Aktualisiert 06.12.2014 12:58

Schweizer Geisel ist frei

Lorenzo V. tötete seinen Bewacher mit Machete

Der Schweizer Lorenzo V. ist der Extremistengruppe Abu Sayyaf nach mehr als zwei Jahren Gefangenschaft entkommen. Er wurde bei einem Feuergefecht verletzt.

von
lüs/woz
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Lorenzo V. trat am Freitagmorgen 12.12.2014 kurz nach seiner Ankunft vor die Medien.

Lorenzo V. trat am Freitagmorgen 12.12.2014 kurz nach seiner Ankunft vor die Medien.

Keystone/Walter Bieri
Der Schweizer erzählte von seiner Flucht im Kugelhagel, vom Einzelkampf mit seinem Bewacher und dem aufkommenden Wirbelsturm.

Der Schweizer erzählte von seiner Flucht im Kugelhagel, vom Einzelkampf mit seinem Bewacher und dem aufkommenden Wirbelsturm.

Keystone/Walter Bieri
Er sei sehr erleichtert, wieder in der Schweiz zu sein, sagte er.

Er sei sehr erleichtert, wieder in der Schweiz zu sein, sagte er.

Keystone/Walter Bieri

Der Schweizer Lorenzo V.* (49) ist auf den Philippinen aus den Fängen der Extremistengruppe Abu Sayyaf geflohen. Das berichtete der philippinische Militärkommandeur Rustico Guerrero am Samstag. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bestätigt auf Anfrage, dass V. frei ist.

Bei der dramatischen Aktion entriss der 49-Jährige einem seiner Bewacher dessen Machete und tötete ihn. Im Kampf habe er seinem Bewacher das Buschmesser in den Hals geschlagen, schrieb Allan Arrojado, Kommandant des Spezialkommandos der Armee in der Provinz Sulu, in einem SMS an Journalisten. Als der Schweizer schliesslich aus dem Dschungelversteck fliehen konnte, hätten die «Banditen» auf ihn geschossen, ihn aber nicht getroffen.

Die Fluchtmöglichkeit ergab sich durch eine Offensive des Militärs im Hinterland des Ortes Talipao auf der Insel Jolo im Süden des Landes. Im Schusswechsel seien fünf Rebellen getötet und sieben verletzt worden, berichtete ein Militärsprecher am Samstag.

V. wird in einem Militärspital behandelt

Ein mit dem Schweizer zusammen entführter niederländischer Ornithologe war ebenfalls in dem Versteck auf der Insel Jolo rund 1000 Kilometer südlich der Hauptstadt Manila, berichtete das Militär.

Der Schweizer habe ihm zugerufen, auch zu fliehen, doch sei der Mann sehr krank und schwach gewesen, sagte Kommandant Arrojado. «Er hofft, dass ihm nichts passiert ist», fügte er hinzu. Auch das EDA äusserte Bedauern darüber, dass sich die niederländische Geisel weiterhin in Geiselhaft befindet.

Gemäss dem Schweizer Botschafter Ivo Sieber in Manila wurde V. bei seiner Flucht verletzt. Er werde nun in einem Militärspital behandelt.

«Grosse Erleichterung» beim EDA

Der Gesundheitszustand des Schweizers sei «den Umständen entsprechend gut», so das EDA. Er befinde sich gegenwärtig in der Obhut der philippinischen Streitkräfte an einem sicheren Ort auf den Philippinen und werde so rasch wie möglich in die Schweiz zurückkehren. «Das EDA hat die Neuigkeit von der Befreiung des Schweizers mit grosser Erleichterung zur Kenntnis genommen.»

V.'s Frau ist ist überwältigt von der Neuigkeit: «Wir sind überaus glücklich», sagt sie gegenüber 20 Minuten. Weitere Informationen wollte sie nicht preisgeben, sie geniesse jetzt einfach den Moment. Noch vor Weihnachten soll Lorenzo V. zurück in die Schweiz reisen.

Die muslimischen Rebellen hatten Mitte Oktober zwei Deutsche freigelassen, die sie zuvor im Dschungel der Provinz Sulu im Süden der Philippinen gefangen gehalten hatten. Dafür hatte Abu Sayyaf nach eigenen Angaben ein Lösegeld von umgerechnet knapp 4,4 Millionen Euro erhalten. Von wem, sagte ein Abu-Sayyaf-Sprecher nicht.

Tierpräparator aus dem Kanton St. Gallen

Auch der Schweizer soll laut Angaben des Kommandeurs mehr als zwei Jahre lang im Dschungel von Sulu in Gefangenschaft gelebt haben.

Lorenzo V., der aus dem Kanton St. Gallen stammt und von Beruf Tierpräparator ist, ist einer von zwei europäischen Vogelbeobachtern, die 2012 von den Rebellen in der Provinz Tawi Tawi gefangen genommen worden waren. Bei der anderen Geisel handelt es sich um einen Niederländer.

Dank an philippinische Streitkräfte

Das EDA spreche «speziell den philippinischen Streitkräften seinen Dank für ihr Engagement in diesem Fall aus», heisst es in einer Mitteilung vom Samstag. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Entführung war eine interdepartementale Task Force gebildet worden. Neben dem EDA waren auch die Bundespolizei Fedpol, der Nachrichtendienst NDB, die Bundesanwaltschaft und die Kantonspolizei St. Gallen darin vertreten.

Das EDA bedauerte, dass sich die niederländische Geisel, die am 1. Februar 2012 zusammen mit dem Schweizer entführt worden war, weiterhin in Geiselhaft befindet. Das EDA habe in der Sache auch mit den niederländischen Behörden zusammengearbeitet.

*Name der Redaktion bekannt. (lüs/woz/sda)

Das ist Abu Sayyaf

Abu Sayyaf wurde in den frühen 1990er Jahren auf der südphilippinischen Insel Basilan im Sulu-Archipel gegründet. Mit einem schwer in den Griff zu bekommenden Kollektiv von islamistischen Predigern und Rebellen hat die Miliz der überwiegend katholischen Nation den Heiligen Krieg erklärt. Während viele ihrer Anführer früh in Kämpfen getötet wurden, wurde die Gruppierung zunehmend extremistisch und kriminell. Sie finanziert sich zu einem grossen Teil durch Gelder, die sie für zufällig ausgewählte Geiseln erpressen.

Die USA listen Abu Sayyaf als Terrorgruppe, die laut amerikanischen Angaben für tödliche Attacken auf US-Soldaten, ausländische Missionare und Touristen im Süden der Philippinen verantwortlich ist. Für die von Al-Kaida inspirierte Gruppe kämpfen schätzungsweise 400 Rebellen, die in sechs Splittergruppen aufgeteilt sind. (SDA)

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