Aktualisiert 10.08.2014 20:11

Margrit Kessler«Lohnen sich teure Medis bei Todkranken?»

Wer soll ein Medikament erhalten, wer nicht? Geht es nach Patientenschützerin Margrit Kessler, ist in dieser Frage ein radikaler Richtungswechsel nötig.

von
J. Büchi
Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation und GLP-Nationalrätin, fordert ein Umdenken im Gesundheitswesen.

Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizerischen Patientenorganisation und GLP-Nationalrätin, fordert ein Umdenken im Gesundheitswesen.

Frau Kessler, was sagen Sie als Patientenschützerin dazu, dass das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi aufgrund seines hohen Preises nur gewissen Patienten vergütet wird (siehe Box)?

Ich finde es bedenklich, dass Pharmafirmen immer gieriger werden und sich schamlos am Leid von Kranken bereichern. Das fragliche Hepatitis-Medikament kostet über 19'000 Franken pro Packung - das ist jenseits von Gut und Böse. Allerdings kann die Schweizer Politik nur beschränkt Einfluss auf diese Preise nehmen. Deshalb müssen wir uns zwangsläufig die Frage stellen, welche Patienten das Medikament erhalten und welche nicht.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat entschieden, dass nur Patienten, die bereits Leberschäden aufweisen, Anspruch auf das Medikament haben. Ist das in Ihrem Sinn?

Nein, es sollten die Patienten das Medikament erhalten, die die besten Aussichten auf Heilung haben. Ich würde zudem dafür plädieren, dass man die Tabletten denjenigen Personen bezahlt, die ihre Krankheit nicht selbst verschuldet haben, sondern beispielsweise durch ein kontaminiertes Blutprodukt an Hepatitis C erkrankt sind.

Können Sie diesen Gedanken etwas ausführen?

Im Fall von Hepatitis C hat über die Hälfte der Erkrankten eine Drogenvergangenheit. Meist erfolgt die Ansteckung über Spritzen, die mehrfach verwendet werden. In solchen Fällen sind die Betroffenen selber für ihr Schicksal verantwortlich. Das BAG und die Politik müssen sich fragen, ob sie die vielen Milliarden in die Therapie von ehemaligen und immer noch Drogensüchtigen investieren wollen.

Die meisten Krankheiten, für deren Behandlung ebenfalls teure Medikamente nötig sind, sind aber nicht selbstverschuldet.

Ich bin der Meinung, wir müssen im Gesundheitsbereich allgemein über einen Paradigmenwechsel nachdenken: Lohnt es sich, eine Krebserkrankung im Endstadium für Zehntausende von Franken zu behandeln, wenn der Tod der Betroffenen nur um einige Wochen herausgezögert wird?

Diese Fragen sind ethisch höchst umstritten. Wer soll das entscheiden?

Der Bund, die Politik und Fachleute müssen zusammensitzen und Leitlinien zu diesen Fragen ausarbeiten. Der Anstoss müsste meiner Meinung nach von den Fachgesellschaften und vom BAG kommen. Das Problem ist jedoch, dass dort keine Ärzte mehr arbeiten, die solche Fragen aus medizinischer und ethischer Sicht beurteilen könnten. Seit der Ära Couchepin sitzen im BAG nur noch Juristen, die bürokratische Entscheide fällen. Das ist aus meiner Sicht falsch.

Praktizierende Ärzte sprechen sich in den Medien aber teils dezidiert dagegen aus, Kranken Medikamente vorzuenthalten.

Die Ärzte machen es sich einfach, sie bieten den Patienten die maximale Therapie an und lassen ihnen die Hoffnung, dass es doch noch ein Medikament gibt, welches ihre Krebskrankheit lindern oder heilen könnte. Es ist ein viel bequemerer Weg, als die Patienten darüber aufzuklären, dass ihre Krankheit zum Tode führt. Viele Patienten würden sich gegen eine Therapie entscheiden, wenn sie gut informiert wären. Den Ärzten kann es gleich sein, was Medikamente und Pflege kosten. Die Politik hingegen muss eine Kostenanalyse machen.

In der Politik wird sich aber wohl kaum jemand die Finger an diesem heissen Eisen verbrennen wollen. Wer will seinem Wähler schon beibringen, dass seine krebskranke Mutter aus Kostengründen nicht behandelt wird?

Natürlich sind dies keine angenehmen Fragen. Aber wir müssen die Diskussion jetzt führen. Es gibt teure und weniger teure Therapien: Jeder erhält eine Therapie, aber die Kosten laufen mit diesen Medikamentenpreisen aus dem Ruder. Das Stimmvolk soll das letzte Wort haben. Wenn es sich dafür ausspricht, sämtliche Patienten mit allen verfügbaren Mitteln zu behandeln, dann ist das so. Dann dürfen sich die Bürgerinnen und Bürger aber auch nicht beschweren, wenn die Prämien jährlich um 20 Prozent ansteigen.

Medikamente: Nicht für alle Patienten

Es gibt zwar ein Mittel gegen eine Krankheit doch die Betroffenen erhalten es nicht: Gleich zwei solche Fälle sorgen derzeit in den Medien für Aufsehen:

Hepatitis-C-Medikament Sovaldi ist mit 19000 Franken pro Packung so teuer, dass es nur bereits schwer erkrankten Patienten abgegeben wird. Das hat das Bundesamt für Gesundheit gemäss einem Bericht des «Tages-Anzeigers» entschieden. «Mit der Limitierung will das BAG sicherstellen, dass das Medikament bei denjenigen Patienten eingesetzt wird, bei denen der Einsatz zweckmässig und wirtschaftlich ist», bestätigt das Bundesamt auf Anfrage.

Brustkrebs-Medikament Perjeta hat das BAG gar ganz aus seiner Liste von vergütungspflichtigen Medikamenten (Spezialitätenliste) gekippt. Laut «Basler Zeitung» konnten sich das Bundesamt und die Herstellfirma Roche nicht über den Preis für das Präparat einigen. Auf Anfrage will das BAG keine genaueren Angaben zu den inhaltlichen Gründen für den Entscheid machen. Allerdings stelle «gerade das Kriterium der Wirtschaftlichkeit» sicher, «dass das Gesundheitswesen bezahlbar bleibt». jbu

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