Aktualisiert 12.12.2018 10:10

Bio statt PlastikMacht der Plastik-Verzicht die Produkte teurer?

Der Nationalrat will den Plastikmüll reduzieren. Der Detailhandel soll auf Bio-Verpackungen umsatteln. Die Zeche zahlt der Konsument, warnt das Gewerbe.

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rol
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Der Nationalrat will gegen Plastikmüll vorgehen. Er hat am Dienstag eine Motion seiner Kommission mit 116 zu 58 Stimmen bei 5 Enthaltungen angenommen.

Der Nationalrat will gegen Plastikmüll vorgehen. Er hat am Dienstag eine Motion seiner Kommission mit 116 zu 58 Stimmen bei 5 Enthaltungen angenommen.

Keystone/Christian Beutler
Die Umweltkommission fordert, so viel Plastik wie möglich zu ersetzen sowie Forschung und Innovation zu fördern.

Die Umweltkommission fordert, so viel Plastik wie möglich zu ersetzen sowie Forschung und Innovation zu fördern.

Keystone/Walter Bieri
Ziel ist es, die Umweltverschmutzung durch Plastik einzudämmen.

Ziel ist es, die Umweltverschmutzung durch Plastik einzudämmen.

Ralf Hirschberger

Der Nationalrat geht gegen Plastikmüll vor. Eine entsprechende Motion wurde am Dienstag klar angenommen. Ihr Ziel ist, so viel Plastik wie möglich zu ersetzen – bei Verpackungen und Einwegprodukten – und so die Umwelt zu schonen. Für Nationalrat Bastien Girod (Grüne) sind nun die betroffenen Branchen in der Pflicht, vor allem der Detailhandel: «Es braucht einen Mix aus Massnahmen, der technische Möglichkeiten wie biologisch abbaubare Materialien berücksichtigt.»

Gerade Plastiksäckli, die häufig im Kompost landeten, müssten biologisch abbaubar sein, so Girod. Die gezielte Förderung von Forschung und Innovation sei unabdingbar: Denkbar seien plastikähnliche aber kompostierbare Verpackungen, wie sie ein holländischer Supermarkt bereits anbietet. Ebenso prüfenswert sei ein Farbcode auf Produkten. So könne jeder Konsument gleich sehen, ob eine Verpackung kompostierbar ist oder nicht.

Detailhandel in Abwehrhaltung

Unter Druck geraten nun vor allem Migros, Coop und Co., die im Vorfeld gegen die Motion mobil machten: «Der Detailhandel ist nicht der Hauptverursacher des Plastikmülls», wehrten sich die Branchenvertreter in einem Brief an die Parlamentarier. Das sieht Girod ähnlich: «Deshalb macht es Sinn, die Motion auf alle relevanten Branchen auszuweiten.»

Darauf hofft auch Nationalrat Felix Müri (SVP), der die Motion abgelehnt hat. Sie ziele nur auf den Detailhandel ab, eine Gesamtschau fehle. «Der Ständerat wird diese Lücke korrigieren und auf die ganze Branche ausweiten», ist Müri überzeugt. Die Problematik sei weitaus differenzierter. Littering sei eine Sache - entscheidender für den Mikroplastik in Böden, Luft und Gewässern seien aber Pneuabrieb, Farbrückstände, Zigarettenstummel und Textilien. Deshalb brauche es die Einbindung aller Akteure, nicht nur den Detailhandel.

«Kunden zahlen Aufpreis»

Skeptisch äussert sich Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands: «Ob dieser Entscheid hilft, den Plastikmüll entscheidend einzudämmen, ist fraglich.» Auch er sieht den Detailhandel in der Pflicht, alternative Verpackungen herzustellen. Allerdings ist für ihn klar. Wenn künftig weniger Plastik in den Verkaufsregalen steht, geschieht das auf dem Buckel der Kunden. «Am Ende zahlt der Konsument den Aufpreis dafür», sagt Bigler.

Ob, wann und zu welchem Preis die Plastikverpackungen aus den Ladenregalen verschwinden, ist noch völlig offen. Die IG Detailhandel gab am Dienstag keine Stellungnahme zu den dringlichsten Fragen ab. Nun geht das Geschäft in den Ständerat.

Schweizer sind beim Plastikmüll Meister

Jeder Schweizer verbraucht laut Bundesamt für Umwelt pro Jahr rund 100 kg Plastik, dreimal mehr als im europäischen Schnitt. Ein Drittel des Plastikmülls machen Verpackungen aus, ein Viertel fällt durch die Bauindustrie an, ein Viertel steckt in Kleidern und Spielzeug, ein Zehntel geht auf das Konto der Autoindustrie, ein Zwanzigstel steckt in elektronischen Geräten. Von den 100 kg Plastikabfällen gelangen 600 Gramm als Mikroplastik in Böden, Wasser und Luft. Heisst: Die Schweiz verunreinigt die Umwelt jährlich mit 4,8 Mio. Kilogramm Mikroplastik. Das birgt Gefahren: An die Mini-Plastikteile binden sich alle möglichen Schadstoffe - so wurde schon Plastikmüll mit Blei, Cadmium und Quecksilber im Genfersee gefunden. Wenn er zerfällt, nehmen ihn Fische auf, die später auf unseren Tellern landen. Selbst in menschlichem Kot wurde bereits Mikroplastik gefunden. Noch ist nicht erforscht, wie gefährlich Mikroplastik für Menschen wirklich ist. Erste Studien geben keine Entwarnung: Bei hoher Mikroplastik-Konzentration im Meer wachsen Muscheln nicht mehr richtig. In belasteten Böden ändern Regenwürmer ihr Verhalten und Salatsetzlinge sterben ab.

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