Experten alarmiert: Contact-Tracing immer lückenhafter wegen Corona-Überdruss
Aktualisiert

«Leute wollen jetzt nicht mehr an Covid denken»Lückenhafte Kontaktangaben verhindern effizientes Contact-Tracing

Die Fallzahlen steigen rapide an, gleichzeitig geben immer wenige Leute in Restaurants, Bars und Clubs ihre Kontaktdaten an. Für Hausarzt Peter Tomasi ist das Potenzial des Contact-Tracings aber noch längst nicht ausgeschöpft.

von
Gabriela Graber
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Recherchen von 20 Minuten zeigen: Viele Gäste wollen ihre Kontaktdaten für das Tracing nicht mehr angeben. 

Recherchen von 20 Minuten zeigen: Viele Gäste wollen ihre Kontaktdaten für das Tracing nicht mehr angeben.

20min/Simon Glauser
In Clubs gilt die Zertifikatspflicht: Kontaktdaten werden dort nicht mehr erhoben. 

In Clubs gilt die Zertifikatspflicht: Kontaktdaten werden dort nicht mehr erhoben.

20min/Till Burgherr
Contact-Tracing in Clubs ist deshalb praktisch unmöglich. 

Contact-Tracing in Clubs ist deshalb praktisch unmöglich.

tilllate.com

Darum gehts

  • Lückenhafte Kontaktangaben bei Restaurants oder Bars machen es schwierig, bei einem Corona-Ausbruch mögliche Betroffene zu kontaktieren.

  • Etwa Clubs weichen daher auf Social Media aus.

  • Eine verlässliche Erfassung der Kontaktdaten der Gäste, vor allem im Gastro-Innenbereich, die Wiedereinführung der Kontaktdatenaufnahme in Clubs und eine bessere landesweite Koordination vom Contact-Tracing könnten zur Stabilisierung der Fallzahlen beitragen, so der Arzt Peter Tomasi.

  • «Die Schweiz hatte bisher ein Pro-Forma-Contact-Tracing», sagt Anwalt und IT-Experte Martin Steiger.

Trotz rapide ansteigender Fallzahlen: Wie eine Umfrage von 20 Minuten zeigt, ignorieren viele Gäste in Innenräumen die Aufforderungen des Servicepersonals, ihre Kontaktdaten abzugeben – etwa wegen Datenschutzbedenken oder aus Bequemlichkeit. «Die Leute wollen jetzt nicht mehr an Covid denken und eine gute Zeit haben», sagt der Wirt eines Stadtzürcher Cafés. Immer weniger seiner Gäste würden sich registrieren.

Anfragen bei verschiedenen kantonalen Tracing-Stellen zeigen ähnliche Trends: Im Vergleich zum Winter und Frühling erhalten die Stellen nur wenige Gästedaten. So etwa im Kanton Bern, wo deshalb nun verstärkte Kontrollen und Bussen drohen. Und auch laut dem Unternehmen Lunchgate, das für viele Schweizer Gastrobetriebe die IT-Infrastruktur für die Gästeregistrierung bereitstellt, werden deren QR-Codes immer seltener genutzt.

Kein Contact-Tracing in Clubs

Die Schweizer Clubs kämpfen mit einem ähnlichen Problem: Die Einführung des Covid-Zertifikats machte eine individuelle Kontaktnachverfolgung unmöglich. Da Gästelisten fehlen, gestaltet sich Contact-Tracing schwierig. Etwa in Basel blieb den Betreibern des Clubs Viertels nach einem Corona-Ausbruch nichts anderes übrig, als Gäste auf Facebook zu informieren.

Auch der Kanton Zürich setzt auf Social Media: «Bei Infektionen arbeiten wir mit den jeweiligen Veranstaltern sowie mit der Bar und Club Kommission Zürich zusammen, um allenfalls notwendige Massnahmen wie das Informieren der Gäste über Social Media zu besprechen», sagt Beat Lauper, Contact-Tracing-Verantwortlicher bei der Zürcher Gesundheitsdirektion. Mehrere Kantone und die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) haben den Bund auf die Problematik aufmerksam gemacht. Weil er weiterhin zuwarten will, schlagen Fachpersonen Alarm.

