Streiks: Lufthansa fürchtet schlechtes Image
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StreiksLufthansa fürchtet schlechtes Image

Aus Angst, wegen der ständigen Streiks plötzlich am Boden stehen zu bleiben, meiden Flugpassagiere die Lufthansa. Die Buchungen sind rückläufig. Doch es steht noch mehr auf dem Spiel.

von
S. Spaeth

Letzte Woche ging bei Lufthansa fast nichts mehr. Über 1500 Flüge wurden gestrichen, 166'000 Passagiere bleiben sitzen. Bereits zum wiederholten Mal in diesem Jahr legten die Piloten die Arbeit nieder. Hintergrund des Arbeitskampfs ist ein Lohnstreit. Die Lufthansa-Chefetage will die bisherige Altersgrenze für den Frühruhestand, sie liegt bei 55 Jahren, erhöhen. Die Airline sieht sich nicht mehr in der Lage, die im Branchenvergleich grosszügige Lösung weiter zu finanzieren, was die Pilotengewerkschaft Cockpit nicht akzeptiert.

Mit dem weiter schwelenden Konflikt steigt auch der Schaden für die Lufthansa. Passagiere machen einen Bogen um die ehemalige Vorzeigeairline, weil sie befürchten, plötzlich am Boden stehen gelassen zu werden. «Wir merken einen deutlichen Einbruch bei den Buchungen», sagt ein Lufthansa-Insider zu 20 Minuten. Auf Anfrage will die Fluggesellschaft keine Details zum Buchungsrückgang bestätigen, erklärt aber, dass schon die Ankündigung eines Streiks zur Verunsicherung von Passagieren führe und das Buchungsverhalten negativ beeinflusse.

Zögern Kunden auch bei Swiss?

Der direkte Verlust aus den bisherigen Streiks beläuft sich laut Analysten auf rund 100 Millionen Euro. Hinzu kommt der Effekt, dass Passagiere vorsichtshalber bei anderen Airlines buchen. «Streiks verursachen nicht nur einen direkten wirtschaftlichen Schaden, sondern schaden auch der Reputation mit noch nicht absehbaren Folgen», so Lufthansa-Sprecherin Claudia Lang zu 20 Minuten. Durch die Pilotenstreiks der Vereinigung Cockpit sind in diesem Jahr bereits rund 5900 Flüge gestrichen worden. Davon waren 680'000 Passagiere betroffen.

Analysten rechnen aufgrund der vielen ausgefallen Flügen bereits damit, dass Lufthansa sogar das bereits auf eine Milliarde Euro herunterkorrigierte Gewinnziel verpassen könnte. Aufschluss geben werden die Zahlen des dritten Quartals, die Lufthansa Ende Woche präsentiert. Allein am Montag haben die Lufthansa-Titel 2 Prozent an Wert verloren – seit Jahresbeginn sind es 22,5 Prozent. Zum Vergleich: Die Titel der British-Airways-Mutter IAG sanken in derselben Zeit nur 3,8 Prozent.

Auch aufs Buchungsverhalten der Kunden der Lufthansa-Tochter Swiss könnten die Streiks in Zukunft Auswirkungen haben. Grund für die Angst sind die sogenannten Codeshare-Flüge, bei denen Passagiere zwar bei der Swiss buchen, der Flug aber von der Lufthansa durchgeführt wird. Derzeit ist das bei 17 Destinationen der Fall. Noch haben die Streiks aber keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Betrachte man die Flüge für die kommenden zwölf Monate, sei das Buchungsvolumen im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, so eine Swiss-Sprechern auf Anfrage von 20 Minuten.

Verhärtete Fronten

Dass es der Lufthansa-Chefetage rasch gelingt, die über 5400 Piloten zu beruhigen, ist nicht zu erwarten. Zwar sagt Lufthansa-Sprecherin Lange, man setze alles dran, eine Lösung auf dem Verhandlungsweg zu erreichen. Bei der Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit tönt es allerdings etwas anders: Seit Wochen tue das Lufthansa-Management nichts, um diesen Tarifkonflikt zu beenden.

Diese Rechte haben Passagiere

Wird ein Flug wegen eines Streiks gestrichen, können Passagiere kostenlos umbuchen oder den Flug ganz stornieren. Laut der EU-Fluggastrechteverordnung hat ein gestrandeter Fluggast auch Anspruch auf eine angemessene Betreuung in Form von Verpflegung. Zudem steht gestrandeten Reisenden unter Umständen ein Hotelzimmer zu. Diese Kosten haben die Airlines zu berappen. Bei Annullierung, Überbuchung oder grosser Verspätung haben Passagiere laut EU-Verordnung Anspruch auf eine Entschädigung von bis zu 600 Euro. Dies gilt aber nur, wenn kein «aussergewöhnlicher» Umstand dafür verantwortlich ist. Laut Gerichtspraxis zählen aber genau Streiks zu diesen aussergewöhnlichen Umständen. Gänzlich ausgeschlossen sind Zahlungen an die Passagiere aber dennoch nicht. (sas)

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