Aktualisiert 23.10.2013 11:55

Krebs, Geburtsfehler

Machen Pestizide Argentinier krank?

Argentinien ist dank Biotechnik drittgrösster Soja-Produzent der Welt. Aber es mehren sich Vorwürfe, dass Missbrauch beim Einsatz von Pestiziden die Menschen krank macht.

von
M. Warren und N. Pisarenko, AP

Niemand hat dem argentinischen Farmarbeiter Fabian Tomasi beigebracht, Schutzkleidung zu tragen, wenn er Unkrautvernichtungsmittel in Sprühflugzeuge pumpt. Heute, im Alter von 47 Jahren, ist er ein lebendes Skelett. Lehrerin Andrea Druetta wohnt in einer Stadt, in der es verboten ist, Agrochemikalien in der Nähe von Häusern zu versprühen. Aber nur wenige Meter von ihrer Hintertür entfernt wird Soja angebaut. Erst vor kurzem erhielten ihre Söhne eine wahre Chemikaliendusche, als sie sich im Garten aufhielten.

Sofia Gaticas neugeborenes Baby starb an Nierenversagen. Ihre hartnäckige Suche nach einer Antwort auf das «Warum» führte schliesslich im vergangenen Jahr zu den ersten Strafurteilen wegen illegalen Einsatzes von Pestiziden. Aber es war nur ein schwacher Trost für die trauernde Mutter und andere Eltern, die sich um die Gesundheit ihrer Sprösslinge sorgen. 80 Prozent von untersuchten Kindern in Gaticas Nachbarschaft weisen Pestizide in ihrem Blut auf.

Wachsende Gesundheitsprobleme

In der Provinz Santa Fe, dem Herzen von Argentiniens Sojaindustrie, liegt die Rate der Krebserkrankungen zwei bis vier Mal über dem nationalen Durchschnitt. Und das sind nur einige wenige Beispiele unter vielen. Ärzte warnen, dass unkontrollierter Einsatz von Pestiziden hinter den wachsenden Gesundheitsproblemen unter den zwölf Millionen Menschen stecken könnte, die im breiten Agrargürtel des Landes leben.

Argentinien war einst bekannt für sein hochwertiges schmackhaftes Rindfleisch von mit Gras gefütterten Tieren. Aber das Land hat seit 1996 eine enorme Transformation erlebt. Da begann der amerikanische Monsanto-Konzern mit der Vermarktung eines vielversprechenden Modells: schnellere und grössere Erträge bei geringerer Anwendung von Chemikalien durch genetisch verändertes Saatgut. Dank dieser Biotechnologie ist Argentinien zum drittgrössten Soja-Produzenten der Welt geworden.

Vieh frisst sich mit Mais und Soja satt

Heute wird in dem Land nur noch Gensoja angebaut, und auch Mais, Weizen sowie Baumwolle sind grösstenteils modifiziert. Der Sojaanbau hat sich auf eine Fläche von 19 Millionen Hektar ausgeweitet und damit verdreifacht, Vieh frisst sich jetzt mit Mais und Soja satt. Aber weil im Laufe der Zeit Unkraut und Insekten zunehmend resistent gegen die eingesetzten Pestizide geworden sind und bis zu drei Ernten im Jahr erzielt werden sollen, mischen Farmer immer häufiger giftigere Chemikalien bei. Insgesamt werden heute in Argentiniens Landwirtschaft achtmal so viel Insekten- und Unkrautvernichtungsmittel eingesetzt wie 1990.

Aber das ist nicht das einzige Problem. Monsantos «Roundup»-Pestizide verwenden Glyphosat, einer der weltweit am häufigsten eingesetzten und am wenigsten giftigen Unkrautkiller. Nach dem Urteil der US-Umweltschutzbehörde (EPA) und vieler anderer Regulierer ist es sicher, wenn es korrekt und vorschriftsmässig angewendet wird. Aber die Nachrichtenagentur AP ist bei einer Untersuchung in Argentinien auf Dutzende Fälle gestossen, in denen das nicht geschieht, Chemikalien leichtsinnig, fahrlässig und gesetzeswidrig eingesetzt werden.

Keine Regeln für Pestizideinsatz

Das gilt etwa für die Einhaltung von Regeln, bis zu welchem Abstand von Wohngebieten Pestizide versprüht werden dürfen. Sofern es solche Regeln gibt: In einem Drittel der 23 argentinischen Provinzen existiert so etwas erst gar nicht. Aber wenn Pestizide bei windigem Wetter eingesetzt werden, können sie in Gebäude gelangen und Trinkwasser verseuchen. In Santa Fe etwa wurden Lehrerin Druetta zufolge Schüler ohnmächtig, als Chemikalien in die Klassenzimmer geweht wurden.

Die AP-Untersuchung ergab unter anderem auch, dass Farmarbeiter Gifte unbeaufsichtigt mischen, in bewohnten Gebieten und ohne Schutzkleidung, und Einwohner Wasser in leeren Chemikalienbehältern aufbewahren. Nach zunehmenden Beschwerden setzte Präsidentin Cristina Fernandez 2009 eine Kommission ein, um die Auswirkungen der Pestizide auf die Gesundheit zu studieren. In einem ersten Report forderte das Gremium «systematische Kontrollen der Konzentration von Herbiziden und derer Komponenten». Seit 2010 ist die Kommission nicht mehr zusammengetreten.

Kinderarzt Medardo Avila Vazquez ist Mitbegründer einer Organisation, die übersetzt ungefähr «Ärzte in chemikalisch besprühten Städten» heisst. Er ist überzeugt davon, dass die geänderten Methoden bei der Agrarproduktion das «Krankheitsbild» im Land verändert haben. «Wir sind von einer ziemlich gesunden Bevölkerung zu einer mit einer hohen Rate von Krebs, Geburtsfehlern und Krankheiten geworden, die wir vorher selten erlebt haben.»

Hohe Krebsrate

In der Farmer-Gemeinde Avia Terai etwa geben 31 Prozent an, dass sie ein Familienmitglied haben, das an Krebs leidet oder litt. Im Dorf Charadai, das sich auf Viehzucht stützt, sind es dagegen drei Prozent. In Chaco, Argentiniens ärmster Provinz, haben sich die Fälle von Geburtsfehlern binnen einer Dekade vervierfacht. Eine Untersuchung in sechs Städten ergab eine höhere Zahl von Erkrankungen in Gebieten, die von Farmland umgeben sind, als in anderen.

Immer mehr Ärzte fordern jetzt unabhängige Langzeitstudien. Regierungen müssten von der Industrie den Nachweis verlangen, dass die Unkraut- und Insektenvernichtungsmittel die Menschen nicht krank machten.

Monsanto betont, dass das Unternehmen «den Missbrauch von Pestiziden oder die Verletzung jedweder Pestizid-Gesetze nicht gutheisst». Das Unternehmen nehme seine Verantwortung für die Produkte ernst, «und wir kommunizieren regelmässig mit unseren Kunden, was den korrekten Einsatz unserer Produkte betrifft», sagte Sprecher Thomas Helscher in einer schriftlichen Stellungnahme.

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