Luxus für die Kubaner
Aktualisiert

Luxus für die Kubaner

Handys, DVD-Player, Touristenhotels – Schritt für Schritt erhalten die Kubaner Zugang zu bislang verbotenem Luxus. Das freut nicht alle. Die neuen Freiheiten dürften die soziale Kluft im Land vertiefen.

von
Peter Blunschi

Socialismo o Muerte! – Sozialismus oder Tod! Unzählige Male hat Fidel Castro seinen Landsleuten diese Parole eingetrichtert. Seit der schwer kranke «Máximo Líder» die Führung des Karibikstaats im Februar an Bruder Raúl abgetreten hat, weht sachte ein anderer Wind. Beinahe im Tagesrhythmus wurden der Bevölkerung zuletzt kleine Freiheiten gewährt und bislang verbotene Bereiche zugänglich gemacht.

Seit letzter Woche dürfen die Kubaner offiziell Handys erwerben und das Mobilfunknetz nutzen, das bislang Parteifunktionären und Ausländern vorbehalten war. Seit dem 1. April können sie zudem Computer, DVD-Spieler, Motorräder oder Haushaltgeräte kaufen – auch das war Privatpersonen bislang nicht erlaubt. Am Montag gab die Regierung zudem bekannt, dass die Kubaner nun auch in Touristenhotels übernachten und Autos mieten dürfen.

Land für private Bauern

Ebenfalls am Dienstag gab das staatliche Fernsehen bekannt, dass private Bauern und Kooperativen künftig brachliegendes Land pachten dürfen. 51 Prozent des kulturfähigen Bodens werde nicht ausreichend genutzt, hiess es. Orlando Lugo, Präsident der nationalen Bauernvereinigung, sagte, wer Tabak, Kaffee oder andere Erzeugnisse anbauen wolle, werde dafür Land erhalten. Private Bauern bebauen nur einen kleinen Teil des Bodens in Kuba, gemäss Wirtschaftsexperten produzieren sie aber die Hälfte der Nahrungsmittel.

Mit der neuen Verfügung soll die Nahrungsmittelproduktion erhöht und der Export angekurbelt werden. Damit sollen jene Devisen erwirtschaftet werden, mit denen die Kubaner die neuen Konsumfreiheiten finanzieren könnten. Denn diese sind heute für viele Menschen schlicht unerschwinglich. Die Anmeldung für eine Handynummer etwa kostet bislang rund 120 Franken, das entspricht sieben durchschnittlichen Monatslöhnen.

«DVD-Spieler für alle!»

Vor Elektronikläden und Kaufhäusern bildeten sich am Dienstag dennoch längere Schlangen als sonst, obwohl sich viele die teuren Geräte nur anschauen konnten. «Das kommunistische System in Kuba basiert auf sozialer und wirtschaftlicher Gleichheit, aber das bedeutet nicht, dass wir keine DVD-Spieler haben dürfen», sagte eine Besucherin der Agentur AP. «Wunderbar, DVD-Spieler für alle!» rief eine andere Frau beim Anblick der Geräte aus und fügte gleich an: «Aber natürlich hat niemand Geld, um sie zu kaufen.»

Was so nicht stimmt: Zahlreiche Kunden verliessen die Geschäfte sehr wohl mit einem neuen Motorrad oder einer Küchenmaschine. Denn viele Kubaner haben Zugang zu Devisen. Sei es, weil sie für ausländische Firmen oder im Tourismus arbeiten, oder weil sie Überweisungen von Verwandten in den USA erhalten, eine der wichtigsten Devisenquellen des Landes. Die Dollars können in den so genannten Peso Convertible (CUC) umgetauscht werden, der den Zugang zu den Konsumparadiesen ermöglicht.

Zwei Klassen im Arbeiterparadies

Diese Entwicklung enthält Sprengstoff. Denn alle Kubaner gehen leer aus, die mit «normalen» Pesos vorlieb nehmen müssen. Grundnahrungsmittel gibt's dafür relativ preiswert, doch was etwas wert ist, muss mit CUC bezahlt werden. Im «klassenlosen» Arbeiterparadies hat sich eine Zweiklassengesellschaft gebildet. Wer als Tourist in Kuba unterwegs war, kennt die Folgen: Illegaler Verkauf von Zigarren, Rum oder Schmuck, Prostitution – viele tun (fast) alles, um an das begehrte «Hartgeld» zu kommen.

Klagen über die grassierende Korruption bleiben nicht aus, und Beobachter fragen sich, wie weit Raúl Castros Reformen gehen werden. «Es ist eine interessante Bewegung, aber sie wird auch zu neuen Spannungen führen, denn sie macht die Ungleichheiten sichtbar», sagte Bert Hoffmann vom Institut für Iberoamerika-Kunde in Hamburg gegenüber Radio DRS. Für ein System, das sich der sozialen Gleichheit verpflichtet, sei dies eine Belastungsprobe. Eines aber machen die Liberalisierungen für Hoffmann deutlich: «Fidel ist entmachtet.»

Castro-Tochter kämpft für Schwule

Für eine besondere Art von Wandel in Kuba sorgt Mariela Castro, die Tochter von Raúl. Sie leitet das Nationale Zentrum für Sexualkunde und setzt sich für Minderheiten ein. Konkret: Sie drängt im Parlament darauf, das liberalste Gesetz für Schwule und Transsexuelle in Lateinamerika zu verabschieden. Es soll gleichgeschlechtliche Partnerschaften sowie kostenlose Geschlechtsumwandlungen für Transsexuelle ermöglichen. Adoptionen soll es aber nicht geben, und das Wort «Ehe» wird vermieden. «Viele homosexuelle Paare baten mich, darauf zu verzichten, um das Gesetz nicht zu verzögern», sagte Mariela Castro der BBC. Für das von lateinamerikanischer Machokultur geprägte Land ist es dennoch ein beträchtlicher Schritt. Erst vor 15 Jahren wurde Homo-Sex legalisiert, und noch heute verhält sich Kubas lebendige Schwulenszene eher diskret. Mariela Castro sieht trotzdem einen Wandel in der Mentalität und nennt als Beispiel den eigenen Vater: «Früher sah ich ihn als homophoben Macho, aber er hat sich geändert.» Heute unterstütze er sie in ihrer Arbeit, er verlange einzig, dass sie mit Bedacht vorgehe.

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