«Corona interessierte niemanden» – Lucy konnte trotz Pandemie einen USA-Austausch machen
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«Corona interessierte niemanden» Lucy konnte trotz Pandemie einen USA-Austausch machen

Die Schülerin Lucy Ji (18) verbrachte sechs Monate in El Paso. Zuvor hatte sie einige schlaflose Nächte.

von
Nicolas Meister
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«Ich vermisse meine Freunde sehr und würde zu jeder Zeit, auch morgen, nach El Paso zurückkehren.»

«Ich vermisse meine Freunde sehr und würde zu jeder Zeit, auch morgen, nach El Paso zurückkehren.»

Privat
Mit ihrer Gastfamilie verstand sich Lucy grossartig. «Als Einzelkind waren meine vier Gastgeschwister ein unglaubliches Geschenk.» 

Mit ihrer Gastfamilie verstand sich Lucy grossartig. «Als Einzelkind waren meine vier Gastgeschwister ein unglaubliches Geschenk.»

Trotz der Grenzschliessung gelang es Lucy mit einem speziellen Visum für Studenten und Studentinnen sowie Schülerinnen und Schüler, in die USA zu reisen. 

Trotz der Grenzschliessung gelang es Lucy mit einem speziellen Visum für Studenten und Studentinnen sowie Schülerinnen und Schüler, in die USA zu reisen.

Darum gehts

  • Lucy Ji konnte als eine der ersten Schweizerinnen und Schweizer während der Pandemie einen Austausch in den USA machen.

  • Ob dies klappen würde, war wegen der komplizierten Reiselage lange unklar. Mit einem speziellen Visum klappte es dann doch noch.

  • In El Paso, Texas, hätten die Menschen Corona auf die leichte Schulter genommen, sagt Lucy. Trotz der zweiwöchigen Quarantänepflicht sei sie bereits nach einer Woche eingeschult worden.

  • «Ich würde zu jeder Zeit, auch ganz spontan, wieder nach El Paso zurückkehren», so die 18-Jährige.

Reisen ist in der Pandemie kompliziert bis unmöglich geworden. Eine Studie zu Auslandsaufenthalten von Studierenden zeigt, dass die Austausche während 2020 um 81 Prozent zurückgegangen sind. Die 18-jährige Lucy Ji aus Basel schaffte es hingegen trotzdem. Sie ist eine der ersten Schweizerinnen und Schweizer, die seit dem Beginn der Pandemie einen Auslandsaufenthalt in den USA machen konnte. Von Januar 2021 bis Juni 2021 verbrachte die Gymnasiastin aus Basel sechs Monate in El Paso, einer Stadt im Westen von Texas.

Lucy, warum wolltest du mitten in der Corona-Krise einen Austausch in Amerika machen?
Mich faszinierten die Kultur, die Offenheit der Amerikaner und ihr Lebensstil. Ich kannte alles nur aus Filmen. Das selbst erleben zu können, war schon immer mein Traum gewesen. Corona konnte mich nicht davon abschrecken, diesen Traum in die Tat umzusetzen. Als ein Kollege mir von seinem Austausch in England erzählte, flammte dieser Wunsch wieder auf. Wenige Tage später meldete ich mich bei der Austauschorganisation «American Institute For Foreign Study» an.

Wie bist du trotz geschlossener Grenzen zu einem Visum gekommen?
Lange war nicht klar, ob ich überhaupt gehen könnte. Für mich war alle Hoffnung gestorben, als Deutschland Ende November 2020 in den Lockdown ging. Denn das Visum konnte ich nur in Deutschland beantragen. Doch meine Austauschorganisation gab nicht auf. Nach gefühlt tausend Telefonaten und etlichen schlaflosen Nächten später konnte ich kurz vor Weihnachten ein Visum auf dem US-Konsulat in Bern beantragen. Seit Ende 2020 durften nämlich bestimmte Visakategorien, darunter auch Schüler und Studenten, wieder in die USA einreisen. Knappe zwei Wochen später sass ich dann im Flieger nach El Paso.

Wie hast du Corona in El Paso wahrgenommen?
Ich weiss nicht, ob ich das erzählen darf. Eigentlich hätte ich für zwei Wochen in Quarantäne bleiben müssen. Die High School schulte mich jedoch bereits nach einer Woche ein. Trotz der hohen Fallzahlen und Hospitalisationen interessierte sich niemand wirklich für Corona. Im Gegenteil: Viele waren eher skeptisch gegenüber dem Virus und den Massnahmen. In der Schule galt zum Beispiel die Maskenpflicht. Diese befolgten wir, waren gerade Lehrpersonen bei uns. Ansonsten nahmen wir die Situation eher auf die leichte Schulter.

Was war sonst noch anders als in der Schweiz?
Im Vergleich zur Schweiz war alles offen. Es herrschte lediglich eine Maskenpflicht in Innenräumen. Deshalb konnte ich mit meinen neuen Kolleginnen alle möglichen Dinge unternehmen. Auch ein Grund, warum ich nicht mehr in die Schweiz zurück wollte.

Einordnung der Aussagen zu Covid-19 in Texas

Die epidemiologische Lage in Texas war und ist äusserst besorgniserregend. Texas hat bis dato am zweitmeisten Fälle von Corona in den USA verzeichnet (+4.3 Mio) und eine der tiefsten Impfquoten im Land. Die Mortalitätsrate von Ungeimpften ist 20 Mal höher als die von Geimpften.

Die tiefe Impfquote hängt unter anderem mit dem Texanischen Gouverneur zusammen, der beispielsweise die Impfpflicht für Bundesangestellte für ungültig erklärte.

Die hohen Fallzahlen sind nebst der tiefen Impfquote auch auf die wenigen Massnahmen zurückzuführen. Der Gouverneur hat zum Beispiel bereits mehrere Male versucht, die Maskenpflicht aufzuheben, respektive einzuschränken.

Sich nicht an die Massnahmen zu halten, respektive sich nicht impfen zu lassen, birgt ein grosses Risiko, an Corona zu erkranken und unter Umständen daran zu sterben oder mit Langzeitfolgen leben zu müssen. Befolgt man die Massnahmen und ist geimpft, schützt man nicht nur sich, sondern auch andere Personen.

Wie war deine Gastfamilie?
Meine Gastfamilie war «Gold». Ich hatte eine gleichaltrige Gastschwester, mit der ich mich super verstand, und zwei Gastbrüder. Als Einzelkind war das für mich ein unglaubliches Geschenk.

Meine Gasteltern waren im Homeoffice und arbeiteten deshalb flexibel. Darum konnten wir gemeinsam viele Dinge unternehmen. Zum Beispiel ging mein langjähriger Traum in Erfüllung, nach New York zu gehen. Als wir über den berühmten «Times Square» liefen, konnte ich die Freudentränen nicht zurückhalten. Meine Gasteltern bezahlten mir alles!

Ist dir der Abschied schwer gefallen?
An meinem ersten Schultag quatschte ich fast jeden an. Im Vergleich zur Schweiz zeigte man sich offen, freundlich und interessiert. Ich fand schnell neue «Friends», mit denen ich meine Freizeit verbrachte. Nach sechs Monaten Abschied nehmen zu müssen, war nicht einfach. Auch weil ich mich in El Paso wohler fühlte als in der Schweiz. Ich vermisse die Offenheit der Amerikaner und meine Freunde. Ich würde zu jeder Zeit, auch ganz spontan, wieder nach El Paso zurückkehren.

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