Wiedereinführung der Kontaktdatenangabe bei Clubs

«Ohne Delta wäre die Pandemie mit den aktuellen Massnahmen und der Impfung wahrscheinlich relativ gut kontrollierbar gewesen. Mit Delta geht’s nun aber erneut los», sagt Peter Tomasi, Facharzt Allgemeine Innere Medizin. Es existiere leider kein genug grosser politischer Wille, die absehbare Eskalation zu verhindern. Eine verlässliche Erfassung der Kontaktdaten der Gäste, vor allem im Gastro-Innenbereich, die Wiedereinführung der Kontaktdatenaufnahme in Clubs und eine bessere landesweite Koordination vom Contact-Tracing könnten zur Stabilisierung der Fallzahlen beitragen, so Tomasi: «Wenn derartige Massnahmen jetzt nicht genügend verstärkt werden, kann man später nur noch mit schmerzhaften Kontaktbeschränkungen reagieren.» Das Potenzial beim Contact Tracing sei bei Weitem nicht genügend ausgeschöpft.

Der Allgemein-Internist plädiert auch für den schweizweiten Einsatz des sogenannten Backward-Tracings. Bei dieser Methode versucht man herauszufinden, wo sich eine positiv getestete Person angesteckt haben könnte und erfasst all ihre Aktivitäten bis rund 14 Tage vor Symptombeginn. «Damit lässt sich die Erfolgsquote stark verbessern», so Tomasi. In fernöstlichen Ländern trage das Backward-Tracing seit den Anfängen der Pandemie relevant dazu bei, die Fallzahlen zu kontrollieren. Er fordert: «Der Bund müsste verbindliche Vorgaben diesbezüglich machen, und sich an den beträchtlichen Mehrkosten beteiligen.»

«Keine verlässlichen Daten»

Grundsätzlich seien alle Kantone in der Lage, das Contact-Tracing sicherzustellen und bei einer weiteren Verschärfung der epidemiologischen Lage rasch aufzustocken, sagt Tobias Bär von der Schweizerischen Gesundheitsdirektorenkonferenz GDK. «Seit Anfang Jahr sind sämtliche Kantone an die Contact-Tracing-Datenbank des Bundes angeschlossen.» Eine Liste der Kantone, die ein Backward-Tracing durchführen, konnte die GDK auf Anfrage jedoch nicht zur Verfügung stellen.

Wie der Branchenverband GastroSuisse sagt, müssen Kontaktdaten zwecks Identifizierung und Benachrichtigung ansteckungsverdächtiger Personen der zuständigen kantonalen Stelle auf deren Anfrage hin unverzüglich in elektronischer Form weitergeleitet werden. «Das vom Bund vorgegebene Schutzkonzept für das Gastgewerbe hält fest, dass der Betrieb bei Nichteinhaltung vom Hausrecht Gebrauch macht», sagt Sprecher Patrik Hasler-Olbrych. «Jedoch gibt es keine verlässlichen Daten dazu, wie viele Gästegruppen ihre Kontaktdaten angeben.»

«Die Schweiz betreibt grossmehrheitlich Pro-Forma-Contact-Tracing»

Herr Steiger*, wie steht es um den Datenschutz in der Kontaktdatenerfassung?

Der Datenschutz ist vom Einzelfall abhängig. Die Verantwortung liegt beim Betreiber der Erfassungssysteme – derzeit gibt es mehrere Dutzend davon. Wie datenschutzfreundlich diese sind, hängt davon ab, ob die Spielregeln eingehalten werden: Dass die Daten nur für das Tracing eingesetzt und nach zwei Wochen wieder gelöscht werden. Damit gab es bei verschiedenen Anbietern schon Probleme.

Gerade Zürcher Clubs weisen vermehrt auf die neue Check-in-Funktion der Swiss-Covid-App hin. Bietet diese eine gute Alternative zum «klassischen» Contact-Tracing?

Diese Funktion ist besser als nichts. Jedoch ermöglicht die App wegen ihrer Anonymität kein Tracing – und die mit ihr einhergehende Eigenverantwortung funktioniert sehr unterschiedlich. Viele reagieren ratlos, gar nicht oder erst bei eigenen Symptomen auf eine Meldung.

Was halten Sie von den bisherigen Tracing-Lösungen in der Schweiz?

Die Schweiz betreibt grossmehrheitlich nur Pro-Forma-Contact-Tracing. So wird für enge Kontakte ignoriert, dass sich Aerosole nicht an einen Abstand von 1,5 Metern halten. Das gilt am Arbeitsplatz oder in der Familie. Infizierte Personen werden ungenügend befragt und betreut. Der Kanton Aargau arbeitet mit Excel-Tabellen. Gerade im Hinblick auf den deutlichen erneuten Anstieg der Inzidenz durch die Delta-Variante wäre es essenziell, endlich ein wirksames, einheitliches Contact-Tracing einführen: Mit moderner Software, die den interkantonalen Austausch sowie mit dem BAG ermöglicht. Zudem sollten gesamtschweizerisch Backward Tracing angewandt werden, das die Entdeckung von Clustern erleichtert.

*Martin Steiger ist Rechtsanwalt und Experte für Recht im digitalen Raum.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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