Shutdown trotz tieferer Zahlen: Lockerungs-Turbos gehen auf Covid-Taskforce los
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Shutdown trotz tieferer ZahlenLockerungs-Turbos gehen auf Covid-Taskforce los

Raus aus dem Shutdown oder rein in die dritte Welle? Um die Corona-Massnahmen tobt ein Richtungsstreit. Im Zentrum der Debatte: die Taskforce und deren Modelle.

von
Daniel Waldmeier
Leo Hurni
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Martin Ackermann, Präsident der Taskforce, erläutert, wieso es aus Sicht der Wissenschaftler trotz sinkender Fallzahlen strenge Massnahmen braucht. 

Martin Ackermann, Präsident der Taskforce, erläutert, wieso es aus Sicht der Wissenschaftler trotz sinkender Fallzahlen strenge Massnahmen braucht.

Screenshot BAG
Der Gewerbeverband und die SVP drängen trotz der Ausbreitung neuer Virusvarianten auf Lockerungen.

Der Gewerbeverband und die SVP drängen trotz der Ausbreitung neuer Virusvarianten auf Lockerungen.

20min/Michael Scherrer
SVP-Nationalrätin Esther Friedli will die regelmässigen Pressekonferenzen mit Auftritten von Taskforce-Mitgliedern abstellen.

SVP-Nationalrätin Esther Friedli will die regelmässigen Pressekonferenzen mit Auftritten von Taskforce-Mitgliedern abstellen.

esther-friedli.ch

Darum gehts

  • Die Covid-Taskforce weist öffentlich auf die Gefahr einer dritten Corona-Welle hin, die von mutierten Virusvarianten ausgehe.

  • Das ist den Befürwortern eines raschen Lockdown-Endes ein Dorn im Auge. Sie verweisen auf die insgesamt sinkenden Fallzahlen.

Bald muss der Bundesrat entscheiden, ob er den Lockdown über den 28. Februar hinaus verlängert. Der Gewerbeverband und die SVP drängen trotz der Ausbreitung neuer Virusvarianten auf Lockerungen: In Zeitungsinseraten fordert die SVP die Regierung auf, die «Lockdown-Hysterie» zu beenden. Die Partei zeigt Bürger hinter Gittern, eingesperrt von behördlichen Massnahmen.

Die Befürworter eines Lockdown-Endes verweisen auch auf die positive Entwicklung der Corona-Lage in den letzten Wochen. So waren die Fallzahlen und die Spitaleintritte in den vergangenen Tagen rückläufig, die Positivitätsrate fiel auf rund fünf Prozent – Werte darunter deuten laut der WHO darauf hin, dass ein Land die Pandemie unter Kontrolle hat.

Die Pandemie in der Pandemie

Die wissenschaftliche Covid-Taskforce des Bundes liess dennoch durchblicken, dass sie die Corona-Massnahmen nicht fallen lassen würde. «Man muss unter die Oberfläche schauen, um die Pandemie zu verstehen», sagte deren Präsident Martin Ackermann diese Woche. So sänken die Fallzahlen, weil die Fälle mit den alten Virusstämmen unter den aktuellen Massnahmen rückläufig seien.

Gleichzeitig verbreite sich aber die neue Variante B 1.1.7, da sie eine um schätzungsweise 50 Prozent höhere Übertragungsrate habe. Dazu präsentierte Ackermann eine «einfache Modellierung», die ab März wieder insgesamt steigende Fallzahlen zeigt (siehe Box unten). «Die Situation kann durch diese Mutation schnell wieder kritisch werden», so der Experte. Das zeige auch das Beispiel Portugal.

SVP-Nationalrätin hat genug von den Auftritten der Experten

Die Befürworter einer Lockerung nerven sich über die Warnung der Wissenschaftler, denen bei der präsentierten Grafik noch ein Fehler unterlief. SVP-Nationalrätin Esther Friedli will nun die regelmässigen Pressekonferenzen mit Auftritten von Taskforce-Mitgliedern abstellen. Diese spielten sich zu stark auf, so Friedli: «Sie wollen Entscheide vorwegnehmen und wichtig erscheinen. Doch die Politik muss entscheiden und trägt auch die Verantwortung.»

