San Francisco: Luxus-Hochhaus versinkt im Boden
Publiziert

San FranciscoLuxus-Hochhaus versinkt im Boden

Chaos um einen Wolkenkratzer, der im Boden versinkt: Die Bewohner verweigern die Steuern, und die Stadt San Francisco klagt gegen die Bauherrschaft.

von
sut

Der Millennium Tower in San Francisco neigt sich zur Seite. Über die Verantwortung ist ein Streit zwischen Bauherren und Stadt ausgebrochen. (Video: 20min/Ethel Keller)

Pisa liegt neu in Kalifornien – oder so ähnlich. Ein Luxus-Wohnturm mit 58 Stockwerken in San Francisco ist daran, dem schiefen Turm in Italien Konkurrenz zu machen. Der 2008 erbaute Millennium Tower im Finanzbezirk der nordkalifornischen Stadt ist im weichen Untergrund bereits um 40 Zentimeter abgesackt. Und zwar nicht vertikal: Die eine Seite ist um 5 Zentimeter tiefer in den Boden abgetaucht, was dem Turm eine Schlagseite von oben 15 Zentimeter verleiht.

Der Wolkenkratzer gräbt sich in den Untergrund ein, weil er bloss in den aufgeschütteten Boden gesetzt wurde. Seine Untergeschosse sind nicht wie die anderer Türme mit Pfeilern im harten Grundgestein verankert. Nach den Schätzungen eines Ingenieurs könnte der Millennium Tower bis zu 77,5 Zentimeter tief abtauchen.

Murmel kehrt Rollrichtung

Viele Bewohner der Luxuswohnungen im Wert von oft zweistelligen Millionenbeträgen bemerkten die Schieflage anfänglich nicht. Sie wurden auf das Problem aufmerksam, als der Mitbewohner Frank Jernigan ein Video von einer Murmel postete, die auf dem Boden ihre Bewegungsrichtung änderte und dem Gefälle folgend zurückrollte:

Jernigan kaufte die Wohnung mit seinem Ehepartner Andrew Faulk vor fünf Jahren für vier Millionen Dollar. «Wir fühlten uns richtig gut mit unserer Investition», sagte der ehemalige Google-Ingenieur zur «New York Times». Doch jetzt sei die Wohnung nur noch ein Bruchteil des Kaufpreises wert. «Wir fühlten uns betrogen und sind schockiert.»

Steuerstreik als Protest

Wie in solchen Fällen üblich, hat inzwischen ein wüstes Gezerre darüber begonnen, wer für das Desaster verantwortlich ist. Einige Hausbewohner machen die Stadt dafür verantwortlich, weil sie den Bau des Turms nicht überwacht und gestoppt hatte. Letzte Woche schrieb das Ehepaar Pat und Jerry Dodson, das im 42. Stock lebt, einen Brief an die Steuerbehörde von San Francisco und kündigte an, die Grundstücksteuern zurückzubehalten. «Wir halten es nicht für vernünftig, dass eine klar mitschuldige Stadt Grundstücksteuern für ein Gebäude erwartet, dessen Bau nie hätte bewilligt werden sollen», schrieben die Eheleute.

1 / 6
Glänzend, gläsern - schräg: Der Millennium Tower in San Francisco sackt langsam im weichen Untergrund ab. (26. September 2016)

Glänzend, gläsern - schräg: Der Millennium Tower in San Francisco sackt langsam im weichen Untergrund ab. (26. September 2016)

AP/Eric Risberg
Bewohner Jerry Dobson ist ausser sich vor Wut. Er hat für seine Eigentumswohnung Millionen in den Sand gesetzt. Jetzt verweigert er der Stadt Zahlung der Grundstücksteuern.

Bewohner Jerry Dobson ist ausser sich vor Wut. Er hat für seine Eigentumswohnung Millionen in den Sand gesetzt. Jetzt verweigert er der Stadt Zahlung der Grundstücksteuern.

AP/Eric Risberg
Die Stadt geht wiederum gegen die Bauherrschaft vor. Stadtanwalt Dennis Herrera klagt, die Erbauer hätten nichtsahnende Käufer über die wahre Lage im Ungewissen gelassen und damit ausgenützt. (3. November 2016)

Die Stadt geht wiederum gegen die Bauherrschaft vor. Stadtanwalt Dennis Herrera klagt, die Erbauer hätten nichtsahnende Käufer über die wahre Lage im Ungewissen gelassen und damit ausgenützt. (3. November 2016)

AP/Jeff Chiu

Bereits davor ging die Stadt auf die Bauherrschaft los. Anfang November erklärte der Stadtanwalt Dennis Herrera, San Francisco werde eine Zivilklage gegen die Bauherrschaft anstrengen. Ihr wird vorgeworfen, sie habe die Käufer nicht darüber informiert, dass das Gebäude schneller sinke als erwartet. «Sie schritt voran und verkaufte Eigentumswohnungen für einen satten Profit, ohne die Käufer über die Situation zu informieren», sagte Herrera laut der «Times», «das ist der Alptraum jedes Wohneigentümers.»

Wie sicher ist das Gebäude noch?

Die Bauherren gaben zurück, die Klage entbehre jeglicher Grundlage. Schuld an der Lage sei im Gegenteil die Stadt, die angrenzende Grundstücke im Zusammenhang mit einem Bahnhofsbau entwässert und dadurch die Stabilität des Fundaments untergraben habe.

Ob das sinkende Gebäude allmählich unsicher wird, ist nicht klar. Die Bauherrschaft verneint jedes Risiko. Doch selbst ein von den Erbauern des Turms bestellter Ingenieur musste einräumen, dass das Absinken des Turms die Fundamente einer «beträchtlichen Belastung» aussetze.

Deine Meinung