Aktualisiert 02.01.2012 10:44

Empire State

Lukrative Aussichten

Die Aussichtsplattform des Empire State Building in New York generiert enorme Profite. Dies weckt Begehrlichkeiten im Hinblick auf das neue World Trade Center.

von
Martin Suter
Nicht nur bei Hochzeitspaaren ist die Aussichtsterrasse des Empire State Building äusserst beliebt.

Nicht nur bei Hochzeitspaaren ist die Aussichtsterrasse des Empire State Building äusserst beliebt.

Am Stefanstag herrschte in New York wieder einmal jenes gloriose Winterwetter, das bei Auswärtigen Neid hervorruft und Besucher magnetisch in die Stadt zieht. Unter stahlblau gewölbtem Himmel temperierte eine fast alpine Sonne den frischen, aber nicht eisigen Wind in den Strassenschluchten. Der Spaziergang die 5. Avenue hoch war ein belebender Genuss.

Aber nur bis zur 33. Strasse. Ab dieser Querung war fast kein Durchkommen mehr. Touristengruppen standen Schlange hinter einer Abschrankung und verstopften auch das Trottoir davor. Babylonischer Sprachenwirrwarr waberte über die Köpfe. Alle warteten sie auf Einlass ins Empire State Building. Die Besucher von New Yorks höchstem Wolkenkratzer trafen eine gute Wahl, denn die Luft war an dem Tag so klar, dass man glaubte, die Freiheitsstatue mit Händen greifen zu können. Wer es in nützlicher Frist auf die Aussichtsterrassen im 86. oder gar 102. Stock schaffte, wurde mit einem Rundumblick der Sonderklasse belohnt.

60 Millionen Dollar Profit

Lohnen tut sich der Besuchsbetrieb auch für die Besitzer des 443 Meter hohen Art-Déco-Turms, der 1931 in der Rekordzeit von 410 Tagen hochgezogen wurde. Wie die «New York Times» berichtete, machte die Malkin-Familie als Haupteigentümerin im Jahr 2010 mit den Aussichtsterrassen einen Profit von 60 Millionen Dollar. Laut «Times» ist das wesentlich mehr, als über die Vermietung von Büroraum hereinkommt. «Ein verblüffender Haufen Geld – das hätte ich nie gedacht», kommentierte Richard LeFrak, dessen Familie in New York Immobilien mit einer Geschossfläche von 3,7 Millionen Quadratmetern besitzt.

Der Gewinn wird erwirtschaftet, weil sich jedes Jahr rund vier Millionen Besucher – im Schnitt mehr als 10 000 täglich – die Aussicht auf der weltbekannten Terrasse nicht entgehen lassen wollen. Sie zahlen für den Spass, je nach Tickettyp und Alter, zwischen 14 und 55 Dollar. Die meisten lassen auch Geld für Schlüsselanhänger, Schneekugeln oder andere Souvenirs liegen.

Das Empire State Building ist mit seinen Besucherzahlen allen anderen Gebäuden der Stadt weit voraus. Die vor sechs Jahren renovierte Terrasse «Top of the Rock» im 70. Stock des Rockefeller Center zieht «bloss» 2,5 Millionen Touristen an. Amerikas höchstes Gebäude, der von Sears Tower in Willis Tower umgetaufte Wolkenkratzer in Chicago, bringt es trotz schwindelerregender Glasbalkons auf der 103. Etage sogar nur auf 1,4 Millionen Besucher im Jahr.

Neue Konkurrenz durch «1 WTC»

Für New Yorks gegenwärtige Top-Attraktion könnte es enger werden, sobald auf Ground Zero im Finanzdistrikt der World Trade Tower 1 fertig gestellt ist. In dem auf 541 Meter konzipierten Turm ist ein Triplex-Observatorium auf den Stockwerken 100 bis 103 geplant – auf der gleichen Höhe wie einst in einem der 2001 zerstörten Zwillingstürme. Laut «Times» rechnen die Bauherren damit, dass ab 2013 jährlich bis fünf Millionen Besucher die Expresslifts im «1 WTC» besteigen und den Betreibern einen Gewinn von über 100 Millionen Dollar bescheren könnten.

Angeblich rangeln schon acht Firmen darum, die lukrativen Aussichtsetagen managen zu dürfen. Doch die Eigentümer des Empire State Building müssen deswegen kaum darben. Der romantische Reiz seiner Aussichtsterrasse, um die sich King Kong schwang und auf der Cary Grant im Film «An Affair to Remember» Deborah Kerr küsste, wird nie zu übertreffen sein.

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