«Gesundheits-Katastrophe»: Long-Covid-Betroffenen droht Zoff am Arbeitsplatz
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«Gesundheits-Katastrophe»Long-Covid-Betroffenen droht Zoff am Arbeitsplatz

Long Covid ist noch kaum erforscht. In der Schweiz könnten aber bis zu 300’000 Personen betroffen sein. Weil sie Symptome wie Kopfschmerzen kaum nachweisen können, müssen sie das Misstrauen der Arbeitgeber befürchten.

von
Fabian Pöschl
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In der Schweiz könnten bis zu 300’000 Personen von Long Covid betroffen sein.

In der Schweiz könnten bis zu 300’000 Personen von Long Covid betroffen sein.

20min/François Melillo
Die Krankheit ist bisher aber noch kaum erforscht.

Die Krankheit ist bisher aber noch kaum erforscht.

20min/François Melillo
Symptome von Long Covid sind etwa schwerwiegende Lungenschäden und Atemnot. Auch bei milderen Verläufen bleiben häufig Erschöpfung, Müdigkeit, Muskelschwäche und Depressionen. Diese sind schwer nachzuweisen.

Symptome von Long Covid sind etwa schwerwiegende Lungenschäden und Atemnot. Auch bei milderen Verläufen bleiben häufig Erschöpfung, Müdigkeit, Muskelschwäche und Depressionen. Diese sind schwer nachzuweisen.

Sebastian Gollnow/dpa

Darum gehts

  • Die Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung sind noch weitgehend unbekannt.

  • Betroffene berichten von Erschöpfung und Depressionen.

  • Das sind Symptome, die sich kaum nachweisen lassen.

  • Die Vorgesetzten dürften ihre Angestellten deshalb vermehrt zum Vertrauensarzt schicken.

  • Eine Allianz fordert eine Langzeitstrategie für Long Covid vom Bund.

Nach einer Corona-Erkrankung können die Folgen lange andauern. Betroffene berichten von schwerwiegenden Lungenschäden und Atemnot. Auch bei milderen Verläufen bleiben häufig Erschöpfung, Müdigkeit, Muskelschwäche und Depressionen. Doch Long Covid ist weitgehend unerforscht, die Krankheit gibt es erst ein Jahr. Die USA wollen deshalb über eine Milliarde Dollar in deren Forschung und Behandlung investieren.

Laut Berechnungen könnten bis zu 300’000 Personen in der Schweiz Long-Covid-Betroffene sein (siehe Box). Eine Allianz aus Betroffenen und Gesundheitsorganisationen fordert vom Bundesrat eine Strategie, wie mit den Langzeitfolgen umzugehen ist. Am Montag nahm der Ständerat ein entsprechendes Postulat mit 27 zu zehn Stimmen bei zwei Enthaltungen an. Nun muss der Bundesrat einen Bericht zu Long Covid schreiben.

Ein Viertel mit Langzeitfolgen

Long-Covid-Fälle gibt es Tausende in der Schweiz. Laut der Allianz Long Covid, die sich auf eine Studie der Universität Zürich bezieht, sind rund ein Viertel aller von Covid-19 Angesteckten auch nach sechs Monaten noch nicht vollständig genesen und weiterhin eingeschränkt. Rechne man die Dunkelziffer von Angesteckten mit ein, könnten 200’000 bis 300’000 Personen in der Schweiz von Long Covid betroffen sein. Monatlich kämen geschätzt etwa 7500 neue Long-Covid-Fälle dazu.

Long Covid als weitere «Gesundheits-Katastrophe»

Für die Allianz Long Covid ist das ein «wichtiger Etappensieg», wie es auf Anfrage heisst. Allerdings sei es erst der Anfang. Sie fordert auch, dass Studien zum Thema gefördert und spezifische Therapieformen besser erforscht werden. Des Weiteren fordert sie eine Anlaufstelle für Betroffene und die Medizin. Ansonsten drohe, dass die Schweiz im Schatten der Pandemie mit Long Covid in eine erneute Gesundheits-Katastrophe hinein gerate.

