«Höchst bedenkliche Vorfälle»: Lokführer schlagen wegen ignorierter Signale Alarm
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«Höchst bedenkliche Vorfälle»Lokführer schlagen wegen ignorierter Signale Alarm

Die SBB warnt ihre Lokführer in einem Brief vor dem Überfahren von Signalen. Die sehen ein «sehr grosses Gefahrenpotenzial».

von
Stefan Ehrbar
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Der Lokführer-Verband VSLF warnt in seiner Mitgliederzeitschrift, immer mehr rote Signale würden überfahren. Auch die Zahl der «unsicheren Handlungen» steige.

Der Lokführer-Verband VSLF warnt in seiner Mitgliederzeitschrift, immer mehr rote Signale würden überfahren. Auch die Zahl der «unsicheren Handlungen» steige.

Keystone/Christian Beutler
Das betreffe die SBB, aber auch bei der BLS nehme die Zahl der Unregelmässigkeiten zu. Der VSLF ärgert sich auch über einen Brief der SBB an berufsjunge Lokführer.

Das betreffe die SBB, aber auch bei der BLS nehme die Zahl der Unregelmässigkeiten zu. Der VSLF ärgert sich auch über einen Brief der SBB an berufsjunge Lokführer.

Keystone/Christian Beutler
Im Brief vom März hatte die SBB diese darauf aufmerksam gemacht, dass die Konsequenzen von grossem Ausmass sein könnten und dass sie von solchen Vorfällen häufiger betroffen seien.

Im Brief vom März hatte die SBB diese darauf aufmerksam gemacht, dass die Konsequenzen von grossem Ausmass sein könnten und dass sie von solchen Vorfällen häufiger betroffen seien.

Keystone/Christian Beutler

Der Lokführer-Verband VSLF warnt: Immer häufiger würden rote Signale überfahren. «Im ersten Quartal 2018 gab es bei SBB Personenverkehr mehr als doppelt so viele überfahrene Signale wie im ersten Quartal 2016», heisst es in einem Bericht in der Mitgliederzeitschrift. Bei der Berner Bahn BLS habe es in den ersten Monaten des Jahres gar mehr Unregelmässigkeiten gegeben als im ganzen Jahr 2017. Insgesamt wurden laut Zahlen des Bundesamts für Verkehr (BAV) im ersten Quartal auf dem Normalspurnetz 82 überfahrene Signale registriert.

Dabei sei ein überfahrenes Signal nur der schlechteste Fall, so der VSLF. Es würden auch viel mehr «unsichere Handlungen» gezählt, die nicht gleich zu einem sogenannten «Signalfall» führen (siehe Box). «Das Gefahrenpotenzial ist trotz massiv mehr Sicherheitseinrichtungen offenbar sehr gross», schreibt der Verband. Es sei ein Fall bekannt, in dem ein Lokführer in Genf Flughafen sogar auf die falsche Seite losgefahren sei. Weitere, «höchst bedenkliche Vorfälle» seien aktenkundig.

«Mögliche Konsequenzen sind gross»

Die Lokführer machen die Ausbildung mitverantwortlich: «Wir fordern die Verantwortlichen auf, diese endlich merklich zu verlängern, damit die jungen Berufskollegen mehr Erfahrungen im Betrieb sammeln können, bevor sie allein unterwegs sind», heisst es im Text. Handlungsbedarf sei «mehr als angezeigt».

In einem Brief hatte sich die SBB im März an ihre neueren Lokführer gewandt. Gerade sie seien häufiger von solchen Vorfällen betroffen, hiess es dort. Die SBB sei insbesondere im Bereich der Rangierereignisse besorgt, «da keine Sicherheitseinrichtung vorhanden ist und die möglichen Konsequenzen von grossem Ausmass sein können». Die SBB empfiehlt Gespräche mit Vorgesetzten und erarbeitet Ausbildungsmodule für grosse Bahnhöfe. Auch können Lokführer eine Fahrt mit einem Instruktor verlangen.

