Unfall: Lohnt sich bei einer Fastkollision eine Anzeige?

Macht es Sinn, bei einem Beinah-Unfall Anzeige zu erstatten?

Macht es Sinn, bei einem Beinah-Unfall Anzeige zu erstatten?

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UnfallLohnt sich bei einer Beinah-Kollision eine Anzeige?

Immer wieder kommt es zu Beinah-Unfällen wegen des Fehlverhaltens einzelner Verkehrsteilnehmenden. Einfach glücklich sein, dass nichts passiert ist? Oder, selbst wenn es keine Zeugen gibt, Anzeige erstatten? Der AGVS-Rechtsdienst kennt die Antwort.

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AGVS-Rechtsdienst

Frage von Nicole ans AGVS-Expertenteam:

Ich war mit meinem Motorrad ausserorts mit knapp 80 km/h auf dem Heimweg, als mich ein Auto überholen wollte. Der Fahrer musste das Manöver wegen Gegenverkehr jedoch wieder abbrechen und drängte mich beim Zurückschwenken grob ab. Nur mit Glück konnte ich einen Sturz vermeiden. Kennzeichen und Fahrzeug konnte ich mir merken und zu Hause notieren. Bringt es etwas, eine Anzeige zu machen? Der Autofahrer könnte schliesslich einfach behaupten, er sei es nicht gewesen.

Antwort:

Liebe Nicole,

Leider kommt es bei Überholvorgängen immer wieder zu solch problematischen Situationen. Deinen Schilderungen nach dürfte der Fahrer mit seinem unüberlegten und gefährlichen Überholversuch eine grobe Verkehrsregelverletzung begangen haben (Art. 35 Abs. 2 und 3 i.V.m. Art. 90 Abs. 2 Strassenverkehrsgesetz). Bei einer Verurteilung würden eine Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren drohen. Es handelt sich dabei also keinesfalls um ein Bagatelldelikt.

Im Strassenverkehrsrecht wird, wenn immer möglich, auf Sachbeweise in Form von Foto- oder Videoaufnahmen zurückgegriffen. Diese haben den Vorteil, dass sie (meistens) den Rechtsverstoss eindeutig festhalten. Fehlen Sachbeweise dieser Art, erhält der sogenannte Personalbeweis (also die Aussagen von Zeugen, Beschuldigten etc.) stärkere Bedeutung. Wenn sich Aussagen von Zeugen und der beschuldigten Person widersprechen, müssen die Gerichte in freier Beweiswürdigung eine Abwägung anhand der Glaubwürdigkeit dieser Aussagen machen (vgl. Art. 10 Abs. 2 Strafprozessordnung).

Im Strassenverkehrsrecht wird, wenn immer möglich, auf Sachbeweise in Form von Foto- oder Videoaufnahmen zurückgegriffen. Fehlen Sachbeweise dieser Art, erhält der sogenannte Personalbeweis stärkere Bedeutung.

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Was die Glaubhaftigkeit von belastenden Zeugenaussagen betrifft, ist diese gemäss Rechtsprechung besonders hoch, wenn kein konkreter Verdacht (bzw. Motiv) für eine absichtliche Falschaussage vorliegt. Hierbei wird auch berücksichtigt, dass sich Zeugen durch Falschaussagen strafbar machen würden (vgl. Art. 307 Strafgesetzbuch). Im Gegensatz dazu gehen die Gerichte bei der Beurteilung von Aussagen der beschuldigten Fahrzeuglenker davon aus, dass diese grundsätzlich ein Interesse daran haben, entlastende Angaben zu machen.

Generell ist bei Aussagen zu würdigen, wie detailreich, kohärent beziehungsweise widerspruchsfrei und lebensnah diese sind. Hinzu kommen verschiedene andere Faktoren, wie z. B. der Leumund der beschuldigten Person, ob letztere Teile der belastenden Aussagen als wahr bestätigt werden und die Wahrscheinlichkeit einer Verwechslung oder Fehleinschätzung.

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Ist die Glaubwürdigkeit der Aussagen von Zeugen und beschuldigten Person gleich hoch und lassen sich wesentliche Zweifel an den belastenden Vorwürfen nicht ausräumen, so muss das Gericht auf die für die beschuldigte Person günstigere Sachverhaltsversion abstellen («in dubio pro reo», Art. 10 Abs. 3 StPO).

Es ist aber keinesfalls ausgeschlossen, dass dem fehlbaren Lenker in deinem Fall ein Verkehrsdelikt nachgewiesen wird. Es kommt immer wieder vor, dass die anzeigende Person als einziger Belastungszeuge auftritt und dennoch eine Verurteilung erfolgt; dies gilt besonders für das Strafbefehlsverfahren.

Zu beachten ist allerdings, dass in Fällen wie deinem möglichst direkt nach dem Vorfall bei der Polizei Meldung beziehungsweise Anzeige erstattet werden sollte. Liegt das Geschehnis bereits einige Zeit zurück, kann dies in die Beweiswürdigung des Gerichts einfliessen. Es entspricht der allgemeinen Lebenserfahrung, dass mit der Zeit Details vergessen gehen oder sich Abweichungen vom tatsächlichen Sachverhalt einschleichen. Hinzu kommt, dass eine zeitnahe Anzeige der Polizei die Beweiserhebung erleichtert.

Kennzeichen, Fahrzeugart und -farbe merken, danach beim nächsten Halteplatz diese Merkmale sowie die genauen Umstände des Falles in einem Gedankenprotokoll festhalten und die Polizei kontaktieren.

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Unsere Empfehlung für solche Vorkommnisse lautet daher: Kennzeichen, Fahrzeugart und -farbe merken, danach beim nächsten Halteplatz diese Merkmale sowie die genauen Umstände des Falles in einem Gedankenprotokoll festhalten und die Polizei kontaktieren. Mehr kannst und solltest du zu diesem Zeitpunkt nicht tun. Insbesondere von gefährlichen Verfolgungsjagden sollten Privatpersonen absehen, dies ist die Aufgabe der Polizeibeamten.

Gute Fahrt!

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