«Time-Out»: Lüthi & Co. können tun was sie wollen
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«Time-Out»Lüthi & Co. können tun was sie wollen

Marc Furrer (61) wird Nachfolger von Philippe Gaydoul (40). Unser Hockey rudert in ruhige Gewässer zurück. Mindestens bis zur WM.

von
Klaus Zaugg
Marc Furrer führt den Verband in ruhigere Gewässer.

Marc Furrer führt den Verband in ruhigere Gewässer.

Der Präsidentenwechsel beschert unserem Hockey zwar eine Veränderung der Führungskultur. Auf den scheuen, introvertierten Milliardär Philippe Gaydoul folgt der joviale Netzwerker Marc Furrer. Aber kurzfristig ändert sich fast nichts.

Fürsprecher Marc Furrer hat es als Solothurner zur Vorzeigefigur der Berner Politszene gebracht. Dort werden Karrieren durch Beharrlichkeit und gute Beziehungen gemacht. Durch diplomatische Zurückhaltung und nicht durch wagemutige Investitionen und durch das Hin- und Herschieben von Millionen. Die Welt des neuen Präsidenten ist nicht der internationale Jet Set mit Michael Schumacher & Co wie bei seinem Vorgänger. Sondern die Politik, die staatlichen und halbstaatlichen internationalen Organisationen und Gremien und die nationalen und internationalen Sportverbände. Ein Funktionär und Regulator im besten Sinne des Wortes. Aber kein Entrepreneur wie sein Vorgänger

Furrer mag das Scheinwerferlicht

Philippe Gaydoul hatte sich als oberster Funktionär unseres Hockeys nie richtig wohl gefühlt und die Sportwelt nie ganz verstanden. Er tritt zurück, weil er Besitzer der Kloten Flyers geworden ist. Sein Nachfolger Marc Furrer kennt Gänge und Läufe in der Sportwelt und mag Ämter und das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Dort wo es Philippe Gaydoul unwohl geworden ist, dort fühlt sich Marc Furrer wohl und blüht auf.

Er hat seine Karriere 1988 als persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Adolf Ogi begonnen, baute dann das Bakom auf und ist heute Präsident der Eidgenössischen Kommunikationskommission (ComCom). Zwischen 1996 und 2004 war der ehemalige Ruderer auch Präsident des Schweizerischen Ruderverbandes. Seit 2007 präsidiert er die Eishockey-Nationalliga.

Furrer hat ein riesiges Netzwerk

Marc Furrers Beziehungsnetz ist weitverzweigt wie das Wurzelwerk einer fünfhundertjährigen Eiche. Aber er hat keine Kohle. Er wird definitiv nicht dazu in der Lage sein, einen kriselnden Hockeyklub aus eigener Tasche zu retten wie sein Vorgänger. Er ist ein brillanter Politiker und eine Integrationsfigur. Er versteht es, verschiedene Interessen zu bündeln um ein Ziel zu erreichen. Er kann seine Ideen durchsetzen indem er so geschickt vorgeht, dass jede Seite glaubt, es seien ihre Ideen gewesen.

Warum machen die Vertreter der mächtigen Klubs (SCB, ZSC Lions, Davos, Zug) einen wie Marc Furrer zum Präsidenten? Weil sie unter ihm ihre Machtposition im Verband weiter ausbauen und ihre Gestaltungskraft verstärken können und weil mittelfristig alle wichtigen Geschäfte erledigt sind. Der neue TV-Vertrag läuft fünf Jahre und Verbandshauptsponsor PostFinance hat auch vorzeitig um vier Jahre verlängert. Die Finanzen sind geordnet. Nun sind ein paar Jahre Stagnation auf hohem Niveau möglich.

Kein Widerspruch vom Verband mehr

Die Verbandsadministration hat schon unter Philippe Gaydoul ihre Dynamik verloren und ist zum Bundesamt für Eishockey geworden. Dieser Trend wird sich unter dem neuen Präsidenten verstärken. Widerspruch aus den Verbandsbüros haben die Klubgeneräle nicht mehr zu erwarten. Hauptsache, Marc Lüthi & Co. können machen, was sie wollen. Rebelliert wird gegen die neue Führung erst, wenn die Verbandsadministration zu teuer wird. Oder wenn die Nationalmannschaft an der WM weiterhin versagt.

Das «Versailles des Eishockeys», der überdimensionierte Sport-Prachtsbau in Winterthur («Win City»), ist bereits redimensioniert worden. Nach wie vor gibt es keine verbindlichen Verträge mit Investoren und Mietern und nach wie vor ist kein Bagger aufgefahren. Marc Furrer wird darauf achten, dass der Verband in dieser Sache höchstens als Mieter bleibt und nicht ins Risiko kommt. Auch das passt den Klubs.

Furrer hat weniger Geld als Gaydoul

Alles in allem rudert unser Hockey unter dem neuen Präsidenten in ruhige Gewässer der Stagnation und der Windstille zurück. Allerdings nur bis zur WM. Sollten die Schweizer dort im Frühjahr 2013 zum dritten Mal hintereinander die Viertelfinals verpassen, werden selbst der auf Ausgleich bedachte neue Präsident und sein tüchtiger, aber jede Verantwortung sorgsam meidende Verbandsdirektor Ueli Schwarz nicht darum herumkommen, Nationaltrainer Sean Simpson zu feuern.

Leider ist niemand ist auf die Idee gekommen, dem abtretenden Philippe Gaydoul die Schaffung einer «Pleite-Stiftungۜ» ans Herz zu legen. Der Milliardär hätte es ja in der Hand, eine Stiftung mit der Finanzkraft von 50 Millionen anzulegen, die zum Ziel die Rettung maroder Nationalliga-Klubs hat. Gaydoul hat als «Abschiedsgeschenkۜ» bereits Kloten gerettet. Aber sein Nachfolger schliesst es gegenüber 20 Minuten Online explizit aus, dass auch er im Falle eines Falles einen notleidenden NLA-Klub retten könnte. «Bereits aus meiner Steuererklärung kann man ablesen, dass ich dazu nicht in der Lage wäre…»

Weil nun Marc Furrer innerhalb der Verbandsführung ins Präsidentenamt nachgerutscht ist, wird durch Philippe Gaydouls Rücktritt ein Sitz in der Verbandsführung frei. Hockeykompetenz ist genug vorhanden und es wäre möglich, diesen freien Sitz einem Milliardär oder doch einem Multimillionär oder einem gut vernetzten Finanzbeschaffer zu überlassen. Warum nicht einen wie Professor Dr. Bruno Gehrig anfragen? Der Verwaltungsratspräsident der Swiss wohnt ja schon in Winterthur (wo dereinst das «Versailles des Hockeys» stehen soll) und hat sehr wohl eine Affinität für Sport.

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