5 Franken pro Stunde : Lohndumping auf Ikea-Baustellen?
Aktualisiert

5 Franken pro Stunde Lohndumping auf Ikea-Baustellen?

Nur gerade einen Viertel des Mindestlohns sollen Ungaren erhalten haben, die in Schweizer Ikea-Filialen Ausbauarbeiten erledigten. Auch bei Swiss Indoors gab es Unregelmässigkeiten.

von
ann
Auf Ikea-Baustellen wie hier in Spreitenbach sollen die ausführenden Firmen Dumpinglöhne bezahlt haben. Ein Verfahren wurde eröffnet.

Auf Ikea-Baustellen wie hier in Spreitenbach sollen die ausführenden Firmen Dumpinglöhne bezahlt haben. Ein Verfahren wurde eröffnet.

Zwölftausend Bauarbeiter haben am Samstag in Bern an einer Kundgebung teilgenommen. Sie protestierten gegen Lohndumping und forderten einen besseren Schutz ihrer Gesundheit. Besonders das Lohndumping im Baubereich scheint in der Schweiz ein immer grösseres Problem zu werden.

So haben Baustellenkontrolleure diesen Sommer bei der Möbelhauskette Ikea einen krassen Fall von Lohndumping entdeckt. Das zeigen die Recherchen der Zeitung «Der Sonntag». Ungarische Mitarbeiter, die in einer Schweizer Ikea-Filiale mit Ausbauarbeiten beschäftigt waren, erhielten dafür 5 Franken pro Stunde. Das ist nur ein Viertel des Mindestlohns. Zudem hätten die Betroffenen Anspruch auf einen Nachtzuschlag von 50 Prozent gehabt.

Ikea weiss von Nichts

Die mindestens drei Dutzend eingesetzten Arbeiter aus mehreren vorwiegend osteuropäischen Ländern waren in mehreren Ikea-Filialen tätig, darunter jenen von Spreitenbach AG, Dietlikon ZH, Rothenburg LU und Aubonne VD. Sie waren aber nicht von Ikea angestellt. Die Möbelhauskette hatte ein Metallbaufirma mit den Arbeiten beauftragt. Diese reichte den Auftrag an mindestens 27 Subunternehmen in verschiedenen Ländern weiter.

Die zuständige Kontrollstelle hat nun ein Verfahren eröffnet. Ikea Schweiz gibt an, nichts von den Anschuldigungen zu wissen. «Die genannten Feststellungen widerstreben unserem Geschäftsgebaren und wir nehmen selbstverständlich genauere Untersuchungen vor», sagt Ikea-Sprecherin Virginia Bertschinger. Von ihren Lieferanten verlange Ikea vertraglich, sich an den firmeneigenen Verhaltenskodex und die Gesetze zu halten.

35 «selbständige» Monteure

Es ist jedoch nicht der erste Fall von Lohndumping bei Ikea: Beim Bau der Filiale von Vernier GE im Jahr 2010 erhielten rund 40 Arbeiter zu tiefe Löhne. Das schwedische Möbelunternehmen und eine beschuldigte Firma mussten danach den Betroffenen Nachzahlungen leisten. Ausserdem sollen gemäss «Sonntag» Baukontrolleure im Frühling 2010 entdeckt haben, dass 35 scheinselbständige Monteure aus Deutschland, Polen und Ungarn eine Ikea-Filiale ausbauten. Ein weiterer Verdachtsfall von Lohndumping bei Ikea.

Ins Zwielicht gerät aber auch das grösste Schweizer Tennisturnier. Swiss Indoors in Basel soll gemäss der Gewerkschaft Unia «massiv nicht orts- und branchenübliche Löhne» bezahlt haben. Kontrollen vor der letztjährigen Austragung ergaben, dass 15 Ungaren 10.35 Franken pro Stunde erhielten. Sie waren mit dem Aufbau von Inneneinrichtungen beschäftigt. Auch deutsche Mitarbeiter sollen zu Dumpinglöhnen angestellt worden sein.

Bund ergreift Massnahmen gegen Scheinselbständige

Swiss Indoors war ebenfalls nicht der direkte Verantwortliche für die Verstösse, sondern ein Geflecht von Auftragnehmern und Subunternehmen. Weil sich alle Arbeiter als Selbständige bezeichneten, konnten die Behörden kein Verfahren eröffnen. Denn gegen Scheinselbständige gibt es bis heute keine Sanktionsmöglichkeit. Der Fall beschäftigt nun das Baselbieter Parlament.

Auch der Bundesrat hat Massnahmen ergriffen: Am Freitag wurde ein Gesetz vorgelegt, mit dem Scheinselbständige bekämpft werden soll. Selbständigerwerbende sollen neu ihre Selbständigkeit beweisen, sonst werden sie gesperrt und gebüsst.

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