Auch Gewerbeverbands-Direktor Hans-Ulrich Bigler misstraut den Modellen der Taskforce. «Die Wissenschaft baut erneut Horrorszenarien auf. Der Chef der Taskforce hat auch gesagt, dass kein einziges Spitalbett mehr frei sein werde. Das ist nie passiert.» Ob die Massnahme der Ladenschliessung die richtige sei, sei nicht zu beweisen: «Wo sich die Leute anstecken, ist bis heute nur in einem Bruchteil der Fälle bekannt.» Ebenso findet CVP-Nationalrat Fabio Regazzi, die Taskforce habe zu viel Gewicht. «Sie hat in den vergangenen Monaten dem Bundesrat praktisch befohlen, welche Massnahmen zu beschliessen sind. Das ist nicht die Aufgabe der Experten.»

«Taskforce gibt keine Prognose ab»

Die Covid-Taskforce weist die Kritik zurück. «Die Taskforce gibt keine Prognosen ab und trifft auch keine politischen Entscheide», sagt deren Präsident, ETH-Professor Martin Ackermann. «Wir vertreten keine Partikularinteressen, sondern arbeiten auf wissenschaftlichen Grundlagen. Wir zeigen anhand dieser Szenarien auf, was zu erwarten ist, wenn eine Situation sich unverändert entwickelt.» Die Pandemiebekämpfung erfordere ein präventives Engagement aller Akteure, damit negative Szenarien nicht einträfen. «Die Politik ist in der Verantwortung, eine Güterabwägung gesellschaftlicher Interessen zu treffen, wie zum Beispiel, was akzeptierbare gesundheitliche oder wirtschaftliche Folgen von Corona sind.»

Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen hat zwar Verständnis dafür, dass man sich nach Lockerungen sehnt. Aber auch er sagt: «Wir müssen gut verständlich machen, dass leider der schnelle Weg mit der Lockerung aller einschneidenden Massnahmen nicht zielführend ist, wie viele traurige Beispiele in dieser Pandemie zeigen.»

Die «Pandemie in der Pandemie»

Laut der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes würden die Fallzahlen noch weiter zurückgehen – wären nicht neue, ansteckendere Virusvarianten eingeschleppt worden. Wegen der unterschiedlichen Virenstämme muss man laut den Experten unter die Oberfläche schauen. Was sich abspielt, zeigen sie mit dem obigen Modell: Es zeigt, wie die neue Variante B.1.1.7 seit Anfang Jahr kontinuierlich ansteigt – sich also eine «Pandemie in der Pandemie» entwickelt. Dabei gehen die Forscher davon aus, dass ein mit der alten Variante infizierter Patient im Schnitt 0,84 Personen ansteckt. Für die britische Variante B.1.1.7 nehmen die Forscher an, dass sie um 50 Prozent ansteckender ist. Damit steckt jeder Infizierte mehr als eine Person an. Ist die neue Variante dominant genug, droht wiederum ein exponentielles Wachstum der Fallzahlen. Nicht berücksichtigt sind im Modell etwa bremsende Effekte durch die Impfung, Immunität nach einer Infektion oder umfassenderes Contact-Tracing.

Deine Meinung

304 Kommentare
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late

12.02.2021, 23:22

seit endlich realistisch und machtTest und schliesst die Grenzen. Es fängt schon wieder in der Westschweiz an mit der Mutation. Wie oft handelt man noch zu spät. Das grosse Kaos in der Schweiz geht weiter und die im Bundeshaus kassieren ihren Lohn weiter. In der Privat Wirtschaft wird einem gekündigt wenn so vorgeht. Wer zahlt all dieses Versagen. Wir werden auf die Strasse gestellt und man holt noch mehr ins überfüllte Land. Wie lange geht es noch bis die Schweizer realisieren, dass wir bald in der Minderzahl sind.

welle hin oder her

12.02.2021, 23:04

dritte welle, na und!?!?! wir müssen damit leben!

Beobachter

12.02.2021, 22:57

Komisch, früher hiess es von Hr. Berset, man wolle die Kurve der Ansteckungen flach halten. Jetzt geht es neu plötzlich um die ultimative Ausrottung des Virus. Bitte mal nachdenken ... ist das realistisch? Ich finde, dass es an der Zeit ist, Herrn Berset und seine Berater aus dem Spiel zu nehmen und sie gegen aufrichtige Persönlichkeiten mit Rückgrat auszutauschen. Wo sind eigentlich die Stimmen der mundtot gemachten Immunologen? Die Virologen haben bis heute nichts anderes zu bieten ausser Zahlen-Modelle, Angst und Panik. Eine Riesenschlappe für diese Berufsgruppe.