Der 10-Prozent-Mythos: Luc Bessons «Lucy» ist gut, aber Unsinn

Aktualisiert

Der 10-Prozent-MythosLuc Bessons «Lucy» ist gut, aber Unsinn

Am Donnerstag läuft der Film «Lucy» in den Schweizer Kinos an. Er basiert auf dem Mythos, dass der Mensch nur zehn Prozent seines Gehirn nutzt. Doch das ist Quatsch.

von
Fee Riebeling

Eigentlich ist Lucy eine ganz normale Frau. Doch als ihr ein Päckchen Drogen in den Unterleib implantiert wird, das aufreisst, ändert sich alles: Ihre Gehirnleistung explodiert. Statt der «üblichen» 10, leistet ihr Verstand nach diesem Vorfall 100 Prozent. Sie entwickelt übermenschliche Fähigkeiten. So lernt Lucy innerhalb einer Stunde fliessend Chinesisch, Dinge allein mit Gedankenkraft zu bewegen und ihre Schmerzrezeptoren auszuschalten.

Keine Frage: Die Story des Films «Lucy» (Kinostart: 14. August) verspricht gute Unterhaltung, doch aus wissenschaftlicher Sicht ist sie totaler Humbug. Belege dafür gibt es viele.

Logische Gegenbeweise

Würde der Mensch tatsächlich nur 10 Prozent nutzen, würden die meisten Hirnschäden, die bei Unfällen oder durch Schlaganfälle entstehen, ohne Folgen bleiben. Doch tatsächlich führen schon kleinste Verletzungen zu Einschränkungen. Das heisst im Umkehrschluss: Alle betroffenen Hirnregionen müssen vorher zu etwas gut gewesen sein.

Zudem hat sich die Grösse des menschlichen Gehirns in den letzten zwei Millionen Jahren so gut wie verdreifacht. Während es nur 2 Prozent des Körpergewichts ausmacht, verbraucht es jedoch 20 Prozent der Energie, die ihm zugeführt wird. Würde tatsächlich nur ein kleiner Teil von ihm gebraucht, wäre das wenig sinnvoll, sondern vor allem eines: Verschwendung. Wäre das der Fall, hätten wir uns dieses überflüssigen Energiefressers im Zuge der Evolution schon längst entledigt.

Neurologische Argumente

Dass das menschliche Gehirn auf Effizienz getrimmt ist, haben Forscher der Harvard Universität 2012 nachgewiesen. Sie zeigten, dass das Denkorgan über längere Zeit vernachlässigte Synapsen - neuronale Verknüpfungen, über die Nervenzellen miteinander kommunizieren - einfach löscht. Würde der Mensch nur 10 Prozent seines Gehirns nutzen, wären von diesen Übermittlern bald kaum noch welche übrig.

Einen weiteren Beweis gegen die 10-Prozent-Annahme liefern auch die zahlreichen Hirnscans, die mit Hilfe verschiedener bildgebender Verfahren gemacht wurden. Demnach weisen so gut wie alle Gehirnregionen Aktivitäten auf - dies selbst in Situationen, bei denen es nicht sonderlich gefordert ist, wie beim Fernsehschauen oder Schlafen. Mit anderen Worten: Keine Gehirnregion ist komplett ruhig oder inaktiv, wie Rachel C. Vreeman und Aaron E. Caroll bereits vor einigen Jahren im «British Medical Journal» schrieben.

Neurologen schätzen, dass das sich hartnäckig haltende Gerücht erstmals im frühen 19. Jahrhundert aufkam. Möglicherweise hätten die Menschen den Aufsatz «The Energies of Men» des Psychologen und Philosophen William James falsch interpretiert, worin er unter anderem festhielt, dass der Mensch nur einen kleinen Teil seiner mentalen und physischen Möglichkeiten nutze. Später nutzte Scientology-Gründer Ron Hubbard (1911-1986) mit seiner Lehre Dianetik die Mär vom Hirn als Brachland, um Geld zu scheffeln.

Das menschliche Gehirn leistet deutlich mehr, als viele glauben. (Video: Youtube/TED-Ed)

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