Missbrauch in der Kirche – «Lügt die ganze Welt an» – Ex-Abt Werlen wütend auf Papst Benedikt XVI.

Aktualisiert

Missbrauch in der Kirche«Lügt die ganze Welt an» – Ex-Abt Werlen wütend auf Papst Benedikt XVI.

Im Zentrum eines neuen Gutachtens über sexuelle Misshandlungen bei der katholischen Kirche steht auch Ex-Papst Benedikt XVI. Er bestreitet allerdings jede Verantwortung. Der frühere Einsiedler Abt Martin Werlen geht jetzt mit Joseph Ratzinger hart ins Gericht. 

von
Daniela Gigor
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Der frühere Einsiedler Abt Martin Werlen wagt es, den früheren Papst Benedikt XVI. mit scharfen Worten zu kritisieren. 

Der frühere Einsiedler Abt Martin Werlen wagt es, den früheren Papst Benedikt XVI. mit scharfen Worten zu kritisieren. 

Franz Kälin/Propstei St. Gerold AT
Werlen sagt: «Ich erhielt Reaktionen von Leuten, die sagten oder schrieben, was passierte, ist zum Kotzen.»

Werlen sagt: «Ich erhielt Reaktionen von Leuten, die sagten oder schrieben, was passierte, ist zum Kotzen.»

Franz Kälin/Propstei St. Gerold AT
Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, wird etwa vorgeworfen, während seiner Amtszeit als Erzbischof nicht angemessen auf bekannt gewordene Missbrauchsfälle reagiert zu haben.

Papst Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, wird etwa vorgeworfen, während seiner Amtszeit als Erzbischof nicht angemessen auf bekannt gewordene Missbrauchsfälle reagiert zu haben.

imago images/APress

Darum gehts

Der frühere Abt von Einsiedeln Martin Werlen dürfte mit seiner neuesten Aktion den konservativen Teil der katholischen Kirchenträger einmal mehr vor den Kopf stossen: Als Propst von St. Gerold lud er am vergangenen Wochenende zu einer sogenannten «Auskotzete» nach Vorarlberg in Österreich ein. Die zweitägige Veranstaltung war innert Kürze ausgebucht. Grund für diese «Auskotzete» ist das am 20. Januar veröffentlichte Missbrauchs-Gutachten von München, das fast 2000 Seiten umfasst. Es belastet auch Erzbischof Joseph Ratzinger, der als Papst Benedikt XVI. in die Geschichte eingeht. 

Laut kath.ch hatten die Gutachter einer Rechtsanwaltskanzlei die Missbrauchs-Taten im Erzbistum München und Freising geprüft und «dabei 235 mutmassliche Täter zwischen 1945 bis 2019 ermittelt. Davon sind 173 Täter Priester gewesen.» Die Anzahl der Geschädigten liegt bei knapp 500. Bei der Präsentation des Berichts betonte der Rechtsanwalt, dass von einer Dunkelziffer auszugehen ist. Betroffen sind Kinder und Jugendliche,  Mädchen und Buben. Wie der Anwalt weiter ausführte, seien die Geschädigten bis 2002 von den Kirchenverantwortlichen «so gut wie überhaupt nicht wahrgenommen worden, falls doch, dann nicht aufgrund des ihnen zugefügten Leids, sondern weil man sie als Bedrohung für die Institution sah.» 

Ratzinger reagierte mit 82-seitiger Verteidigungsschrift 

Ratzinger wird etwa vorgeworfen, während seiner Amtszeit als Erzbischof nicht angemessen auf bekannt gewordene Missbrauchsfälle reagiert zu haben. Für die Gutachter war es auch nicht erkennbar, dass der heute 94-Jährige Verantwortung für die Beschuldigten als auch die Geschädigten übernommen hätte.

 Werlen schreibt auf der Webseite der Propstei: «Ein ehemaliger Papst, der zum Schutz der Institution und seiner Person die ganze Welt anlügt, und mit der Wahrheit nur Stück um Stück herausrückt, lässt die Sprache verschlagen.» Noch deutlicher wird Werlen in einem Artikel, welcher bei kath.ch erschienen ist. Der Zwischentitel lautet: Lügender Papst hat nichts begriffen. Grund: Ratzinger reagierte auf das  Missbrauchsgutachten mit einer 82-seitigen Verteidigungsschrift. Darin schütze Ratzinger sich und das System. 

Opfer von sexueller Gewalt beteiligten sich an der «Auskotzete»

Diesen für Kirchenkreise doch eher ungewöhnlichen Begriff «Auskotzete» wurde in den sozialen Medien kritisiert. Werlen wählte ihn bewusst, «weil ich Reaktionen von Leuten erhielt, die sagten oder schrieben, was passierte, ist zum Kotzen». Darum sollte diese zweitägige Veranstaltung auch dazu dienen, die Wut der Teilnehmenden in Worte zu fassen, sagte der Benediktinerpater auf Anfrage von 20 Minuten. Und: «Viele Teilnehmer haben sich Tränen aus den Augen gewischt.» 

Laut Werlen hatten auch Opfer von sexueller Gewalt an der Veranstaltung teilgenommen: «Darum war es wichtig, ein entsprechendes Gefäss zu finden, um zu sagen, jetzt reichts und dies haben alle geschätzt. Dabei standen nicht Lösungen im Vordergrund, mit denen Werlen die Kirche auf Vordermann bringen möchte, sondern das Entwickeln von Lösungen in Arbeitsgruppen. Jede Person hätte die Möglichkeit, Impulse an die Kirche zu geben. Werlen: «Die Fragen lauteten, was will der Herrgott von uns? Wie nehme ich die Situation wahr und was kann ich zu dieser Herausforderung beitragen und Perspektiven suchen? Aber es geht nicht darum, Schuldige zu suchen.» Die «Auskotzete» ist laut dem Pater positiv verlaufen. 

Wiederholung des Anlasses wird von Teilnehmern gewünscht

«Es gibt bereits Anfragen, ob wir die Auskotzete wiederholen könnten», so Werlen. Teilnehmen würden auch gerne etwa der eine oder andere Kirchenrat. Bis dahin dürfte Werlen die Arbeit in der Propstei St. Gerold nicht ausgehen. «Die Oase der Begegnung» gehört seit dem 13. Jahrhundert dem Kloster Einsiedeln. Pater Werlen übernahm im Sommer 2020 die Gesamtverantwortung der Propstei, die als spirituelles Zentrum der Region gilt. Das vielseitige Angebot wird begleitet von einem Restaurant und Hotellerie. 

Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio und bei den UPK Basel.

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