Taktik-Genie: Lucien Favres Meisterwerk

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Taktik-GenieLucien Favres Meisterwerk

Gladbach mauerte, Neuer patzte und die Fussball-Welt horcht auf. Lucien Favre spielte den Anti-Guardiola und bezwang die Bayern.

von
Sandro Compagno
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Sonntag, 22. März 2015
Sonntag, 22. März 2015

Borussia Mönchengladbach freut sich über den 2:0-Sieg in München. Raffael (2.v.l.) schiesst die Bayern mit seinen zwei Treffern beinahe im Alleingang ab.

Keystone/AP/Matthias Schrader
Die Bayern bleiben blass, das Starensemble kann sich gegen Gladbach kaum entfalten.

Die Bayern bleiben blass, das Starensemble kann sich gegen Gladbach kaum entfalten.

Keystone/AP/Matthias Schrader
Der Hamburger SV reagiert auf die Misère: Trainer Josef Zinnbauer wird entlassen.

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Keystone/Uwe anspach

Um diesen Sieg richtig einzuordnen, muss man verstehen, wie Lucien Favre Fussball versteht. Der 57-jährige Fussball-Professor aus St. Barthélémy im Kanton Waadt ist ein Bewunderer von Pep Guardiola. Den Fussball, der Guardiola einst mit dem FC Barcelona und heute mit dem FC Bayern spielt, entspricht ziemlich genau dem Fussball, wie er auch Favre vorschwebt: viel Ballbesitz, Kontrolle des Mittelfelds, schnelles Umschalten auf die Vertikale.

Mit dieser Art, Fussball spielen zu lassen, schuf Favre ein kleines Fussball-Märchen. Als er im Februar 2011 den VfL Borussia Mönchengladbach übernahm, stand der Traditionsverein zum wiederholten Mal kurz vor dem Abschied in die 2. Bundesliga. Nur Monate später schwärmten die deutschen Sportmedien von «Borussia Barcelona».

Die Bayern aus dem Zentrum gedrängt

Diese Borussia Barcelona gibt es nicht mehr. Schon gar nicht, wenn Favre gegen den FC Bayern spielt. Man werde mutig nach vorne spielen, liessen die Gladbacher ihre Gegner vor dem Spiel wissen. Immerhin war es das Spiel des Leaders gegen den Tabellendritten, also ein Spitzenspiel.

Vom Nach-vorne-spielen war dann aber gar nichts zu sehen. Mönchengladbach stand sehr tief, verriegelte den Zugang zum eigenen Strafraum mit zwei kompakten, sich äusserst diszipliniert verschiebenden Viererketten und überliess dem FC Bayern den Ball. 32 Prozent Ballbesitz notierten die Statistiker nach 90 Minuten.

Dafür gewannen die «Fohlen» deutlich mehr Zweikämpfe. Zentral in diesem Stellungskrieg mit Ball war Favres Doppel-Sechs mit Granit Xhaka und Christoph Kramer. Das Duo verriegelte das Zentrum komplett und zwang die Bayern über die Aussenpositionen. Unterstützt wurden sie durch die gut nach hinten arbeitenden Stürmer Hahn und Raffael. Sie setzten die Innenverteidiger der Bayern unter Druck und zwangen sie oft zu einer Angriffsauslösung über die Flanken.

Neuer als unfreiwilliger Helfer

Dort warteten Wendt und Johnson (links) sowie Herrmann und Jantschke (rechts) und zwangen die Bayern sehr oft zu hohen Bällen aus dem Halbfeld. Diese waren eine leichte Beute für Goalie Yann Sommer respektive die kopfballstarken Innenverteidiger Stranzl und Dominguez. 16:4 lautete das Schussverhältnis zugunsten der Bayern, doch waren nur gerade zwei dieser Abschlüsse auch wirklich gefährlich, alle anderen Versuche der zunehmend ratlosen Münchner stammten aus bedrängten oder wenig erfolgversprechenden Positionen.

«Jede Mannschaft hat Schwächen», hatte Lucien Favre vor der Abreise nach München gesagt. Dort legte er die (kleinen) Schwächen des Leaders und Meisters offen. Mönchengladbach war viel weniger am Ball. Aber wenn es in Ballbesitz war, dann ging es blitzschnell. Einwurf Jantschke, Herrmann flankt auf Raffael, und dieser bringt die Gäste mit dem ersten Torschuss überhaupt in Führung (30.) – unfreiwillig unterstützt von Manuel Neuer.

Dem Weltmeister glitt Raffaels unplatzierte Direktabnahme durch die Finger. Statistiker errechneten flugs, dass es der zweite Schuss war, der in den letzten 330 Minuten auf das Tor des Welt-Torhüters kam. Und der zweite, der auch im Tor landete. Mit anderen Worten: Neuer hatte in fünfeinhalb Stunden keinen Ball gehalten.

Guardiola adelt Favre

Doch das ist ein anderes Thema. Bayern-Trainer Pep Guardiola klagte nach dem Spiel, es sei «sehr schwierig, gegen eine so tief verteidigende Mannschaft zu spielen» – und adelte damit auch Lucien Favre. Dieser lieferte in der Allianz-Arena ein taktisches Meisterwerk ab, umgesetzt von einer unglaublich laufstarken, intelligenten Mannschaft. Chapeau!

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