», sagt er zu 20 Minuten. Die meisten hätten dafür auch entsprechend Geld gespart, das sie nun ausgeben.

Sturm rechnet dann jedoch mit einer Normalisierung des Konsumverhaltens. «Den verpassten Restaurantbesuch vom Februar werden die meisten Leute nicht nachholen, sie werden einfach wieder zu ihrer Routine zurückkehren.» Daneben gebe es Konsumentinnen und Konsumenten, die sich an weniger Ausgaben gewöhnt hätten. Sturm geht aber davon aus, dass die Mehrheit dieser Gruppe ihren Konsum langsam wieder auf Vorkrisenniveau hochfahren wird.

Situation auf dem Arbeitsmarkt bleibt angespannt

Wirtschaftlich gebe es Grund zur Hoffnung, so der Experte: «Die Öffnungen im Inland und der Konsum schaffen Arbeitsplätze, und vom anstehenden nationalen und europäischen Sommertourismus kann die Schweiz ebenfalls profitieren.»

Doch dem prognostizierten Konsum-Boom steht auch ein bremsender Faktor gegenüber: Weil die Kurzarbeit ausläuft, droht eine Konkurswelle, die bisher durch staatliche Hilfen verzögert worden ist. Während also auf der einen Seite neue Stellen geschaffen werden, drohen durch notwendige Strukturanpassungen andere verloren zu gehen. Laut KOF-Prognose bleibt die Lage auf dem Arbeitsmarkt bis Ende 2021 angespannt.

Pascal Pfister von der Schuldenberatung Schweiz rät, sich jetzt durchaus etwas zu gönnen – dabei aber das eigene Budget für die neue Normalität zu überprüfen. «Leute im Mittelstand, die sich wieder etwas leisten wollen, sollten sich fragen: Wofür habe ich im Shutdown Geld gebraucht – und wo will ich jetzt Prioritäten setzen?» Zwar gebe es einige, die Erspartes nun sorgenfrei ausgeben könnten. Aber wer im Shutdown nicht gespart, sondern sein Geld einfach anderweitig ausgegeben habe und nun daneben wieder gleich wie vor Corona konsumieren wolle, der könne in die roten Zahlen rutschen, sagt Pfister.

Er betont, dass gerade die unteren Einkommensklassen im letzten Jahr kaum etwas auf die Seite legen konnten. «Die Kurzarbeit hinterlässt deutliche Spuren am Ende des Monats.» Ein Treiber der Verschuldung sei die Normalisierung des Konsums aber nicht: «Das grösste Problem bleiben die Steuer- oder Krankenkassenschulden.»

Diese Branchen erholen sich

  1. Gastro und Hotels +9,2 Prozent

  2. Freizeit und Kultur +7,2 Prozent

  3. Verkehr +6,2 Prozent

  4. Möbel, Innenausstattung +3,3 Prozent

  5. Bekleidung und Schuhe +3,2 Prozent Ausgewählte Bereiche 2021, im Vergleich zum Vorjahr; Quelle: KOF, Konsumausgaben der privaten Haushalte

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