Lohnrunde 2005 lässt heissen Herbst erwarten
Aktualisiert

Lohnrunde 2005 lässt heissen Herbst erwarten

Die gedämpften Aussichten für die Schweizer Wirtschaft im nächsten Jahr sorgen für eine schwierige Ausgangslage bei den Lohnverhandlungen. Gewerkschaften und Arbeitgeber machen sich auf einen heissen Herbst gefasst.

Ein Prognoseinstitut nach dem anderen hat in den vergangenen Wochen für das Jahr 2005 eine Abschwächung der wirtschaftlichen Entwicklung in der Schweiz angekündigt.

Die Institute rechnen wegen der schwächeren Weltwirtschaft noch mit Zuwachsraten des Bruttoinlandproduktes von 1,5 Prozent (Bank Julius Bär) bis 1,8 Prozent (Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich). Optimistischer ist das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco), das für 2005 ein Wachstum von 2,3 Prozent prognostiziert.

Am Arbeitsmarkt ist somit keine Entspannung in Sicht. Der Abbau der Arbeitslosigkeit verlaufe harzig, sagt Alois Bischofberger, Chefökonom der Credit Suisse Group (CSG). Die Arbeitslosenquote wird sich gemäss verschiedenen Ökonomen über der Marke von 3,5 Prozent halten.

Kaufkraft stärken

Für die anstehenden Lohnverhandlungen sind dies keine guten Vorzeichen. «Es wird schwieriger, die Lohnforderungen durchzusetzen», sagt Pietro Cavadini, Sprecher des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).

Die Gewerkschaften fordern Lohnerhöhungen zwischen 2 und 3 Prozent, inklusive Teuerung von 1 Prozent. Die Kaufkraft der Konsumentinnen und Konsumenten solle damit wieder gestärkt werden, argumentieren die Arbeitnehmervertreter beim Gewerkschaftsbund und bei Travail.Suisse.

In der Tat sind die Löhne in den vergangenen Jahren nur wenig gestiegen. Gemäss dem Bundesamt für Statistik erfolgte in diesem Jahr eine Zunahme von 1,1 Prozent. 2003 lag der Zuwachs bei 1,4 Prozent.

Lage bei Branchen und Betrieben

Die konjunkturelle Situation müsse bei den Lohnverhandlungen berücksichtigt werden, sagt Hans Reis, Informationschef beim Schweizerischen Arbeitgeberverband. Viel wichtiger aber sei die Situation bei den verschiedenen Branchen und in den einzelnen Betrieben.

Die konkrete Lage im Betrieb spiele bei den Verhandlungen eine wesentliche Rolle, hält auch Bruno Schmucki von der Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen (SMUV) fest. Denn die Löhne werden zumeist auf Betriebsebene ausgehandelt.

Härtere Verhandlungen

«Lohnverhandlungen sind immer harzig», sagt Schmucki. Doch gedämpfte konjunkturelle Aussichten erschweren die Durchsetzbarkeit der Forderungen.

«In wirtschaftlich schwierigerem Umfeld gibt es härtere Verhandlungen», sagt Arbeitgeberverband-Sprecher Reis. Dennoch komme es jeweils zu einer Lösung, indem beide Parteien vor- und nachgäben. Er hoffe, dass sich die Gewerkschaften bei den Forderungen vernünftig zeigen.

Aufgrund der Prognosen der Institute sehe er keinen Grund, die Lohnforderungen anzupassen, sagt Cavadini vom Gewerkschaftsbund. Der SGB analysiere die wirtschaftliche Entwicklung jeweils selber. Der Gewerkschaftsbund ist im August noch von einer weiteren Erholung ausgegangen.

Bei den meisten Branchen beginnen die Verhandlungen im Oktober. Obwohl es zu unterschiedlichen Lösungen kommen wird, dürfte die Lohnerhöhung im kommenden Jahr über das Ganze gesehen erneut im tieferen Bereich liegen. CSG-Chefökonom Alois Bischofberger rechnet mit einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Lohnsumme um rund 1,5 Prozent.

(sda)

Zu wenig Wettbewerb

Dass die Konjunktur nicht recht anziehen will, hat laut Jean-Daniel Gerber, Staatssekretär für Wirtschaft, vor allem einen Grund: In der Schweiz fehlt es an Reformen und Wettbewerb.

Gerber fordert die Revision des Binnenmarktgesetzes, die KVG-Revision sowie die Liberalisierung des Strom- und Postmarkts.

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