London: Nervenkrieg nach Todesschüssen
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London: Nervenkrieg nach Todesschüssen

In London liegen die Nerven endgültig blank. Die Menschen fürchten sich vor dem nächsten Anschlag und davor, irrtümlich ins Visier der Polizei zu geraten.

Nach den tödlichen Anschlägen vom 7. Juli, den gescheiterten Attentaten genau zwei Wochen später und nun noch den gezielten Todesschüssen der Polizei auf einen Unschuldigen leben die Menschen in ständiger Angst.

Sonntagszeitungen beschrieben die Atmosphäre zutreffend als «gespannt und unwirklich», von «Nervenkrieg» und «Belagerungszustand» war die Rede. Die Leute beschleicht das unheimliche Gefühl, in Bussen und U-Bahnen jederzeit Zielscheibe von Terroristen sein zu können.

«Furcht und Unsicherheit»

Und jetzt bekommen sie den Eindruck, vielleicht irrtümlich auch noch ins Fadenkreuz von Polizisten zu geraten. Viele zeigen, dass es mit der Gelassenheit, für die die Menschen dieser Stadt bislang bekannt waren, nicht mehr weit her ist.

«Ich weiss, als jemand, der sein ganzes Leben in London verbracht hat, sollte ich nicht so sprechen, aber mir graut es», schreibt Steve Mitchell. «Ich kann diese Atmosphäre von Furcht und Unsicherheit, die jetzt in den Adern meiner Stadt pulsiert, einfach nicht fassen.»

Ziel erreicht?

Fast scheint es, als hätten die Attentäter ihr Ziel erreicht, London dauerhaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Appelle von Premierminister Tony Blair und Scotland Yard-Chef Ian Blair, den normalen Alltag weiterzuleben, fruchten bei vielen nicht mehr.

«Die Zeit der unbewaffneten Bobbys ist vorbei», beschrieb die «Mail On Sunday» die Sicherheitssituation. Stattdessen sind nach den Anschlägen nun hunderte mit Pistolen bewaffnete Polizisten in Zivil in den U-Bahnen und auf Bahnhöfen mit der Massgabe unterwegs, Selbstmordattentäter nicht kampfunfähig zu machen, sondern notfalls sofort zu töten.

Strategie verteidigen

Die Verantwortlichen stehen in der Kritik, doch haben sie ihre Gründe, ihre Strategie der harten Hand zu verteidigen. Der frühere Polizeichef Lord Stevens schrieb in der Sonntagszeitung «News Of The World»: «Es gibt nur einen sicheren Weg, um einen Selbstmordattentäter an der Tat zu hindern - zerstöre sein Gehirn auf der Stelle.»

Scotland-Yard-Chef Blair ist ebenfalls der Meinung, dass es zum Kopfschuss keine Alternative gebe, wenn der Verdacht besteht, dass ein Verdächtiger einen Sprengstoffgürtel trägt und zünden könnte.

Auch der ansonsten für seine sehr liberalen Ansichten bekannte Londoner Bürgermeister Ken Livingston verteidigte den Ansatz der gezielten Todesschüsse: «Die Polizei handelte im Glauben, das Notwendige zum Schutz der Menschenleben zu unternehmen. Diese Tragödie hat ein weiteres Opfer auf die Totenliste gesetzt, für die die Terroristen die Verantwortung tragen.»

Überprüfung gefordert

Besorgte Bürger und Menschenrechtler forderten dennoch eine Überprüfung der Polizeipolitik. Alles bestimmend aber bleibt für viele die Angst, die sie derzeit stets und ständig auf allen Wegen durch London begleitet.

«Dies sind für zahlreiche Menschen die aufreibendsten Tage ihres Lebens, und es gibt keine Garantie, dass die Furcht nicht noch zunimmt», hiess es in einem Kommentar der Sonntagszeitung «The Observer» unter dem Hinweis darauf, dass jetzt auch «unsere Beschützer Blut an den Händen haben».

(sda)

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