«Time-out»: Lugano verliert – na und?
Aktualisiert

«Time-out»Lugano verliert – na und?

Das hat es in unserem Hockey noch nicht gegeben: Eines der nominell besten Teams der Liga verliert und verliert - und nichts passiert.

von
Klaus Zaugg
Der HC Lugano hat derzeit nichts zu Lachen.

Der HC Lugano hat derzeit nichts zu Lachen.

1:9 in Langnau. Und nun auch noch 0:8 vor eigenem Publikum gegen Zug. In jedem funktionierenden Hockeyunternehmen würden solche Resultate zu einer existenziellen Krise führen. Doch eine seltsame Kombination aus mehreren Umständen – zu viel Geld, zu viel Talent, keine Führung an der Bande, keine Führung neben dem Eis – führt dazu, dass es in Lugano windstill bleibt.

Es spielt keine Rolle, ob Lugano gewinnt oder verliert: Der Milliardär Geo Mantegazza sichert die wirtschaftliche Existenz des Unternehmens ab. Was anderorts zu einer wirtschaftlichen Existenzkrise führen würde, lässt das Management in Lugano kalt. Das hat es so noch nie gegeben: Ein Hockeyunternehmen, das genug Geld hat, um jeden Spieler und Trainer zu holen, der auf dem Markt erhältlich ist, verharrt in der grössten Krise seit dem Wiederaufstieg von 1982 in einer Art Schocklähmung.

Alles ist egal

Weil es keine Rolle spielt, ob Lugano gewinnt oder verliert ist es auch egal, wer Trainer ist. Der Franzose Philippe Bozon hat vor seiner Amtsübernahme in Lugano nie in seinem Leben ein Team auf diesem Level gecoacht und hatte schon in der Schlussphase der letzten Saison kläglich versagt (Lugano war im Viertelfinale gegen den SC Bern im letzten Frühjahr völlig chancenlos). Auch seinem Assistenten Sandro Bertaggia fehlt jegliche Erfahrung als Coach auf diesem Niveau. Deshalb hat sich die taktische Ordnung aufgelöst. Aber die Arbeit der Trainer ist vom Management noch gar nie kritisch analysiert worden. Wäre das geschehen, wären die Trainer ja längst ausgewechselt. Sportchef Roland Habisreutinger versicherte nach dem Schandspiel gegen Zug, der Trainer sei kein Thema. Eigentlich dürfte seine Weiterbeschäftigung kein Thema sein.

Weil es keine Rolle spielt, ob Lugano gewinnt oder verliert, gibt es auch keine Reaktion der Spieler – 0:8 vor eigenem Publikum und ab der 19. Minute keine einzige Strafe mehr. Timo Helbling, der Letzte, der sich noch aufgeregt und aufgelehnt hatte, ist längst suspendiert worden (20 Minuten Online berichtete). Es wird mit Anstand und emotionslos verloren. So viel Gelassenheit in der Niederlage hat es seit Einführung der Playoffs noch gar nie gegeben.

Die Lebensqualität bleibt

Aber eben: Siege oder Niederlage haben keinerlei Einfluss auf die hohe Lebensqualität in Lugano. Die Sonne scheint. Der See ist blau. Pünktlich kommt das Salär. Daran ändert auch ein 0:8 gegen Zug nichts. Die «Wohlstandsverwahrlosung» ist bei keinem anderen Hockeyunternehmen Europas so weit fortgeschritten wie in Lugano. Die Spieler sagen sich zu Recht: Lugano verliert – na und?

Dabei wäre es gar nicht so schwierig, die Mannschaft zu stabilisieren und wenigstens in die Playoffs zu bringen. Dafür braucht es drei Massnahmen.

Drei wirksame Sofortmassnahmen

Erstens: Die sofortige Freistellung von Torhüter David Aebischer und das Engagement eines ausländischen Goalies. Keine Mannschaft der Welt kann aus einer Krise kommen, wenn die Torhüter so schwach sind. Aebischers Fangquote steht bei 88,70 Prozent, jene von Pasquale Terrazano bei 88,33 Prozent. Lugano hat mit Abstand die schwächsten Goalies der gesamten Nationalliga (inkl. NLB also).

Zweitens: Die sofortige Freistellung von Trainer Philippe Bozon und die Anstellung eines neuen, kompetenten Coaches, der unbelastet und mit allen Vollmachten arbeiten darf. Zwingend allerdings: Es darf kein Frankokanadier oder Franzose oder ehemaliger Spieler von Lugano sein.

Drittens: Die langfristige Planung muss jetzt beginnen. Die Ausmusterung von Spielern wie Flavien Conne, Petteri Nummelin, Brady Murray und Sébastien Reuille ist dringend notwendig, um wieder eine Leistungskultur aufbauen zu können. Beim HC Lugano machen die Spieler inzwischen in der fünften Saison (seit der Meistersaison 2005/06), was sie wollen und in den letzten drei Jahren hat kein Trainer mehr die Saison beendet. Kein anderes Team in einer wichtigen Liga ist so «uncoachbar» geworden: Auch ein Zirkus funktioniert nicht mehr, wenn es, wie heute beim HC Lugano, im Management, im Trainerstab und unter den Spielern mehr Clowns als Artisten gibt.

Der tiefe Fall der Luganesi

Beim HC Lugano, dem erfolgreichsten Hockeyunternehmen seit Einführung der Playoffs, Meister 1986, 1987, 1988, 1990, 1999, 2003 und 2006, Finalist 1989, 1991, 2000, 2001 und 2004, heisst es inzwischen: Wir verlieren - na und? Nichts ist in einem Sportunternehmen so schlimm und ruinös wie Gleichgültigkeit in der Niederlage. Nie zuvor in unserer Hockeygeschichte ist so viel Geld und so viel Talent so miserabel gemanagt und gecoacht worden.

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