«Es ist nicht das Ziel, Unruhe zu stiften»

VSLF-Präsident Hubert Giger sagt zu 20 Minuten, sein Verband sei in Gesprächen mit der SBB. Das Thema sei vor einem Monat bei einem Treffen mit der Konzernleitung angesprochen worden. Der Brief an die Mitarbeiter verärgerte den VSLF: Damit werde die Verantwortung von den Vorgesetzten abgelegt und den jungen Kollegen angelastet.

SBB-Sprecher Daniele Pallecchi sagt, die SBB schule alle ihre Lokführer regelmässig zu diesem Thema. «Das Ziel ist es nicht, Unruhe zu stiften, sondern anhand konkreter Vorfälle aufzuzeigen, wie diese verhindert werden können.» Bezüglich Zahl der Signalfälle sei die SBB «auf Zielkurs», bei dieser kurzfristigen Betrachtungsweise bewege man sich im statistischen Schwankungsbereich. Die Zahl der Fälle, bei denen ein Rangiersignal überfahren wurde, sei abnehmend. «Bei der Sicherheit macht die SBB keine Kompromisse», sagt Pallecchi.

In 95 Prozent der Fälle keine Gefährdung

Bei der BLS gab es im ersten Halbjahr 23 Signalfälle «ohne Gefährdung», wie Sprecherin Tamara Traxler sagt. Zum Vergleich: 2017 zählte die BLS insgesamt 25 Signalfälle «ohne Gefährdung». In 95 Prozent der Fälle gefährdeten überfahrene Signale niemanden, weil technische Systeme Züge rechtzeitig stoppten. Die Zahl der Signalfälle sei schwankend. «Jeder einzelne Fall wird analysiert», sagt Traxler. Massnahmen könnten bauliche Anpassungen, Nachschulung des Personals oder eine Anpassung der Vorschriften sein.

Im ersten Quartal 2018 wurden gemäss dem BAV auf dem ganzen Schweizer Normalspurnetz 34 Hauptsignale überfahren. In weiteren 48 Fällen kam es zu einer Vorbeifahrt an einem Rangiersignal. Im Fall der Hauptsignale entsprechen die Zahlen aufs ganze Jahr hochgerechnet etwa dem langjährigen Durchschnitt, im Fall von überfahrenen Rangiersignalen liegen sie darüber. Im Jahr 2017 zählte das BAV 281 Fälle von überfahrenen Signalen, 144 davon bei der SBB.

Trotz jährlich steigenden Verkehrs seien die Zahlen über die letzten Jahre im Durchschnitt gleichbleibend, sagt BAV-Sprecher Gregor Saladin. Im letzten Jahr sei die Zahl der ignorierten Rangiersignale überdurchschnittlich hoch gewesen. In Gesprächen mit den Bahnen hätten sich verschiedene Ursachen herausgestellt. So gebe es allgemein mehr Verkehr, und ein neues Rangierkonzept habe etwa 15 Prozent mehr Bewegungen verursacht. Zudem seien die Verhältnisse wegen Baustellen oder Umbauten komplex gewesen.

Das sind Haupt- und Rangiersignale

Bei einem Hauptsignal handelt es sich um die wichtigste Signalart. Sie zeigt dem Lokführer an, ob der nachfolgende Abschnitt befahren werden darf oder nicht. Diese Signale sind meistens mit einem weiteren Zugsicherungssystem gekoppelt, das etwa beim fälschlichen Überfahren eine Zwangsbremsung auslöst. Ein Rangiersignal wird für Rangierbewegungen genutzt, bei denen die Höchstgeschwindigkeit in der Regel auf 30 Kilometer pro Stunde beschränkt ist. Diese Signale befinden sich meist nur wenig über dem Boden. Im Gegensatz zu Hauptsignalen werden Rangiersignale häufig nicht mit einem weiteren Sicherungssystem versehen, so dass ein Überfahren beispielsweise keine Zwangsbremsung zur Folge hat. Zu einem «Signalfall» kommt es, wenn ein Signal überfahren wird.

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