Denn die fehlende Akzeptanz von Long Covid könnte zum Problem für Betroffene werden. Die Kosten für die Behandlung übernimmt derzeit die Krankenkasse, doch bei Reha-Aufenthalten und bei der Langzeitbehandlung gibt es noch grosse Unsicherheiten, so die Allianz.

«Arbeitgeber werden Angestellte vermehrt zum Vertrauensarzt schicken»

Che Wagner von der Allianz Long Covid fordert auch mehr Aufklärungsarbeit und Regeln zu Long Covid. Durch die Unwissenheit würden sonst Konflikte am Arbeitsplatz drohen, wenn der Chef oder die Chefin die Krankheit und damit die Arbeitsunfähigkeit anzweifelt.

In den Unternehmen ist Long Covid erst vereinzelt ein Thema, wie Dr. Denis G. Humbert, Fachanwalt Arbeitsrecht, zu 20 Minuten sagt. «Doch wenn nun mehr Leute an Long Covid erkranken, werden die Arbeitgeber ihre Angestellten wohl vermehrt zu Vertrauensärzten schicken», so Humbert. Dazu habe der Arbeitgebende wie bei jeder Krankheit das Recht und das sei auch schon vor Corona häufig vorgekommen.

Firma muss Kosten für Untersuchung bezahlen

«Der Arzt muss prüfen, ob jemand arbeitsfähig ist. Auch mit einem Beinbruch kann man im Büro tätig sein und wer Atembeschwerden wegen Long Covid hat, kann eventuell trotzdem weiter arbeiten», so Humbert. Die Kosten für die Visite trägt die Firma.

Sollten Angestellte dies trotz entsprechender Abmahnung verweigern, könnte die Firma die Lohnfortzahlung stoppen. Für Kündigungen gibt es laut Humbert wie bei jeder Arbeitsunfähigkeit eine Sperrfrist, die sich nach der Anzahl der Dienstjahre richtet. Während dieser Sperrfrist kann der Arbeitgeber nicht kündigen.

«Long-Covid-Symptome müssen behandelt und therapiert werden»

Marina Carobbio Guscetti hält den Gang zum Vertrauensarzt für den falschen Weg, wie sie zu 20 Minuten sagt. «Man braucht eine nationale Long-Covid-Strategie, die die Behandlungen von Betroffenen sichert. Solange es nicht mehr Informationen über Long Covid gibt, ist es auch für die Vertrauensärzte sehr schwierig, Stellung zu nehmen», sagt die SP-Ständerätin und Ärztin. Sie unterstütze deshalb die Anliegen der Allianz Long Covid.

Auch die Allianz hält Misstrauen in einer solchen Situation für unangebracht. «Long-Covid-Symptome sind äusserst ernst zu nehmende Schäden, die behandelt und therapiert werden müssen. Niemand ist interessiert daran, diesen belastenden Zustand in die Länge zu ziehen», sagt Che Wagner von der Allianz zu 20 Minuten. Noch mehr Druck vom Arbeitgebenden helfe niemandem.

Wagner rät Betroffenen dazu, die Vorgesetzten und den Vertrauensarzt über die Situation und über Long Covid aufzuklären. Es sei auch lohnend, die Familie und Freunde hinzuzuziehen und mit ihnen das weitere Vorgehen zu besprechen.

Hausarzt soll Vortriage machen

Manuela Funke-Chambour, stellvertretende Chefärztin an der Universitätsklinik für Pneumologie der Berner Inselgruppe, ist anderer Meinung. Long Covid sei ein bisher wenig beschriebenes, neues Erkrankungsbild. Es sei deshalb sinnvoll, Patienten in spezialisierten Sprechstunden mit multidisziplinärer Betreuung zu überweisen.

Auch am Inselspital gebe es eine solche interdisziplinäre Sprechstunde. «Dort geht es nicht um Misstrauen, sondern eher darum, wie wir den Patienten am besten helfen können», so Funke-Chambour. Doch nicht die Vorgesetzten sollten Betroffene dorthin schicken, sondern der Hausarzt, der eine Vortriage machen könne, welcher Patient von einer spezialisierten Betreuung profitieren könnte.

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